Unser Mittlerer (2) hat die Höflichkeit an diesem Morgen wieder mit dem Müslilöffel gegessen. „Ich will Appelmus! ruft er. „Mit Jogog!“ Mechanisch korrigiere ich: „Ich möchte bitte Apfelmus mit Joghurt.“ Gleichzeitig ruft die Große (5): „Ich möchte bitte Rosinen!“ Gedruckt klingt das höflich, doch der Tonfall besagt eher: „Ich will das jetzt sofort!!!“ Immerhin hat sie sich gemerkt, was ich seit Jahren wie eine zweibeinige Gebetsmühle vorbete: Dass man eine Bitte höflich vorzutragen hat. Neulich fragte sie sogar: „Warum gibt es überhaupt das Wort „will“, wenn man es nicht benutzen darf?“

Da wurde mir klar: Wir Erwachsenen übertreiben mal wieder. In jeder Situation verlangen wir die Höflichkeitsfloskel. Doch es gibt auch legitime Bedürfnisse, um deren Erfüllung man nicht bitten muss. „Ich will schlafen“, fällt mir da ein, „ich will was essen“ oder „ich will mich bewegen“. Kurz gesagt: Man muss auch wollen dürfen. Wer immer nur „bitte möchte“, und nicht weiß, was er will, hat es im Leben schwer. Noch wichtiger ist natürlich das „Ich will nicht!“ Es ist bekannt, dass potenzielle Gewalttäter meist von ihrem Opfer ablassen, wenn sie deutliche Gegenwehr erfahren. Ein „Ich möchte das bitte nicht“ hat zu wenig Kraft.

Trotzdem hat „möchte“ auch seinen Sinn. Früher fand ich es seltsam, wenn Eltern sagten: „Ich möchte, dass du deine Jacke anziehst.“ Es geht nicht darum, was ich möchte, dachte ich, sondern darum, dass es kalt ist. Damals glaubte ich noch an objektive Wahrheiten. Jetzt habe ich selbst Kinder. Und stelle fest, wie gut „Ich möchte“ funktioniert. Kinder wollen tun, was wir wollen. Sie wollen mit uns kooperieren.

Oder sie schreien: „Ich kann aber nicht meine Jacke anziehen!“ So drückt es der Mittlere aus, wenn er nicht will. Ich verkneife mir ein „Du kannst es schon, du musst nur wollen.“ Denn das erinnert mich an ein Lied der Band „Wir sind Helden“. Darin heißt es: „Wir können alles schaffen, genau wie die tollen dressierten Affen, wir müssen nur wollen…“ Und einen dressierten Affen will ich dann doch nicht.

Immerhin wissen meine Kinder, was sie wollen. Vor ein paar Tagen trödelte der Junge im Treppenhaus. Als ich ihn rief, verkündete er: „Ich will Rolltreppe fahren!“ Wollen kann man vieles. Wir wohnen in einem Altbau aus dem Jahr 1900. Ich wollte den Vermieter fragen, ob er vielleicht eine Rolltreppe einbauen lässt. Doch – um es mit Karl Valentin zu sagen: Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut.

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