Wie ich an dieser Stelle bereits erwähnte, haben wir unseren Vorgarten mit Hühnern dekoriert. Kind 1 brauchte das unbedingt. Lebendiges Federvieh. Um den Kreislauf des Lebens am Beispiel des Huhns zu studieren. Der Junge will Weltverbesserer werden, und ohne Hühner würde er in dieser Sache nicht weiterkommen. Das wäre wirklich sehr traurig. Deshalb hat er vor ein paar Monaten den Vorgarten bekommen, hier kann er üben.

Um den Vorgarten hat sich sowieso keiner gekümmert. Das war nur ein Grünstreifen, gemacht dafür, dass die vorbeispazierenden Hunde an den Gartenzaun pinkeln und nicht an die Hauswand. Jetzt ist hier unser kleines Galapagos. Kind 1 sitzt auf einem abgenutzten Bänklein und forscht. Jeden Morgen vor der Schule führt es seine ersten Untersuchungen durch und setzt sie am Nachmittag fort. Seine Versuchsgruppe besteht aus fünf Hennen, einem Hahn und einem Menschen, der die Schönheit der neuen Vorgarten-Deko noch nicht für sich erschließen konnte: „Deine Hühner haben das ganze Gras weggescharrt“, sagt der Vater. „Die Blaui ist doch nicht die Chefhenne, die Brauni ist es“, sagt der Sohn. Er hat die Hennen nach ihren Farbschlägen benannt. „Hier stinkt‘s“, sagt der Vater. „Die Schwarzi ist die beste Freundin von Weißi“, sagt der Junge und nimmt Anlauf für eine Erklärung. Demnach ist es so, dass Schwarzi und Weißi Abend für Abend nebeneinander auf der Stange hocken und selbst beim Eierlegen nacheinander im Nest verschwinden. „Es war nur von Hühnern die Rede, nie von einem Hahn“, sagt der Vater. „Er frisst am liebsten Nudeln mit Tomatensoße, so wie ich“, sagt Kind 1 und bittet darum, dass wir uns nach dem Pastaessen als Augenzeugen an den Hühnerzaun stellen. Tun wir. Der Junge füllt unsere Reste in eine Schüssel, begibt sich nach draußen und ruft „Nuuudeln!“. Der Hahn rennt zu ihm, bremst ab, flattert auf seinen Arm und pickt ihm aus der Hand, bis er satt ist. Dann wackelt er in seine Bude und hockt sich für ein Verdauungsschläfchen auf die Stange.

Im Grunde sind Hühner wie Menschen, bloß mit Federn, sagt der Junge. Manche wollen immer Bestimmer sein, manche machen anderen alles nach und manche lassen sich dressieren. Ich hätte das nicht besser sagen können. Der Vater steht wie vom Blitz getroffen im Garten.

Abends im Bett fragt mein Sohn, ob ich schon das neue WhatsApp-Profilfoto des Vaters gesehen hätte. Ich verneine und schaue nach. Ich sehe das Foto. Kind 1 mit Blaui im Arm. Der Junge lächelt zufrieden.

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