Neue CD des Michael-Wollny-Trio: Wenn die Jazz-Geister rufen!

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Der Leipziger Jazzklavier-Gott und seine begnadeten Mitgroover spielen sich leise und sicher durch die Schatten alter und neuer Musik

Jazz.

Derart disparates Ausgangsmaterial auf die Leine seiner Improvisationskunst zu fädeln, garniert noch mit zwei eigenen Stücken, muss man sich erst einmal trauen. Auf eine Coverversion von George Gershwins "I Loves You Porgy" folgt auf der neuen CD des Michael-Wollny-Trios eine Melodie aus einem amerikanischen Horrorfilm und ein Thema der Dunkelmänner Nick Cave & Warren Ellis. Dann kommen Schmeichelavantgardist David Sylvian, Franz Schuberts "Erlkönig", Duke Ellingtons "In a Sentimental Mood", ein irisches Volkslied - und schließlich eine Spielvorlage des kanadischen Folktrios Timber Timbre. Ja, Pianist Michael Wollny, seinem mit Bassist Tim Lefebvre und Schlagzeuger Eric Schaefer gelingt das scheinbar mühelos. Und zwar so, dass ein Album wie aus einem Guss entsteht.


Es gilt die Regel der Jazzvokalisten, wonach es der Sänger ist und nicht der Song, der die Basis bemerkenswerter Kunst bietet. Die Leipziger Klavier- und Schlagzeugprofessoren und der amerikanische Bassist spielen sich in dicht eingängigen Geweben die Bälle zu und müssen nicht eifern, wenn sie sich gemeinsam auf den Weg machen. Verzahnt und gleichzeitig transparent ist ihr Gruppenklang, wenn sie sich die Spielvorlagen vornehmen. Eine äußerst eingängige CD ist so entstanden, auf der die drei Musiker auf markante Weise gekonnt um die Standards kreisen.

"Als Improvisator spielt man oft nicht die Kompositionen, sondern vielmehr seine eigenen Erinnerungen an diese", erklärt Michael Wollny das Verfahren. "Und diese Erinnerungen kommen im Moment des Spielens wieder zu einem zurück und setzen so ihre Existenz im Hier und Jetzt fort." Das hat etwas geisterhaft Dunkles, was noch durch dezente Elektronikvernebelungen gesteigert wird. So werden die Stoffe an individuelle Erinnerungen gebunden, die etwas traumverloren Gespenstisches haben. Das ergibt ein sehr individuelles, sich oft weit von den Ursprüngen entfernendes Stöbern, das seine Schatten in die Gegenwart wirft, wo das Material neu verortet wird.

Wenn Wollny so Geister, Gespenster und Gestalten zu sich kommen lässt, dokumentiert das ein weiteres Mal eindrucksvoll, dass er aktuell einer der spannendsten und formbewusstesten Jazzpianisten unserer Zeit ist. Ein sinisteres Schwelgen hebt ab, dezent, transparent verwoben und eingängig. Die Pianolinien setzen auf einnehmende Melodik, der Bass grundiert in dunkler Sanftheit, das Schlagzeug forciert raffiniert und nuancenreich, addiert Groove und Puls, die Soundbearbeitungen verleihen den Stücken übernatürlich Magisches wie klaustrophobische Schattenwürfe. So ist dieses Album auch soundtechnisch etwas sehr Besonderes und fügt dem großen Angebot der Jazzpianotrios neue Facetten zu, die auch Produktionsweisen aktueller Popmusik integrieren.

Dies ist keine laute Platte. In dieser Musik stimmt jedes Detail. Das macht sie so exzellent. Ihr Fluss ist voller behutsamer Dynamik. Mit Eric Schaefer arbeitet Wollny seit fast zwanzig Jahren zusammen. An Tim Lefebvre schätzt er auch seine Arbeit am Soundprocessing und seine klangliche Präzision. Tatsächlich ist "Ghosts" ein faszinierendes Songalbum. Unter der Oberfläche wuseln manchmal Spukgestalten aus Hall und Echos, die für eine sanfte Entrückung sorgen. So eingängig die Stücke auch wirken, sie sind originelle und kühne Anverwandlungen der oft kaum wiedererkennbaren Ausgangsstoffe. Auch das macht diese Platte so spannungsreich.

"Gerade im Jazz gibt es nicht die eine definitive Version eines Stückes", begründet Michael Wollny die Arbeitsweise seines Trios. "Speziell Standards suchen einen im besten Sinne des Wortes immer wieder heim, sind nie fertig und tauchen immer wieder auf." Insofern versammelt diese in sich so stimmige CD doch nur Momentaufnahmen, die sich in exzellenter Dramaturgie zu einem wirklich großen Ganzen fügen. Das ist so verführerisch, weil es der Magie der Songs etwas Rätselhaftes lässt, das wieder und wieder zum Hören verführt.

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