Wer lenkt sein Auto durch den urbanen Dschungel und explodiert wie ein illegaler Silvesterknaller? Das bin ich. Manchmal geht mein Mund auf und setzt Sprechdurchfall frei, für den ich mich schäme, sobald sich der Mund wieder schließt. Ich habe Philosophie im Kopf und zwei Promille im Mund. Manchmal. Selten. Heimlich. Ganz, ganz heimlich. Das ist schon immer so und wird bestimmt immer so sein, weil das mit dem Alter schlimmer wird. Alles wird ja mit dem Alter schlimmer. Leider vergesse ich manchmal, dass meine Rücksitze Ohren haben.

Gerade fahren wir zum Zahnarzt. Kind 1, Kind 2 und ich. Vor mir bremst so eine Tussi. Hält vor der Zahnarztpraxis an und blockiert mit ihrem polierten Leasing-BMW die Einfahrt zum Parkplatz.

Mein Puls setzt zum Sprint an. Es öffnet sich die Beifahrertür des BMW und ein Teenie-Mädchen steigt aus, steckt aber den Kopf zurück ins Auto. Ich werde zum unglaublichen Hulk. Das ist der, der sich bei jedem Anflug von Wut in ein instinktgesteuertes grünes Wesen verwandelt. „Nicht!“, fleht Kind 1. „Bleibt ruhig!“, bettelt Kind 2. Endlich schlägt das Teenie-Mädchen die BMW-Tür zu und verschwindet in die Zahnarztpraxis. Der BMW rollt zum Parkplatz, wir hinterher.

Die egoistische Parkplatz-Versperrerin steigt aus, und ich steige ebenfalls aus. Die Kinder stehen mit frisch geputzten und klappernden Zähnen neben mir. Fühlen sich wie Mütter und Väter beim Wochenendeinkauf, deren Kinder gerade drohen, sich zum Zeichen des Protests auf den Fußboden zu werfen und zu schreien. Und dann geht mein Mund auf, und ich sage „Hallo“. Laut und deutlich. Einfach nur „Hallo“.

Niemals will ich vor den Kindern explodieren. Ich habe keine Lust, ihnen schlechte Vokabeln beizubringen. Aber manchmal vergesse ich mich und beschimpfe durch die Frontscheibe fremde Verkehrsteilnehmer, während sie hinter mir sitzen. Das ist peinlich. Zum Schimpfen muss man allein sein. Aber manchmal ist mein Mund schneller als der Kopf.

Auf der Heimfahrt jubelt der Bruder der Schwester ein Lexikon unter die Nase, aufgeschlagen ein Bild des menschlichen Gehirns. Gehirne sehen aus wie aufgequollene Walnüsse, freut sich der Bruder. Die Schwester findet alles ekelhaft, was von menschlicher Haut überzogen ist. Ihr entweicht ein Wortschwall, bei dem Barbie und Tinkerbell tot umfallen würden: „Jetzt kann ich nie wieder schlafen! Blöder Blödmann!“

Das kann sie nicht von mir haben. Blödmann sage ich nie.

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