Klassenfahrt

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Die schönsten Klassenfahrten führen meistens an Orte, deren Namen man bei der Abreise wieder vergessen hat. Ich kann mich an Klassenfahrten meiner Kindheit erinnern. Einmal schliefen wir in größeren Zelten, heute würde man Pfadfinderlager sagen. Als ich zur Sperrstunde unser Zelt verlassen hatte, um zu schauen, was bei den anderen noch so läuft, fing mich unsere Lehrerin ab und ließ eine imaginäre Gewitterwolke über mir abregnen. Bei einer anderen Fahrt fiel ich aus dem Doppelstockbett und hatte den Rest der Reise Kopfschmerzen.

Ich habe keine Ahnung, wie die Orte hießen. Was ich weiß, ist, dass ich mindestens einmal eine ziemlich hässliche Frisur hatte und mindestens einmal schlechte Laune, weil die Antje in der gleichen Jacke herumspaziert war wie ich.

Kind 1 war jetzt auch auf Klassenfahrt. Die Kinder sind komplett untrainiert auf dem Gebiet, weil durch Corona viele lustige Dinge nicht mehr möglich waren. Auch Klassenfahrten. Jetzt geht das endlich wieder.

Morgens hatte ich Kind 1 mit seiner Reisetasche ins Auto gestopft, vor der Schule ausgesetzt und gewunken wie ein Boyband-Groupie beim Stadionkonzert. Kind 1 bekam von meinem Winkeinsatz nichts mit. Der Junge hüpfte durch die Tür, ohne in den Rückspiegel zu schauen. Sehr spät abends rief er mich an. Das Gespräch ging ungefähr so:

Ich: „Schön, dass du mich anrufst.“

Er: „Kannst du bitte meine Hühner sauber machen?“

Ich: „Hab ich schon. Wie war der Tag?“

Er: „Hier ist Nachtruhe. Tschüss.“

Am nächsten Tag rief er wieder an. Es sei sehr schön, aber er könne gerade nicht sprechen. Den Rest der Reise war ich damit beschäftigt, für Kind 2 die Dinge zu kochen, die es sonst nie bekommt, weil Kind 1 sie nicht isst und sie deshalb fast nie auf unserem Tisch stehen.

Kind 1 kam dann mit sehr schmalen, glasigen Augen nach Hause. Der Junge schlüpfte aus den Schuhen und verschmolz mit dem Sofa. Es fällt mir schwer, blöde Kommentare für mich zu behalten. Ich fragte also: „Wo wart ihr eigentlich? Zombieland? Armee der Finsternis?“ Kind 1 knurrte etwas, das wie „Thüringen“ klang, und wurde eins mit dem Sofa. Laut Google Maps liegt der Ort, an dem es sich aufgehalten hatte, allerdings in Sachsen.

Später klingelte meine Nachbarin, sah das schlafende Kind 1 und fragte, ob es krank sei. Ich erzählte von der Klassenfahrt. Sie erkundigte sich nach dem Namen des Ortes und sagte: „Dort? Kenne ich, sehr schön, da war ich in meiner Kindheit auch auf Klassenfahrt. Das ist doch dieser Kurort in Niedersachsen. Bei Hannover.“

Ich googelte wieder, dieses Mal die vollständige Adresse, und kam zu dem Ergebnis, dass der Ort zwar nach Thüringen klingt, aber definitiv in Sachsen liegt.

Nach drei Tagen war Kind 1 wieder einigermaßen in Schuss.

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