"Theater im Erzgebirge ist einzigartig"

Die 125. Spielzeit läuft derzeit am Theater in Annaberg-Buchholz - Ein Gespräch mit Intendant Ingolf Huhn, nicht nur zum Geburtstag

Annaberg-Buchholz.

Der Plan für die 126. Spielzeit steht. Doch noch steckt das Eduard-von-Winterstein-Theater in seiner Jubiläumssaison - mitten im "Heißen Sommer" auf der Freilichtbühne an den Greifensteinen. Wo sieht Intendant Ingolf Huhn sein Haus in der Theaterlandschaft in Sachsen? Antje Flath hat mit ihm über reiche Traditionen, stetig klamme Kassen und viel Zauberei gesprochen.

Freie Presse: Die 125. Spielzeit am Eduard-von-Winterstein-Theater neigt sich allmählich ihrem Ende entgegen - noch bis zum 2. September wird die Freilichtbühne an den Greifensteinen bespielt. Wie fällt ein erstes Fazit Ihrerseits aus?

Ingolf Huhn: Wir sind sehr zufrieden. Für das zu Ende gegangene Kalenderjahr stehen etwa 93.000 Besucherinnen und Besucher zu Buche - deutlich mehr als in den Vorjahren. Eine Tendenz, die sich auch im neuen Jahr fortgesetzt hat. Und auch an den Greifensteinen werden wir in diesem Sommer regelrecht "überrannt". Bis zur Halbzeit nach 32 Vorstellungen konnten wir - trotz ein paar Regenausfällen am Anfang der Saison - bereits knapp 19.000 Gäste begrüßen. Und mit dem Musical "Heißer Sommer" ist einer der besonderen Publikumsmagneten erst vor wenigen Tagen angelaufen. Zudem steht mit dem "Zigeunerbaron" von Johann Strauß noch eine Premiere aus.

Das Ensemble des Eduard-von-Winterstein-Theaters ist mit aktuell jeweils neun Akteuren in den beiden Sparten Schauspiel und Musiktheater vergleichsweise klein, umso mehr aber verankert in den Herzen seines Publikums. Was macht für Sie das Geheimnis dieser Verbindung aus?

Theater im Erzgebirge ist einzigartig. Diese Landschaft, die sich selbst so nah ist, mit Menschen, die in großer Selbstverständlichkeit hierher gebunden sind, hier sein wollen, hier arbeiten und viel schaffen - das versteht in der übrigen Welt da draußen kaum jemand. Und das alles schauen andere mit Staunen und Bewunderung an. All das, was wir hier täglich erleben - die Nähe untereinander und zur Natur, der Zusammenhalt der Generationen und die tief greifende Lebensgewissheit - prägt seit vielen Jahrhunderten das Leben im Erzgebirge mit einer Kraft, die anderswo kaum greifbar ist. Ein Theater, das hier eingewurzelt ist, das hierhin gehört - mit einem Orchester, das als Konzertpublikum den ganzen großen Erzgebirgskreis hat, und mit einer Felsenbühne, auf der die bunten Kostüme aussehen, als gehörten sie gerade so in die Berge hinein -, ein solches Theater hat großes Glück und eine große Aufgabe.

Die auch in der einzigartigen Geschichte des Hauses begründet liegt?

Ja. Denn der Neubau des heutigen Theatergebäudes war seinerzeit nur durch eine in der deutschen Theatergeschichte einzigartige Initiative der Bürgerschaft möglich geworden. Ein Kaufmann aus der Stadt hatte am 18. Juni 1887gemeinsam mit Gleichgesinnten einen Theaterbauverein gegründet, durch dessen unermüdlichen Einsatz und sehr hohe Beteiligung an den Baukosten der Traum vom Annaberger Stadt-Theater 1893 wahr werden konnte.

Apropos Kosten. Knappe finanzielle Ressourcen begleiten Sie seit Beginn Ihrer Arbeit als geschäftsführender Intendant des Hauses seit 2010. Sie haben darauf einmal mit dem Ausspruch reagiert: "Unser Theater ist arm, aber wir können zaubern." Verraten Sie uns die Zauberformel?

Der Trick ist das Ensemble. Denn das Wichtigste auf der Bühne sind die Menschen: Schauspieler, Sänger, Musiker. Nur mit ihnen entsteht Theater. Und dazu gehören dann auch die Leute an allen anderen Stellen im Haus, die Theater machen wollen für das Erzgebirge. Die dafür oft an ihre Grenzen und sogar darüber hinaus gehen. Und die versuchen, mit den vorhandenen Ressourcen das Maximale zu erreichen. Dazu kommt der unmittelbare Kontakt zum Publikum. Es ist wundervoll, so dicht dran zu sein - sowohl auf der Bühne, als natürlich auch im täglichen Leben in der Stadt.

Wie sieht die finanzielle Situation aktuell aus? Mit welchen Aussichten geht es in die neue Saison?

Seit mittlerweile 15 Jahren gehören Haustarifverträge, verbunden mit Lohnverzicht, zum Alltag im Haus. Parallel dazu musste die Arbeit immer schneller und immer intensiver werden. Eine enorme Belastung für alle Beteiligten, die wir aber gerade versuchen, herunterzufahren. Zudem hören wir mit großen Ohren, dass das Land Sachsen die Haustarifverträge in den Theatern und Orchestern mit Beginn des neuen Jahres ablösen will. Dafür will der Freistaat in den nächsten vier Jahren 40 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung stellen. Eine aus meiner Sicht längst überfällige Entscheidung - bei der es auch darum geht, ehrlich zu sein. Denn die Kultur im ländlichen Raum lebt davon, dass Leute eben unter anderem Theater spielen wollen. Aber sie müssen davon auch leben können.

Wo sehen Sie das Annaberg-Buchholzer Theater mit seiner 125-jährigen Geschichte in der traditionsreichen Kulturlandschaft in Sachsen - insbesondere im Vergleich zu Häusern wie in Freiberg oder Plauen-Zwickau beispielsweise?

Wir arbeiten musikalisch und szenisch auf sehr hohem Niveau - deutlich über dem Standard unserer Preisklasse. Das wird uns auch von außen immer wieder bestätigt. So können wir trotz des kleinen Ensembles hoch Anspruchsvolles inszenieren. Dafür bin ich sehr dankbar. Und damit können wir uns durchaus vergleichen mit den Häusern in Freiberg und Plauen/Zwickau - und an manchen Stellen sind wir stolz darauf, besser zu sein. Aber das Winterstein-Theater mit seiner Erzgebirgischen Philharmonie ist etwas ganz eigenes - eine Perle im Erzgebirge, die wir pflegen wollen.

Mit dem Theaterfest am 15. September fällt der Startschuss für die neue Spielzeit. Auch in der gibt es ja wieder etwas zu feiern.

Die Erzgebirgische Philharmonie feiert ihren 130. Geburtstag. Die Feier wird zwar etwas kleiner ausfallen als vor fünf Jahren, aber aufmerksam machen wollen wir auf das Jubiläum trotzdem - gemeinsam mit dem Förderverein des Orchesters. Unter anderem wird es im Februar zwei große Geburtstagskonzerte geben.

Gestartet wird die Saison aber mit einem besonderen Coup.

Die Olsenbande schlägt wieder zu. Nach fünf Jahren Abstinenz kehrt das Gaunertrio auf unsere Theaterbühne zurück - mit seinem legendären Theatercoup. Dabei arbeiten sich Egon, Benny und Kjeld während eines Konzertes im Takt der Musik mit Brecheisen, Bohrmaschine und Sprengsätzen unbemerkt zum Theatertresor vor. Die zweite große Theaterfassung, die aus den insgesamt 13 Filmen entstanden ist.

Und was zaubern Sie sonst noch so auf die große Bühne?

Es wird wieder klassisches Schauspiel mit großem aktuellen Zeitbezug geben. Wir setzen unsere Tradition der Opernausgrabungen fort und zeigen eines der letzten großen Lortzing-Werke, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr gespielt wurde. Es wird wieder die große italienische Oper geben, Musicals in beiden Sparten und Operette natürlich. Und wir bieten auch wieder Theater für die Allerkleinsten an - Mädchen und Jungen ab vier Jahren. Eine Reihe, die wir vor drei Jahren mit dem Singspiel "Die sieben Geißlein" erfolgreich begonnen haben.

Den ausführlichen Spielplan für die 126. Spielzeit des Eduard-von-Winterstein-Theaters finden Sie unter www.winterstein-theater.de

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