Bin in eine Schulstunde von Kind 2 reingerutscht. Das habe ich geschafft, indem ich mich als Betreuungsperson fürs Plätzchenbacken eingeschrieben hatte. Ich war zu früh dran und platzte zwischen hüpfende Kinder in die Frühstückspause. Der Lehrer wollte verhindern, dass ich weiche Knie bekomme und ihn hängen lasse mit dem ganzen Teig und den ganzen Kindern. Deshalb setzte er mich neben Paul und bat mich, nicht zu schwatzen.

„Guck mal, deine Mama sitzt neben mir!“, rief Paul zu meiner Tochter. „Ich kann jetzt nicht!“, rief sie zurück. Am Tisch von Kind 2 wuchs eine Schlange aus bettelnden, zuckersüchtigen Erstklässlern. Das Mädchen hatte Gummibärchen eingeschleust und verteilte sie unter den Zahnlücken-Pubertierenden, was ihr zu mehreren Freundschaftsanfragen verhalf.

Paul schenkte mir ein Stückchen frischgebräunten Apfel. Das musste er loswerden, aber das sagte mir das süße Engelchen erst später. Pauls Mutter besteht darauf, dass er sein Obst aufisst. Sonst bekommt er Süßkram-Verbot. Ich aß Apfel, er lachte grimmig, bedankte sich bei mir und hüpfte in die Schlange vor Kind 2.

Es klingelte. Mein Nachbar verschränkte die Arme und legte sie auf den Tisch, also machte ich das auch. Dem geistigen Input, der jetzt anstand, fieberten nicht alle so konzentriert entgegen wie wir. Der Albtraum eines Lehrers ist sein toter Winkel. Das ist die Zone, in der das eine oder andere Gehirn Päuschen machen kann, ohne dass es der Lehrer mitbekommt. Ich kenne eine Reihe von Leuten, die oft im toten Winkel saßen.

Ich schaute zu Recherchezwecken für diesen Text hier in die Runde. Eine frisch eingeschulte Kameradin versetzte sich gerade mit ihrem Haargummi in Trance. Den hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger und stierte auf die kleine Kugel, die daran baumelte. Danach war sie intellektuell verreist. Ein Bübchen versuchte, Buntstifte auf seinem Tisch aufzustellen wie Dominosteine. Das ging schief, weil seine Stifte hinten angekaut waren. Sie klirrten auf den Tisch. Was wiederum dazu führte, dass der Lehrer diesen toten Winkel vorübergehend ausleuchtete. Das Bübchen sollte erklären, ob ein Geschenkpaket ein Quader ist oder ein Zylinder. Es überlegte, atmete schwer und schwieg. „Der ist ballaballa“, flüsterte Paul und grinste.

Dann war schriftliches Rechnen ohne Finger. „5-2?“ Absolute Stille. Kind 2 versteckte sein Ergebnis hinter der Hand. Mein Banknachbar auch. Hält mich für ballaballa, weil ich frischgebräunten Apfel esse.

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