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Preiskrönung für Matthias Jügler: Die DDR als Kinderräuber

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Der Leipziger Autor hat für seinen neuen Roman "Maifliegenzeit" den Rheingau Literatur Preis bekommen. Das Buch handelt von einer Familie, der auf grausame Weise das Kind weggenommen wird

"Maifliegenzeit".

Wo die Ungewissheit endet, beginnt das Träumen - das ist die Maxime des Vaters von Ich-Erzähler Hans im neuen Roman "Maifliegenzeit" von Matthias Jügler. Der Titel weist auf eine spezifische Naturerscheinung am Oberlauf der Unstrut hin, die der Autor aus der Kindheit kennt: Jügler, 1984 in Halle an der Saale geboren, lebt heute in Leipzig. Doch wie ist das? Unzählige Maifliegen steigen über dem Wasser zum Tanz in den Himmel empor, paaren sich, fallen dann auf die Wasseroberfläche zurück - und werden dort von den hungrigen Fischen bereits als willkommenes Futter erwartet. Die wiederum können von den Anglern nun leicht ertappt und gefangen werden.

Der Roman "Maifliegenzeit" erzählt nach einem realen Verdachtsfall von einem Paar in der DDR, dem nach der Geburt eines Sohnes vorgetäuscht wird, der Säugling sei verstorben. Jüglers "literarische Präzision" erlaube ihm, den Stoff auf knapp 150 Seiten zu fassen und dabei der psychologischen Last der verzweifelten Eltern und den Erlebnissen des Ich-Erzählers gerecht zu werden, lobte die Jury des  Rheingau Literatur Preis, den der Autor soeben dafür zugesprochen bekam: Das Buch "macht einen Schatten der Zeitgeschichte sichtbar", aber erhebe nicht den Anspruch aufzuklären, sondern bleibe ein "Möglichkeitsraum".

So ist die Erzählung auch eher behutsam: Im Mai beziehungsweise zu Pfingsten zieht es besagten Hans immer wieder in diese Region, denn sein Leben wird gerade dort von mehreren Schicksalsschlägen geprägt. Mit seiner Freundin Katrin, die er während des Studiums kennenlernte, pflegt er ein inniges Verhältnis: Am 7. Mai 1978 wird ihr Kind in einer Naumburger Klinik geboren.

Aber kurz danach erscheinen Arzt und Schwestern, die den Tod des Säuglings verbal und schriftlich bescheinigen. Katrin begehrt auf, Hans ist ratlos, und tatenlos lässt er dem Geschehen seinen Lauf. Daraufhin verlässt Katrin ihn und die schon vorbereitete Heimstatt für ihr Kind Daniel nach einer Woche derber Auseinandersetzungen. Die Zweifel am Kindestod werden von Hans zurückgewiesen, schwelen jedoch ständig weiter und belasten ihn zunehmend.

Etwa vierzig Jahre nach diesen Zerwürfnissen - Hans ist inzwischen mit Anne liiert - erhalten beide einen Anruf: Daniel lebe! In einer mit Rückblenden versehenen Handlung werden nun Details des Lebensweges von Hans erzählt. Bilder der Kindheit bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt im Jahre 2018 ergeben einen Spannungsbogen: seine kindlichen Anglerkünste, das Studium in Jena, die Liebe zu Katrin, die zerrüttete Atmosphäre nach deren Flucht, die nervlichen Belastungen aus dem Umstand, nichts unternommen zu haben, als die Todesnachricht über sie hereinbrach. Erst als Hans der neuen Partnerin Anne jenen misslichen Sachverhalt umfassend gebeichtet hatte und sie anregte, sich doch in der Nachwendezeit bei Ämtern und Kliniken nach den wahren Hintergründen zu erkundigen, werden die vormals heftigen Zweifel Katrins wieder lebendig. Aber auch diese Nachforschungen erbringen zunächst keinen Erfolg; der bürokratische Apparat blockt nach wie vor ab.

Das Geschehen kulminiert, als plötzlich jener Anruf erfolgt. Martin lebe, er sei von einer Familie adoptiert worden, wohne nahe Leipzig, und man vereinbart ein Treffen. Daniel alias Martin hatte nämlich ebenfalls recherchiert und seine leiblichen Eltern ausfindig gemacht. Er jedoch lässt Hans und dessen Version in einem dramatischen Dialog abblitzen, denn in seinen Unterlagen wird nachzuweisen versucht, dass ihn die verwahrlosten Eltern seinerzeit einfach weggegeben hätten. Lautstark und verzweifelt trennt man sich. Doch Hans gibt nicht auf, beginnt Briefe an seinen Sohn zu schreiben, bis er einige Zeit später von Martin angerufen wird und der vorsichtig anfragt, ob er zur Maifliegenzeit zu Besuch kommen könne…

Die Handlung ist trotz der zeitlichen Sprünge leicht überschaubar. Ihre emotionale Komponente ist durchweg provokant, weil man die Ursache des vorgetäuschten Kindestodes kaum zu begreifen vermag. Wohltuend ist Jüglers bildhafte Art der Verquickung des konfliktreichen Vordergrundgeschehens mit den Passagen des "Anglerlateins", denn zuletzt gelingt es Hans, eine Barbe aus dem Fluss zu ziehen. Sie kann sich aber nach harten Kämpfen vom Haken befreien und flutscht zurück ins Wasser. Während ein zufälliger Beobachter das als "Pech!" beurteilt, stimmt Hans ein befreiendes Lachen an. Wird er sich mit Martin einigen können?

In den Nachbemerkungen erfährt der Leser, dass es in der DDR etwa 2000 derartiger Fälle von vorgetäuschtem Säuglingstod gegeben hätte.

Das Buch Matthias Jügler: Maifliegenzeit. München: Penguin Verlag 2024. 160 Seiten. Preis 22 Euro.

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