Manche Zeitgenossen sind ihrer Zeit voraus. Und das ist nicht gut. Sie können einfach nicht mehr abwarten. Keine Sorge, es folgt jetzt nicht das übliche Lamento über die Lebkuchen, die schon ab September in den Geschäften erhältlich sind, während ein anständiger Sachse gerade erst den Stollen backt. Ich äußere mich auch nicht über eine E-Mail, die mich schon am 23. Dezember darüber informierte, wie ich die Weihnachtspfunde loswerde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, wie ich die Pfunde überhaupt auf meine Hüften kriege, denn das Weihnachtsessen war noch gar nicht vorbereitet.

Was mich viel mehr nervt, sind die Feuerwerke, die schon Tage vor Silvester überall hochgehen. Meine Kinder haben am 29.12. genauso viel Angst vor der Knallerei wie am 31.12., und ich kann sie verstehen.

Davon abgesehen sind die Kinder ihrer Zeit oft etwas hinterher. Kurz vor Weihnachten zum Beispiel marschierte der Mittlere mit einem Liedblatt in der Hand durch die Wohnung und sang lauthals „Lasst uns froh und munter sein“ das Nikolaus-Lied. Auf dem Zettel stand eigentlich ein Weihnachtslied, aber das kann er ja noch nicht lesen. Beim Marschieren erklärte mir der Dreijährige: „Ich bin eine Bergparade!“ Nun ja, ich muss wohl zugeben: Uns Erzgebirgern ist das Welterbe ziemlich zu Kopf gestiegen. Ich verkniff mir aber den Hinweis, dass die hiesigen Bergknappschaften einen Mitstreiter im Schlafanzug wohl nicht in ihren Reihen dulden würden. Und dass es auch in den Ferien nicht übertrieben sei, mal irgendwann im Laufe des Nachmittags „richtige“ Kleidung anzuziehen. Ich sagte es nicht. Denn ich finde es okay, wenn meine Kinder manchmal der Zeit hinterherhinken.

Zumal sie uns ein sehr besinnliches Weihnachtsballett im Schlafanzug vorführten. Die Große zog ihr altes Hexenkostüm darüber, der Mittlere setzte die Zipfelmütze auf, und dann tanzten sie vor dem noch ungeschmückten Tannenbaum.

Die Verfasser des Liedes waren ihrer Zeit voraus gewesen und hatten den Dativ abgeschafft, weil ihn ja ohnehin niemand mehr benutzt: „Die Wände sind aus Kekse und Zuckerguss gemacht…“ erschallte es zuckersüß. Im nächsten Lied ging es um die Weihnachtsvorbereitungen. Bei „Papa hat schon Urlaub, damit er helfen kann“, stieg ich aus mit der Begründung, ich hätte noch keinen Urlaub und könne dem Papa deshalb nicht bei der Hausarbeit helfen. Ich bin eben manchmal meiner Zeit voraus. Nur weiß ich nicht, ob das so gut ist.

Weitere Blog-Einträge