Zeit arbeitet gegen das Regime

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Über die Proteste im Iran

Seit Tagen gehen Iraner auf die Straße, um gegen die Religionspolizei zu protestieren. Die staatlichen Sittenwächter hatten vorige Woche eine 22-jährige Frau wegen eines Verstoßes gegen den Kopftuchzwang festgenommen und wohl misshandelt. Jetzt ist sie tot. Die Behörden sprechen von einem "unglücklichen Vorfall", sehen aber keinen Grund, die Kopftuchpflicht oder die Religionspolizei abzuschaffen. Sie spielen auf Zeit und hoffen, dass sich die Wut der jungen Demonstranten wieder legt.

Revolutionsführer Ali Khamenei (83) und andere Hardliner der älteren Generation sind geprägt von der Unterdrückung durch den Schah, von der islamischen Revolution 1979 und vom verlustreichen Krieg gegen den Irak 1980 bis 1988. Die Islamische Republik ist ihr Lebenswerk. Dagegen wurden viele Demonstranten, die gegen die Religionspolizei und den Kopftuchzwang protestieren, in den 1990er- oder frühen 2000er-Jahren geboren, also eine Generation nach Revolution und Krieg. Jeder zweite Iraner ist jünger als 30. Während Khamenei und das Regime die islamische Theokratie propagieren, geht es vielen jungen Leuten um individuelle Freiheiten.

Aus ihrer Sicht hat die Islamische Republik versagt. Der Iran lebt in einer Dauerwirtschaftskrise, die zum Teil auf westliche Sanktionen zurückzuführen ist, zum Teil aber auch auf Korruption und Misswirtschaft. Die Regierung verbietet Twitter, doch Khamenei und andere Regierungspolitiker haben offizielle Twitter-Konten, über die sie ihre Botschaften verbreiten. Kinder von hohen Regimevertretern veröffentlichen Bilder von ihren Luxusautos und ihren rauschenden Partys mit Frauen ohne Kopftuch. Diese Heuchelei lässt sich im Internetzeitalter nicht verheimlichen. Junge Iraner sind die de-facto-Opposition gegen die überalterte Führungsriege. Die Zeit arbeitet gegen das Regime.

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