Ein sonniger Nachmittag, ich knie am Grab meines Vaters. Nicht aus religiösen Gründen. Sondern, weil das Unkraut schon wieder nachgewachsen ist. Nebenan arbeitet mein Mann am Grab meiner Mutter. Die Große (5) pflückt Wiesenblumen und probiert aus, ob sie wieder anwachsen. Der Mittlere (2) dreht ständig den Wasserhahn auf. Ist auch egal, nasser kann seine Hose nicht mehr werden. Der Kleine (3 Monate) meckert.

Die Große meckert nicht. Für sie gehören „Besuche“ bei Oma und Opa dazu. Irgendwann fing sie an, nach ihren Großeltern zu fragen. So kam das Thema Tod bei uns auf den Tisch. Kinder machen sich merkwürdige Vorstellungen, wenn man nicht darüber spricht: „Ich will nicht vergraben werden, wenn ich tot bin!“ sagte das Mädchen einmal. Da muss man dann erklären, was nicht erklärbar ist. Dass nur der Körper in die Erde kommt. Dass die Toten bei uns sind; in Gedanken oder im Glauben. Einmal hob sie ihren Bruder hoch. „Ich muss das doch lernen“, sagte sie zu mir. „Wenn du und der Papa gestorben seid, dann muss ich das doch können!“

Da gibt es keine einfache Antwort. Nur eins wäre mit Sicherheit falsch: Gar keine Antwort. Oft versuchen Erwachsene, das Thema wegzuschweigen: Beerdigungen finden anonym oder im engsten Kreis statt, Kinder sind oft nicht dabei. Ihnen wird die Möglichkeit genommen, sich zu verabschieden. Ich würde meine Kinder mitnehmen. Und danach gibt es Kuchen oder Eis. Auf einem Karlsruher Friedhof steht ein Spielplatz. In der einen Hälfte können Kinder spielen. In der anderen Hälfte ist die Schaufel in den Boden einzementiert, Schaukeln und Rutschen lassen sich nicht bewegen. So bleibt die Welt stehen, wenn ein Kind Vater oder Mutter verliert. Einen Ort, an dem sich Kinder mit der Trauer auseinandersetzen können, wünsche ich mir auf jedem Friedhof. Vor einigen Jahren war ich auf der Südseeinsel Rarotonga. Dort lassen sich Menschen in ihrem Vorgarten beerdigen. Und auf den Gräbern klettern Kinder herum. Ich fände es schön, wenn meine Enkelkinder später auf meinem Grab spielen könnten.

Warum ich darüber schreibe? Weil wir unsere Kinder nicht für immer vor dem Thema bewahren können. Weil ich Menschen kenne, die als Kinder einen Elternteil verloren haben. Sie litten nicht nur unter dem Verlust, sondern auch darunter, dass sich Freunde und Bekannte abwandten: Sie konnten „nicht damit umgehen“. Wir müssen aber wieder lernen, damit umzugehen. Denn das Sterben gehört zum Leben dazu.