Positive Nebeneffekte

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Gerade fällt es mir sehr schwer, die Kontrolle über meinen Kopf zu behalten. Das liegt daran, dass Kind 1 die Tür aufgeschwungen hat zu meinem Versteck, in dem ich sitze und arbeite. Dauernd schmeißt jemand diese Tür auf. Es ist wirklich kein Versteck mehr.

Wollte einen Schrank davorschieben, war mir dann aber doch zu schwer. Nun steht Kind 1 im Raum und kramt unter dem Sofa. Dieser unsichtbare Hohlraum ist der offizielle Friedhof seiner Gitarrenhülle. Er raschelt in dieser Hülle herum. Etwas später hält er ein Notenheft vor der Brust, stellt sich neben mich und fragt, was ich mache. Interessante Frage. Was denkt man von einem Menschen, der an einem Schreibtisch sitzt und einen Computer anstarrt? Der von Schreibblöcken eingerahmt ist, von Stiften, Handcreme, Wasserflaschen und kleinen pinkfarbenen Hanteln? Die Dadaisten haben auch mal klein angefangen, und man hielt sie für seltsame Leute.

„Ich mache nichts, ich denke“, sage ich: „Und du, Kind 1?“

„Ich mache auch nichts, nicht mal denken.“

Das eigentliche Ding an dieser Sache ist, dass der Junge seine Noten ausgegraben hat und wenige Minuten später auf seiner Gitarre herumzupft wie der entfernte Cousin des ganz ganz jungen Eric Clapton. Die Sache ist: Wir haben die Biester im Haus. Kind 1 hat sich das C-Wort eingefangen. Das Zeug, das gerade unsere schöne heile Welt verseucht, unser Spaßkollektiv. Ich möchte einfach das Wort jetzt nicht benutzen. Hängt uns allen schon lange zum Hals raus.

Es fing an mit einem zarten zweiten Strich auf dem Schnelltest. Wir gingen zum PCR-Test in die Kinderarztpraxis, da wand sich eine Schlange nach draußen. So sehen also Kinder aus, die morgens in der Schule beim Test durchgefallen sind. Wer hätte gedacht, dass einmal die Zeit kommt, in der man einen Arzt braucht, wenn man einen Test in der Schule nicht besteht. Jedenfalls dürfen Kind 1 und Kind 2 nicht zur Schule. Wer die Biester am Hals hat, darf nirgendwo hin. Genauso die Geschwister. Korrekt heißt das, man begibt sich in häusliche Isolation. Stubenarrest trifft es auch, klingt aber nicht professionell genug für eine Pandemie.

Jedenfalls ist Kind 1 so gelangweilt, dass es selbst auf die Idee kommt, Gitarre zu spielen. Es hat freiwillig ein Buch gelesen. Es hat mich freiwillig umarmt, so allein fühlt es sich. Es schmort in seinem Zimmer vor sich hin, um Kind 2 nicht anzustecken. Es hat angefangen, sich für die vielen verzweifelten Menschen an der polnisch-belarussischen zu interessieren. Und dann: ein zweiter Strich auf dem Schnelltest von Kind 2. Es veratmet den Schock, schubst die Verzweiflung aus dem Fenster und sagt: „Okay. Jetzt kann ich wenigstens mit Kind 1 Minecraft spielen.“

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