Mirna Funk: "Innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft gibt es keinerlei Wissen zu jüdischem Leben"

"Was fällt mir ein, wenn ich das Wort "Jude" höre? - Die Schriftstellerin stellt sich gegen tief verinnerlichte Vorurteile und kritisiert deutlich absolutes Nichtwissen

Im Zentrum ihres neuen Romans "Zwischen Du und Ich" stehen mit Nike und Noam zwei Figuren, die schwer an ihren jüdischen Familiengeschichten tragen und deren Liebesbeziehung an vergangenem Leiden und gegenwärtigem Schweigen scheitert.
Buchtipp Mirna Funk: "Zwischen Du und Ich", Roman, Deutscher Taschenbuchverlag, 304 Seiten, 22 Euro.

Mirna Funk ist gebürtige Berlinerin, Autorin, Kolumnistin und Schriftstellerin. Nach ihrem viel beachteten Debütroman "Winternähe" (2015) hat sie gerade ihren zweiten Roman "Zwischen Du und Ich" publiziert. Als Jüdin macht sie auch auf Wissenslücken und Antisemitismus aufmerksam und leiht ihr Gesicht und ihre Stimme der Initiative "321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Maurice Querner hat darüber mit der 40-Jährigen gesprochen.

Freie Presse: Frau Funk, unter dem Namen "#2021JLID - Jüdisches Leben in Deutschland" werden bundesweit rund tausend Veranstaltungen ausgerichtet. Darunter auch ein Podcast, an dem Sie maßgeblich beteiligt sind. Worum geht es da?

Mirna Funk: Ich mache zusammen mit der Journalistin Shelly Kupferberg den Podcast #2021JLID, und dort sprechen wir seit Januar 2021 wöchentlich mit jüdischen Stimmen in Deutschland. Denn im Jahr 321 wurde erstmals in Köln Juden erlaubt, zu siedeln. Aber es geht im Podcast nicht um die Geschichte, sondern um das Hier und Jetzt.

Warum ist das notwendig?

Normalerweise ist es so, dass Jüdinnen und Juden nur im Zusammenhang mit dem Triple "Shoa, Nahost und Antisemitismus" interviewt und befragt werden. Innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft gibt es keinerlei Wissen zu jüdischem Leben, jüdischer Religion, jüdischer Tradition oder zu jüdischer Kultur. Wenn man rausginge, um eine Zufallsumfrage zu jüdischen Feiertagen, Riten oder Traditionen zu machen, kämen so gut wie keine Antworten oder falsche. Und wenn wir davon sprechen, dass es seit 1700 Jahren jüdisches Leben auf deutschem Boden gibt, muss doch gefragt werden, warum selbst einfachste Fragen nicht beantwortet werden können. Ich sehe das als ein Riesenproblem, dass viele Menschen, die sich zum Nationalsozialismus oder zum Judentum äußern, eigentlich nichts dazu wissen.

Ist das Wissen um Feiertage oder Traditionen denn tatsächlich so relevant, um sich vorurteilsfrei im Alltag zu begegnen?

Jüdisches Leben sollte nach 1700 Jahren doch als Normalität begriffen werden, und das kann nicht funktionieren, wenn man nicht einmal den höchsten jüdischen Feiertag kennt, nicht weiß, was die Bat Mitzwa ist oder an welchem Tag ein Junge beschnitten wird. Wenn einem zu dem Begriff "Jude" nichts einfällt außer Leichenberge, Orthodoxe oder Israel, dann hat das eben nichts mit jüdisch-deutscher Lebensrealität zu tun.

Sie wollen also eine größere Öffentlichkeit für diese Thematik herstellen?

Das ist nicht meine Aufgabe, sondern eine Aufgabe, der sich die Mehrheitsgesellschaft stellen muss. Diese Lücken müssen geschlossen werden. Sonst haben wir nämlich genau das Problem, was wir in den letzten Wochen auf den Straßen gesehen haben, also dass Juden in Deutschland verantwortlich gemacht werden für Dinge, die in Nahost passieren - mit uralten antijudaistischen Ressentiments, die es seit 2000 Jahren gibt. Aus dem Antijudaismus entwickelte sich der Antisemitismus, und dieser zeigt sich nun im Gewand des Antizionismus. Hitler hat den Antisemitismus nicht erfunden, und er wurde auch nicht mit ihm im Führerbunker ausgelöscht. Judenhass hat eine Jahrtausende alte Tradition, deswegen muss sich jeder die Frage stellen: Was fällt mir ein, wenn ich das Wort "Jude" höre? Welche Bilder schießen mir in den Kopf, was sehe ich, welche Charakterzuschreibungen gibt es, welche Worte fallen mir ein? Und die meisten Dinge, da bin ich mir sicher, die einem einfallen werden, sind antijudaistische Ressentiments.

Die Proteste waren per se antisemitisch?

Vor 1000 Jahren gab es das erste Pogrom auf deutschem Boden gegen Juden, und seit 2000 Jahren werden über Generationen hinweg Judenhass und tief verinnerlichte Vorurteile weitergegeben. Da kann man eben nicht sagen, dass man kein Antisemit ist, nur weil man kein Antisemit sein und mit Hitler, Himmler, Göring oder Eichmann nichts zu tun haben will. Und weil man kein Antisemit sein will, hat man dann eben plötzlich ein Problem damit, was angeblich Israelis mit den Palästinensern machen. Wenn man beispielsweise die Vorstellung hat, die Hamas wäre eine Widerstandsbewegung gegen die israelische Besatzung, dann ist das eben auch ein antisemitisches Ressentiment, weil "der Jude" in der antisemitischen Fantasie ja schließlich als eine unterdrückende, alles beherrschende Elite wahrgenommen wird, obwohl doch Juden 2000 Jahre lang eine unterdrückte Minderheit waren. Und diese Ansicht, dass Palästinenser gegen eine böse, herrschende Gruppe kämpfen, ist Antisemitismus. Es schließt beispielsweise all die Erfahrungen aus, die Juden Jahrhunderte lang in arabischen Ländern machen mussten. Es schließt die Erfahrungen aus von Juden, die 1948 als Menschen zweiter Klasse aus diesen Ländern flüchten mussten, die dort Pogromen genauso wie in Europa ausgesetzt waren. Der Unterschied zwischen Juden in Europa und in arabischen Ländern ist doch der, dass es da keinen industriellen Völkermord gab. Aber die Erfahrung von Pogromen, Ausschluss, Benachteiligung, Demütigung und Mord haben Juden in Europa und in den arabischen Ländern gleichermaßen machen müssen. Wer das einfach ignoriert, weiß nicht, was sich im Nahen Osten tatsächlich abgespielt hat und immer noch abspielt.

Sie leben teilweise in Berlin und in Tel Aviv, wo sie auch Familie haben. Wie erlebte man dort den Beschuss mit tausenden Raketen?

Jeder Israeli kennt Raketen. Das geht so seit Jahrzehnten. Das ist nichts Neues. Ich habe das selbst 2014 während der letzten Auseinandersetzung zwischen dem Gazastreifen und Israel miterlebt und darüber einen Roman geschrieben. Für die Kinder, die nach 2014 geboren sind, war das nun natürlich besonders traumatisch: diese Geräuschkulisse, das Donnergrollen, wenn der Iron Dome die Raketen abfängt, der Raketenalarm mitten in der Nacht, das ist alles total furchtbar. Aber was viele in Deutschland gar nicht wissen, ist, dass Raketen aus Gaza eigentlich die ganze Zeit fliegen. Die Bewohner in Städten nahe am Gazastreifen wie Aschkelon oder Aschdod werden seit Jahrzehnten aus dem Gaza nahezu wöchentlich beschossen.

Was haben Sie für eine Erklärung dafür, dass nicht wenige Menschen offenbar nur einen eingeschränkten oder auch einseitigen Blick auf das haben, was in Israel geschieht?

Menschen fühlen und denken leider immer nur aus ihrer unmittelbaren Erfahrungswelt heraus. Und was in Israel geschieht, hat eben nichts mit Europa oder Amerika zu tun, sondern mit dem Nahen Osten. Die Auseinandersetzungen sind nicht auf Israel begrenzt, sondern beziehen sich auf den gesamten arabischen Raum. Es geht nicht nur darum, dass die Palästinenser ihren eigenen Staat haben wollen. Den hätten sie längst haben können. Es geht um innerarabische Kämpfe, Feindschaften und Allianzen. Und diese werden auf israelischem Boden und darüber hinaus auch auf Social-Media-Kanälen ausgetragen. Das hat mit den Palästinensern überhaupt nichts zu tun. Und das ist dabei das wirklich Tragische, dass die Palästinenser in Wahrheit allen völlig egal sind.

Jüngere Studien besagen, dass man teilweise antisemitische Tendenzen bei etwa einem Viertel der Deutschen finden kann. Seit 2018 gibt es auf Bundes- und Länderebene Antisemitismus-Beauftragte. Sie haben seinerzeit diese Institutionen kritisiert. Warum?

Alles was ich gesagt habe, ist, dass wir Antisemitismusbeauftragte haben, die keinen jüdischen Background haben. Mittlerweile passiert das aber. Felix Klein zum Beispiel hat nun ein solches Gremium, das aus jüdischen Institutionen und Einzelpersonen zusammengesetzt ist. Ihnen muss die Möglichkeit gegeben werden, Dinge, die zu entscheiden sind, auch zu beeinflussen. Sie müssen gehört werden.

Sie haben einen berühmten Urgroßvater, der in Chemnitz geboren ist: Stefan Hermlin. Haben Sie ihn noch bewusst kennengelernt, und wie ist es, in seine Fußstapfen zu treten?

Ich habe ihn tatsächlich noch kennengelernt. Aber ich möchte nicht, dass ich oder meine Arbeit auf ihn reduziert werden. Ich sehe mein Leben und Wirken völlig unabhängig von ihm. Klar habe ich Bücher von ihm gelesen, aber ich finde es ganz schwierig, von Fußstapfen zu sprechen. Sein Werk hatte überhaupt keinen Einfluss auf meine Arbeit. Die einzige Parallele, die ich sehe, ist, dass wir beide Schriftsteller geworden sind. Das kann auch ein großer Zufall sein. (MQU)

Jüdisches Leben in Deutschland - Zahlen und Fakten 

Der Verein "21-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" will auf die Vielfalt des aktuellen jüdischen Lebens in der Bundesrepublik aufmerksam machen - mit Ausstellungen, Podcasts, Vorträgen, Konzerten, Videoprojekte, Theatervorstellungen und Lesungen.

Geschätzt 150.000 Jüdinnen und Juden leben heute in Deutschland. Dies ist nur dank der Zuwanderung aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion seit den 90er-Jahren, Zehntausenden Israelis, die nach Berlin kamen sowie Jüdinnen und Juden möglich, die nach 1945 bereit waren, trotz der Shoa wieder in Deutschland Fuß zu fassen: Sie alle prägen heute das Bild des deutschen Judentums und sind gleichzeitig Teil der Gesellschaft.

Das Bundesinnenministerium fördert das Jubiläum mit insgesamt rund 22 Millionen Euro. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien stellt für einzelne Projekte weitere 1,6 Millionen zur Verfügung.

2351 antisemitische Straftaten erfassten die Behörden 2020. Das waren rund 16 Prozent mehr als im Vorjahr. 57 der Taten waren Gewalttaten. Ein Großteil der angezeigten Delikte ging wie in den vergangenen Jahren auf Tatverdächtige aus dem rechten Milieu zurück (rund 95 Prozent). Die Straftaten reichen von Sachbeschädigung über verbale Hetze bis hin zu körperlichen Attacken gegen Jüdinnen und Juden.

"Verwoben: 800 Jahre jüdisches Leben in Freiberg" - eine Spurensuche ist der Titel einer Ausstellung in Freiberg. Sie zeigt seit Freitag bis zum 14. Juli in der Nikolaikirche Freiberg die vielfältigen, dennoch kaum bekannten Facetten jüdischen Lebens in Freiberg vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Überdies macht sie die Leistungen jüdischer Menschen für die Entwicklung dieser für die wettinisch-sächsische Geschichte bedeutsamen Stadt sichtbar.

Die religiöse Volljährigkeit heißt bei Mädchen Bat Mizwa, "Tochter des Gebots". Bar Mizwa bedeutet "Sohn des Gebots". Als Bat Mizwa und Bar Mizwa übernehmen Mädchen und Jungen alle religiösen Rechte und Pflichten eines Mitglieds der jüdischen Gemeinschaft.

Am achten Tag nach der Geburt beschneiden Juden ihre neugeborenen Söhne. Die Beschneidung (Brit Mila) jüdischer neugeborener Jungen gehört zum Wesen des Judentums. Sie markiert den Eintritt in die jüdische Gemeinschaft und symbolisiert den Bund zwischen Gott und Abraham respektive Gott und den Juden.

Der höchste jüdische Feiertagist Yom Kippur, ein Tag des Fastens, der Reue, Buße und des Gebets. (mqu)

www.zentralratderjuden.de

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