Halsabschneider

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Ein Sonntag, die Sonne scheint, und Kind 1 packt zwei seiner Hennen in einen Karton, umklammert ihn entschlossen und macht sich auf den Weg zu seinem Kumpel. Der Junge hat beschlossen, dass er Brathähnchen essen möchte. Und zwar nie wieder von den Halsabschneidern der Brathähnchenindustrie, sondern von Hennen, die gelebt haben wie Uschi Glas. Mit nettem Haus, guter Körperpflege und viel Sonnenlicht. Dieser Freund von Kind 1 hält ebenfalls Hühner. Als der Freund nun erzählte, dass sein Hahn in der Tiefkühltruhe liege, meldete sich Kind 1 zum nächstmöglichen Schlachttermin an: eben dieser kleinbürgerliche Sonntag.

Bis hierhin hatte ich diesen Akt menschlicher Grausamkeit erfolgreich aus meinen Leben verdrängt. Ohne auf Fleisch zu verzichten. Das funktioniert in der westlichen Welt extrem gut. Nichts sieht an Hähnchenbrüsten mehr nach Hähnchen aus. Noch besser funktioniert das mit Bratwürsten, Wiener Schnitzel und Roulade. Gestern zum Beispiel. Ich ging durch den Supermarkt und kaufte kleine Salamiwürste für die Brotbüchsen. Adieu, du arme Sau. Ich schob meinen Wagen weiter bis zur Fleischtheke, um Rinderhack für den Dackel zu besorgen. Und tschüss, du Rindvieh. Es gab mal einen Film, der hieß „Leichen pflastern seinen Weg“.

Ich wurde nicht als Verdränger geboren. Als Kind schrieb ich dem Fleischer, der an unserem Marktplatz seinen Laden hatte, einen Brief. Ich warnte ihn davor, das Schaf zu schlachten, das mein Vater ihm bringen würde, bezeichnete ihn als Mörder und drohte ihm mit einer fetten Anzeige. Da war ich neun. Damit der Brief seriös aussieht, tippte ich ihn auf der Erika-Schreibmaschine meiner Mutter. Als ich ihn abgab, hatte das Schaf längst keinen Pelz mehr. Das hätte der Moment werden können, der mich zum Vegetarier macht. Er verstrich.

Nun will mein Sohn, der 13 ist, Beihilfe zum Schlachten leisten. „Kommst du mit?“, fragt er. „Ich möchte das nicht sehen“, sage ich. Darauf er: „Soll ich lieber hierbleiben?“ Und ich: „Nein, das meine ich nicht. Mir wird das nur ewig im Kopf hängen, und das will ich nicht.“ Dann verschwindet er, vor sich in der Kiste eine Henne, die ihre Mitbewohner mobbt und eine, die runde Eier legt. Als wären es Tischtennisbälle.

Abends im Bett wird ihm das Herz schwer. So ist das also, sagt er, ein hässlicher Kreislauf, und meinst du, die hatten Schmerzen? Das weiß ich nicht, sage ich. Dann dreht er sich weg von mir, dreht den Kopf zur Wand.

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