Wenn Irre Blinde führen

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In der aktuellen Dresdner Inszenierung von "König Lear" stehen die Töchter im Mittelpunkt - und ein Narr.

Theater.

Rechtschaffen und ehrlos. Gut und böse. So einfach macht es sich Regisseurin Lily Sykes in ihrer Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Staatsschauspiel Dresden nicht. Als Debütantin am Haus durfte sie damit gleich die Spielzeit eröffnen. Noch gedämpft mit Corona-Auflagen, aber hoffnungsvoll.

Der in London geborenen jungen Regisseurin geht es um eine Bestandsaufnahme aus der Sicht der drei Töchter des Herrschers. Der will unter ihnen sein Reich aufteilen, mit Bedingungen: Sie müssen ihm ihre Liebe beweisen, ihn und sein Gefolge bei sich aufnehmen. Schon früh wird klar, warum die Bühne von Jelena Nagorni so und nicht anders gestaltet wurde. Kuppelförmig, mit Silberpapier ausgeschlagen und über den Köpfen ein überdimensionaler Ventilator, mal schneller, mal langsamer drehend, hinab- und hinaufschwebend, Schießscharten als Fenster - ein Tribunal, kalt, feindlich gefühllos.

Geprägt von ihrem despotischen Vater versuchen die zwei älteren Schwestern (Agnes Mann, Karina Plachetka) an die Macht zu kommen. Nur die jüngste Tochter (Kriemhild Hamann) versagt ihrem Vater die Gefolgschaft. Eine zarte Rebellion mit Konsequenzen. Cordelia wird vertrieben und zur Strafe mit dem König von Frankreich verheiratet. Als die gleiche Schauspielerin später an der Seite Lears in die Rolle des Narren schlüpft, gelingt der Regisseurin ein vortrefflicher Schachzug. Ist es nicht der Narr, der anderen die Augen öffnet, den Spiegel vors Gesicht hält, zu kreativem Denken auffordert? Nur, wann sind die Menschen zu Lears wie zu unseren Zeiten bereit, wieder miteinander zu reden, ohne Gewalt und mit Weitsicht?

Wie Lear kann auch seine enge Vertraute Gloster (Hannelore Koch) nicht zwischen wahrer Liebe und Komplott unterscheiden. Sie glaubt der Intrige ihres außerehelichen Sohnes Edmund (Matthias Reichwald), der seinen Bruder Edgar (Marin Blülle) verleumdet. Edmund verstellt sich als zögernder Verräter gut. Aber die Regisseurin verteufelt ihn nicht. Die Wurzeln seines Handelns liegen tief. Der von allen als Bastard beschimpfte und gekränkte Edmund kann aus seiner Sicht nicht anders handeln. Genau so ist es bei den beiden älteren Lear-Töchtern. Ohne Mutter aufgewachsen, waren sie dem tyrannischen Vater ausgeliefert. In jeder Hinsicht. Als sich die Schwestern an Kindheitserlebnisse erinnern und Regan von einem Riss im Nachthemd erzählt, wird klar, dass es um mehr als Vaterliebe geht. Diese Lasten müssen die jungen Frauen tragen. Als sie seine Bedingungen nicht mehr akzeptieren, werden sie zu ebensolchen Tyrannen wie ihr Vater, lassen foltern, einsperren und stechen Gloster als Gefolgsfrau des Königs die Augen aus. Als Regan die eiserne Faust des Vaters überstreift, wird klar: Die Welt bleibt, wie sie ist.

Trotzdem gibt es Regungen. Etwa, wenn Lear am Ende eine Narrenkappe trägt und eingesteht, er habe sich zu wenig um die Menschen gekümmert. Eine Erkenntnis, ohne die es keine Umbrüche gibt.

Torsten Ranft als Lear gelingt der Spagat vom Despoten zur bedauernswerten Kreatur. Auch wenn das knapp drei Stunden dauernde Stück immer dann einige Längen aufweist, wenn die Handelnden miteinander kämpfen und sich im Wasser wälzen, so bleiben die Aussagen über eine Gesellschaft, die sich neu erfinden muss. "Das ist die Krankheit unserer Zeit, dass Irre Blinde führen", ruft die geblendete Gloster ihrem Sohn Edgar zu. Das wäre der perfekte Schlusssatz für eine Inszenierung gewesen, die Shakespeare nicht neu, aber erschreckend aktuell erzählt.

Nächste Vorstellungen von "König Lear" am 24. und 25. September, jeweils 19.30 Uhr im Staatsschauspiel Dresden. Tickets: 0351 4913555.

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