Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Gedränge in der Innenstadt. Sie stehen nicht im Weg, sondern es ist einfach wenig Platz. Ein Mann möchte vorbeigehen. Er spricht Sie nicht an, er sagt nicht "Entschuldigung" oder "Darf ich mal bitte?", er tippt Sie auch nicht leicht an der Schulter an. Sondern er schiebt Sie einfach zur Seite. Als man ihn darauf hinweist, dass man auch sprechen kann, ist er beleidigt und wird laut.

Stellen Sie sich vor, Sie stellen eine Frage. Man gibt Ihnen eine Antwort, die Ihre Frage nicht beantwortet. Sie haken nach. Sie bekommen wieder dieselbe Antwort. Sie haken noch einmal nach. Wieder dieselbe Antwort. Sie präzisieren Ihre Frage. Wieder dieselbe Antwort. Sie werden wütend. Man wirft Ihnen vor, immer nur rumzumeckern.

Stellen Sie sich vor, Sie haben sich den Arm gebrochen und müssen im Sommer mit einem Gipsarm herumlaufen. Am Marktstand fragt der Verkäufer in spöttischem Ton, ob Sie nicht aufgepasst haben.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem engen Flur. Ein Mann, der deutlich größer ist als Sie, trägt einen Stuhl vor sich und stößt Ihnen das Stuhlbein voll gegen die Stirn. Tränen schießen Ihnen in die Augen. Eine ältere Frau schaut Sie an und sagt: "Aha, da fehlt wohl der Mittagsschlaf." Oder: Sie haben sich ein Stück Haut im Reißverschluss eingeklemmt, sind wütend und traurig. Immer befindet jemand, dass Sie in Wirklichkeit wahrscheinlich nur müde sind und Mittagsschlaf halten müssten.

Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einem Straßenfest. Eine Frau steckt Ihnen, ohne zu fragen, ein Stück Wassermelone in den Mund.

Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade einen riesigen Wutanfall. Sie fühlen sich schlecht behandelt und haben aus Ihrer Sicht allen Grund, wütend zu sein. Genau in diesem Moment fasst eine fremde Frau Sie am Arm und redet auf Sie ein.

Stellen Sie sich vor, Sie führen eine anstrengende Diskussion. Sie spüren, dass Sie unterlegen sind. Ihre Stimme kippt. Eine zufällige Zuhörerin kommentiert: "Oh weh, und wenn ich jetzt der Weihnachtsmann wäre!"

Sie können sich das alles nicht vorstellen? Das ist jetzt wohl übertrieben? So gehen Menschen nicht miteinander um? Doch. Keine dieser Szenen ist erfunden. Alle diese Situationen musste meine fünfjährige Tochter schon erleben. An manchen war ich beteiligt. Und dann versuche ich, ihr Einfühlungsvermögen und Respekt für andere Menschen beizubringen. Können Sie sich das vorstellen?

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