Jeden Abend befehle ich meinem Sohn, er soll seine Kuckuckslieder spielen. „Der Kuckuck und der Esel“ und „Kuckuck ruft‘s aus dem Wald“. Brauch ich zum Einschlafen, dass er mir etwas vorzupft auf seiner Gitarre.

Meistens nifft mein Sohn, weil er den Kuckuck genauso doof findet wie ich den böhmischen „Rosamunde“-Bläser vor meinem Bürofenster. Viel lieber würde er in die Saiten hauen und den Bayern-München-Song von den Toten Hosen grölen, als einen streitsüchtigen Vogel zu bezwischtern. Oder Bob Dylan für mich spielen, „Blowin in the wind“. Kann er aber nicht. Zu kompliziert.

Am Anfang dachte der Junge, die Gitarre ist kaputt. Es kamen keine vernünftigen Töne aus dem Teil. Danach kam die ernüchternde Erkenntnis, dass es eine gewisse Übung braucht für das gewünschte Ergebnis. Nun zupft er zumindest Neues mit einer Leidenschaft, die so lange anhält, bis seine Ohren satt sind von diesen Melodien. Und ich liebe es, wenn er zupft.

Musikschule, das ist der Fußballplatz des Geistes. Nur dass der Trainer seine Luschen nicht auf der Auswechselbank verstecken kann. Das moderne Kind von heute wird von der Windel an inflationär musikalisch beschult. Egal, ob sich die Mozart-Gene über die Jahrhunderte so verdünnt haben, dass wenig übrig ist. Dann kommt der Privatlehrer ins Spiel und holt einmal pro Woche zwischen Hausaufgaben und Kaffeekränzchen das Beste aus dem Kind. Könnte gut sein für den Lebenslauf. Mein alter Grundschulkamerad Dennis – heute bekäme er seine Chance. Dennis sang nie, Dennis stand vor der Klasse und sagte auf: „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht ...“

Mein Sohn stand vor seiner ersten Gitarrenprüfung. Er hatte den Kuckuck musikalisch dermaßen bearbeitet, dass der Vogel keine Federn mehr hatte. Er übte. Verspielte sich andauernd. Wurde nervös. Ich auch. Ob ich eine von denen bin, die ihre Kinder quälen? Die auf der Welle des guten Tons unter Müttern mitsurfen? Der Mensch muss nicht musikalisch sein. Sigmund Freud und Che Guevara waren unmusikalisch und auch nicht blöd.

Am Prüfungstag hüpfte der Junge mir entgegen, als ich ihn im Hort abholte, und zeigte mir seine mit Pflaster beklebte rechte Hand. Er war gestürzt. Nun habe er Schmerzen und könne nicht zur Prüfung, erklärte er.

„So schlimm?“ fragte ich.

„Ganz schlimm“, sagte das Kind. Wir fuhren nach Hause, er verkroch sich in seinem Zimmer.

Und dann stand er vor mir, die Gitarre in den Händen. Ob wir loskönnen, fragte er. Zum ersten Mal hat sich der Junge, acht Jahre alt, von selbst ein sauberes T-Shirt angezogen und das Haar gekämmt.

Weitere Blog-Einträge


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN