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Strawalde: Als ein Künstler den Arbeiter-und-Bauern-Staat beim Wort nahm

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Der Maler und Filmemacher Jürgen Böttcher ist für seine geniale Doppelbegabung berühmt. Nach einer kurzen Phase der Popularität als Strawalde scheint er nun, zu seinem 90. Geburtstag, wieder fast vergessen - zu Unrecht. Nun

Frankenberg.

Jürgen Böttcher ist Jahrgang 1931. Einer seiner berühmtesten Filme, sein einziger Spielfilm, heißt "Jahrgang 45", und er wurde 1966 schon vor der Uraufführung verboten. Erst 1990 war er öffentlich zu sehen. Dabei erzählt er wahrhaftig und poetisch über die Brechtschen "Mühen der Ebene" in der DDR, in der eben nicht nur vorwärtsdrängende junge Sozialistinnen und Sozialisten am Aufbauwerk waren, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, mit Sehnsüchten, Wünschen, Ängsten, Fehlern, die sie zu Individuen jenseits verordneter Kollektivität machten.

Jürgen Böttcher, der den Krieg noch erlebt hatte, "wenn auch nur einige Tage", wie er sagt, wurde von jener Zeit geprägt. Geboren am 8. Juli in Frankenberg, wo sein Vater Studienrat, seine Mutter Buchhalterin war - beide historisch und musisch gebildet - zieht die Familie nach Restriktionen durch die Nazis 1938 nach Strawalde in die Oberlausitz. Die Familie ist arm und bleibt es über das Kriegsende hinaus. 1944 wird Jürgen Böttchers älterer Bruder als Soldat bei einer Übung mit einer Platzpatrone erschossen - 1958 erinnert Jürgen Böttcher mit dem Bild "Beweinung" an das traumatische Erlebnis, das seine Kindheit beendet: Fassungslos steht die Familie um den toten Jungen, Wände, Boden, Fenster des Zimmers leer, als wollten sie nach all der Unmenschlichkeit, die die Nazis über die Welt gebracht hatten, erst wieder neu gefüllt werden. 1949 beginnt der junge Mann ein Studium der Malerei an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, unter anderem bei Rudolf Bergander und Wilhelm Lachnit. Im selben Jahr tritt er in die SED ein - und bleibt der Partei lange treu. Obwohl er schon früh ihre harte Hand spürte, wie er erzählt: "Ich war von dem Krieg und dem Schuldgefühl so erschüttert und hab dann die russischen Filme gesehen und Brecht und so, ich wollte einfach an die Seite dieser Leute. Und dann in der Partei und auch schon an der Akademie, kriegte ich wegen eines Selbstbildnisses ein Parteiverfahren und sollte rausfliegen, als Existenzialist und als sonst was, Formalist. Also, ich war immer solche Angriffe gewohnt." Und er lebt immer noch in prekären Verhältnissen. Als Student verfeuert er manchmal ganze Stapel von Zeichnungen, "wenn man mal wieder heizen wollte". Ab 1953 arbeitet Jürgen Böttcher, der sich als Maler Strawalde nennt, freischaffend in Dresden. Zufällig bekommt er eine Stelle als Volkshochschullehrer - zu seinen Schülern gehören unter anderem die bald bedeutenden Künstler Peter Herrmann, Peter Graf, Peter Makolies und Ralf Winkler, der als A. R. Penck später berühmt wird. Sie setzen sich mit Picasso auseinander, mit Sartres Existenzialismus, beeinflussen zum Teil wechselseitig ihre Malstile. Böttcher ist auch von den frühen sowjetischen und neorealistischen italienischen Filmen beeindruckt.

Solche Filme möchte er auch drehen, also beginnt Böttcher 1955 ein Regiestudium an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, nach dessen Abschluss er 1960 als Regisseur im Defa-Studio für Dokumentarfilme angestellt wird. Und er nimmt den selbst ernannten Arbeiter-und-Bauern-Staat beim Wort, dreht noch immer sehenswerte und beeindruckende Filme über "Ofenbauer", eine "Arbeiterfamilie", "Wäscherinnen", "Rangierer". Walter Heynowski ("Der lachende Mann"), ein ebenfalls bekannter, sehr linientreuer Dokumentarfilmer in der DDR, habe mal über ihn gesagt, so Jürgen Böttcher, "der wird noch das Branchenbuch verfilmen". Wird er nicht - aber er nimmt die Arbeiterinnen und Arbeiter ernst, zeigt sie als Menschen, die schwer schuften müssen für ihre meist nicht hohen Löhne, die zusammenhalten, auch gegen die Obrigkeit, gemeinsam lachen, gemeinsam schimpfen und manchmal auch die Nase voll haben von diesem Leben. So wie "Drei von vielen", ein Film über Böttchers drei Malerfreunde Herrmann, Makolies und Graf, die sich nicht als elitäre Künstler, sondern eben als "drei von vielen" begreifen. Auch dieser Film, 1961 entstanden, wird verboten.

Neben seiner Filmarbeit malt und zeichnet Jürgen Böttcher, oft mit Tusche und in Mischtechniken, zuweilen auch in Öl. Es entstehen unzählige faszinierend-intuitive Bilder - zum Teil nach klassischen Vorbildern, zum Teil als Übermalungen von Kunstpostkarten, zum Teil als tagebuchartige Notizen, die eine unbändige, streitbare Lebenslust einfangen, die sich immer wieder an den gesellschaftlichen Verhältnissen stößt. Ausgestellt werden Strawaldes Arbeiten zunächst kaum, und wenn, dann lösen sie oft politische Kontroversen aus. Vielleicht, weil es, wie Böttchers Freund Wolf Biermann sie einmal beschrieb, "schönste Schreckensbilder" sind. Zu den wenigen Galerien, die seine Bilder in den 70er- und 80er-Jahren zeigen, gehören das Dresdner Leonhardi-Museum und die Karl-Marx-Städter Galerie Oben. Erst spät erhält Jürgen Böttcher öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung: 1994 zeichnet ihn der französische Staatspräsident François Mitterrand mit dem Titel "Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres" für sein künstlerisches Gesamtwerk aus, 2001 erhält er das Bundesverdienstkreuz. Vielleicht hätte er international mehr Erfolg gehabt, wenn er vor 1989 in den Westen gegangen wäre, vermutet Strawalde auch selbst - aber das wollte er nicht. In der DDR, so erzählt er in einer MDR-Dokumentation, habe er sich "immer verbunden gefühlt mit neuen Versuchen in der Welt, Kuba, Nicaragua, Chile - die versucht haben, Sozialismus zu machen, der dann meistens nicht klappte." Er sei dem "lange treu geblieben, wenn dann auch die Illusionen weg waren".

Bestand hat sein Werk - vielleicht schaffen es die Kunstsammlungen Chemnitz, dem Künstler und Regisseur Jürgen Böttcher zum 100. Geburtstag eine würdige Ausstellung nahe seinem Geburtsort zu widmen. Verdient hätte er es schon jetzt.

Die Dokumentation des MDR-Fernsehens über den Künstler Strawalde finden Sie ab sofort in der ARD-Mediathek. Sie wird überdies am heutigen Donnerstag, 23.10 Uhr im MDR-Fernsehen ausgestrahlt.

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