Achtsamkeit ist die neue Sau. Die durchs Dorf getrieben wird. Der Trend, der gegen Stress, Depression und krumme Zehennägel helfen soll. Man soll in der Gegenwart leben, Erfahrungen zulassen, ohne sie zu werten, und wenn möglich auch beim Gehen meditieren. Außerdem muss man französisches Wasser kaufen, um vom Hersteller Tipps für Achtsamkeit zu bekommen. Manchen mag das helfen. Ich finde es stressig.

Zu meiner Entspannung würde es dagegen beitragen, wenn meine Kinder etwas achtsamer mit ihren Spielsachen umgingen, anstatt sie herumliegen zu lassen und draufzutreten. Leider geht fast nie etwas kaputt, sodass meine unentspannten Ermahnungen nicht ankommen. Mit der Achtsamkeit ist es also bei uns nicht weit her. Wohl aber mit der Aufmerksamkeit. Wenn ich merke, worauf Kinder so achten, muss ich doch aufmerken.

Neulich erzählte mir der Mittlere (2) ganz begeistert, dass es im Tierpark auch ein Bänkchen gebe. Ich wunderte mich - bislang hatte er sich mehr für die Meerschweine interessiert und für diesen Trichter, in dem Eltern zugunsten des Tierparks ihre letzten Groschen versenken dürfen, die sich dann so schön drehen. Auf einer Bank habe ich den Jungen dort noch nie sitzen sehen. Wohl aber auf dem Klo. "Im Tierpark gibt's auch eine Toilette", erklärte er mir. Klar, für einen Jungen seines Alters sind die sanitären Anlagen eine Art Abenteuerspielplatz. Alles ist neu für ihn. Der Besuch im Tierpark war Wochen her, warum hatte er so einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Dann verstand ich: Im Tierpark-Klo gibt es ein Bänkchen, auf das die Kinder steigen, damit sie an den Wasserhahn kommen. Genau wie bei uns zu Hause! Aufregend, oder? In solchen Momenten der Erkenntnis werden literweise Glückshormone ausgeschüttet. Könnte man als Erwachsener die Welt mit den Augen der Kinder betrachten, man bräuchte keine Achtsamkeits-Therapie mehr.

Stattdessen greift das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom immer weiter um sich. Es gibt ja Erwachsene, die sich gar nicht mehr auf ihre Kinder/ den Straßenverkehr/ die Arbeit mit der Kreissäge konzentrieren können, weil sie unentwegt auf ihr Smartphone starren. So was kann mir allerdings nicht passieren: Sobald ich das Gerät auspacke, wollen meine Kinder "auch mal telefonieren". Dann stecke ich das Ding weg und marschiere geradeaus, ohne ein Wort zu sagen. Wenn die Kinder was von mir wollen, rufe ich: "Ruhe! Ich meditiere!" Das nennt man dann achtsames Gehen.

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