Mein Knöterich

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Der Knöterich ist eine wunderbare Pflanze. Seine Ranken und Blüten verdecken innerhalb kurzer Zeit selbst die hässlichste Mauer. Allerdings wird es auch manchmal zu viel mit seinen verschönernden Aktivitäten.

So ähnlich ist es mit meinem mittleren Sohn. Der ist nämlich ein Knöterich. Wo er geht und steht, knotet er. Zum Beispiel ein Seil an die Kinderrutsche. Das ist ja noch harmlos. Auch der Gürtel seiner Schwester, der frühmorgens plötzlich verschwunden war, wurde kunstvoll um ein Tischbein geknotet. Das verursachte nur einen mittelgroßen Familienkrach. Kein Problem. Das Knotenknüpfen ist gut für die Motorik. Das Öffnen wäre es wohl auch, aber darauf hat mein Sohn keine Lust, anders ausgedrückt: "Ich kann das nicht!"

Also verbringe ich meine Zeit mit dem Entknoten von Knoten. Dabei kommt es leider vor, dass ich Meisterwerke der Ingenieurskunst zerstöre. Zum Beispiel die Schwebebahn, die sich zwischen Hochbett und Wickelkommode befand – als Waggons dienten Legosteine, Autos und Kuscheltiere. Für das Kind eine tolle Idee, für mich eine Stolperfalle. Es gibt eben immer Leute, die den technischen Fortschritt ausbremsen wollen. Auch gegen den Bau der Wuppertaler Schwebebahn regte sich im 19. Jahrhundert Protest. Mein Sohn dagegen würde höchstens gegen die Bezeichnung „Schwebebahn“ protestieren – handelt es sich doch, wie er aus einem Lieblingsbuch weiß, um eine hängende Einschienenbahn. Nur der Transrapid schwebt wirklich, und zwar auf einem magnetischen Gleis.

Es gibt ja auch Kinder, die mit Autos spielen. Der Mittlere dagegen hängt seinen Abschleppwagen an die Tür vom Klo. Ist ja quasi auch ein Entsorgungsbetrieb.

Zum Glück kann wenigstens der Kleine noch keine Knoten machen. Dafür schließt er grundsätzlich die Schnallen sämtlicher herumstehender Rucksäcke. Wer dann mit Schwung den Rucksack aufnehmen will, hat ein Problem. Wenigstens lassen sich die Schnallen leicht öffnen. Anders als der Knoten von dem zusammengeschrumpften Luftballon, den mir der Kleine vor die Nase hält. Ich soll ihn wieder aufpusten, und scheitere. Ich gebe ihm einen neuen Luftballon. Abends schläft er ein, den Ballon im Arm.

Bei uns ist also immer was los. Wir müssen eigentlich gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Können wir auch nicht, denn unsere Schuhe sind ständig zusammengeknotet. Zum Glück gibt es in unserer Stadt keinen Transrapid, den wir verpassen könnten.

Weitere Blog-Einträge