Nur ein Wort?

Ein Gericht hat verboten, den Sänger Xavier Naidoo "Antisemit" zu nennen, obwohl dieser in Songtexten judenfeindliche Stereotype verwendete. Die Aufregung über dieses Urteil zeigt wieder einmal: Mit Schubladen kommen wir einfach nicht weiter.

Regensburg/Berlin.

Der Sänger Xavier Naidoo hat sich vor Gericht erfolgreich gegen Antisemitismus-Vorwürfe gewehrt, und damit erneut eine mediale Debattenwelle erzeugt: Dass das Landgericht Regensburg es am Dienstag einer Referentin der Berliner Amadeu Antonio Stiftung untersagte, den Sänger als "Antisemiten" zu bezeichnen, sorgte ebenso für lautstark geäußerte Empörung wie die Begrundung: Die Beklagte habe diesen Vorwurf nicht ausreichend belegen können, so Landgerichtssprecher Thomas Polnik: Zwar handele es sich um eine Meinungsäußerung - die müsse aber angesichts der Schwere der Anschuldigung hinter den Persönlichkeitsrechten Naidoos zurückstehen. Das Urteil hat noch keine Rechtskraft. Die Stiftung, deren Referentin vor einem Jahr im niederbayerischen Straubing vor Publikum über den Sänger der "Söhne Mannheims" gesagt hatte: "Er ist Antisemit. Das ist strukturell nachweisbar" will in Berufung gehen.

"Egal, in welcher Form alte judenfeindliche Stereotype transportiert werden, darf es dafür keine Toleranz geben", sagte Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden: Gerade in der Musikszene müssten viel strengere Maßstäbe angelegt werden als bisher: "Die Kunstfreiheit darf nicht als Deckmäntelchen für Menschenfeindlichkeit missbraucht werden." Die frühere Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch fand die Gerichtsentscheidung auf Twitter unverständlich: "Hass ist keine Meinung, und die Verwendung einer codierten Ausdrucksweise, die sich leicht als antisemitisch verstehen lässt, vergiftet unsere Sprache und unsere Gesellschaft."

Die Kritik ist verständlich, weil Naidoo zum einen in Texten wie "Raus aus dem Reichstag" mit alten antisemitischen Klischees von einer "jüdischen Weltverschwörung" hantiert ("Baron Totschild gibt den Ton an"), vor Gericht aber angab, nicht zu wissen, was diese Codes bedeuteten - und zur Verteidigung außerdem den hebräischen Namen seines Sohnes anführte. Das erinnert dann doch sehr an das beliebte Nichtargument: "Ich kann gar kein Fremdenfeind sein, ich hab schonmal Döner gegessen." Und trotzdem zeigt die Debatte um das Urteil wieder einmal, wie wenig die Musikszene und ihr Umfeld immer noch in der Lage sind, über solche Phänomene zu diskutieren. Denn: Ist die Frage wirklich, ob man Naidoo als Antisemit bezeichnen muss oder nicht?

Das Gericht musste in einem konkreten Fall eine Abwägung treffen, die haarig genug ist - damit spricht es weder Naidoo von den Vorwürfen frei, die gegen ihn moralisch im Raum stehen, noch nimmt es der Gesellschaft die Möglichkeit zur Auseinandersetzung. Deren Problem ist es doch gerade, in der Schubladensortierung festzustecken - insofern ist es wenig hilfreich, die Debatte jetzt auf den Regensburger Richterspruch zu verkürzen. "Rassisten muss man Rassisten nennen" ist ein beliebter, weil schön klingender Satz. Leider transportiert er eine Nicht-Aussage: Gerade die Zuschreibung ist ja das Problem, weil sie, wenn sie simpel gehalten wird, Zwischentöne ausblendet. Wird wirklich zum Rassist im Sinn des Ku-Klux-Klan, wer einen rassistischen Gedanken äußert? Dass dieser Gedanke nicht gut ist, dass es gesellschaftlich sinnvoll ist, an seiner Wurzel zu ziehen, das Gift bereits in der Sprache, im Klischee zu erkennen, ist richtig - nur ist es kaum sinnvoll, mit prinzipieller Wucht aufs Individuum einzuschlagen.

Gerade das Beispiel Naidoo zeigt, wie knifflig das ist, taugt doch gerade der sozial engagierte Mannheimer mit afrikanischen und indischen Wurzeln einerseits schlecht als Prügelknabe - andererseits hat er bereits so viele krude Verschwörungstheorien breitgetreten, dass man ihn auch nicht aufgrund seines friedfertigen Wesens aus der Debatte um hetzerisches Gedankengut heraushalten kann. Das ist einfach keine Ja-Nein-Frage - wir neigen jedoch immer mehr dazu, nur noch solche fragen zu stellen. Wer Naidoo ist, wie man mit ihm umgeht, mit seinem Werk, ist eine diffizile Frage, um die man nicht mit Schlagworten wie "Antisemit" herumkommen kann. Hat der Mann Sätze gesungen, die Juden verächtlich machen? Ganz klar: Ja! Macht ihn dass zum eingefleischten Judenhasser, obwohl Menschen wie Herbert Grönemeyer, die ihn gut kennen, Naidoo bescheinigen, frei von solchen Gedanken zu sein? Gift ist vorhanden, doch man sollte unter Einbeziehung aller Gesichtspunkte seine genaue Konzentration ausmachen, bevor man das Gegenmittel anmischt.

Dabei macht es einem die Popkultur zusätzlich schwer, denn das Spiel mit Stereotypen, mit Phrasen ist dort ja Programm. Klischees und ihre Spannungsfelder werden im Pop, auch dem ernsthaften, fast ausschließlich spielerisch erkundet. Man muss nicht unbedingt Phänomene wie Yung Hurn vor Augen haben um zu erkennen, dass "Popstar" nicht automatisch "Gebildeter Auskenner" bedeutet: Den Rampenlichtmenschen, vorrangig als Unterhalter gebucht, bleibt oft ja gar nichts anderes übrig, als mit vorgekauten Muster zu antworten, wenn man sie nach fundierten Aussagen zu Weltproblemen befragt. Zumal sie, wenn das Image es fordert, dabei schlau wirken wollen: Da hat schon so manche Berühmtheit Unrat in den Ventilator geschmissen. Nur ist das ein prinzipielles Problem - allerdings mit begrenzter Wirkmacht: So schlau, um das zu erkennen, sind die allermeisten Fans dann doch.

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