Damm und der Mittelpunkt des Kreises

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Am heutigen Freitag räumt Matthias Damm sein Büro in Freiberg. Mit der offiziellen Staffelstabübergabe an Nachfolger Dirk Neubauer endet seine siebenjährige Amtszeit als Landrat einer besonderen Region. Seine letzte Reise im Amt führte den Mittweidaer auch zur geografischen Mitte des Kreises.

Flöha/Hainichen/Cunnersdorf.

Der Kreis schließt sich: Zu Beginn seiner Amtszeit im Sommer 2015 schaltete Matthias Damm umgehend in den Krisenmodus, um den stark gestiegenen Zustrom von Flüchtlingen zu ordnen. "Eine Aufgabe, die uns auf allen Ebenen stark gefordert hat", sagt der 68-Jährige. Der Jurist richtete einen Krisenstab ein: Täglich saßen Mitarbeiter aus allen Fachbereichen der Kreisverwaltung zusammen und organisierten Aufnahme und Unterbringung von Flüchtenden.

Der scheidende Landrat erinnert in Gesprächen mitunter an eine Woche im Winter 2015/16, als die Schmerzgrenze erreicht gewesen sei: "Wir haben wöchentlich 250Asylsuchende untergebracht, nur einmal haben wir ausgesetzt und das Innenministerium gebeten, 300 Flüchtende in andere Regionen umzuleiten." Der Kreis schließt sich zum Ende der Amtszeit. Nach zwei Jahren Krisenmanagement während der Coronapandemie sieht Matthias Damm jetzt Anzeichen für Energiekosten- und Sozialkrise.

Seinem Nachfolger Dirk Neubauer übergibt er am heutigen Freitag symbolisch die Verantwortung für die Kreisverwaltung mit insgesamt 1500 Mitarbeitern in 90 Fachbereichen: Verantwortung über Fachgebiete von Umweltschutz, über Jugendamt bis zur Führerscheinstelle, von ländlichem Bauen und Schwerbehindertenrecht bis Jagd und Rettungsdienst.

Matthias Damm ist seit 16. August 2015 Landrat des Landkreises Mittelsachsen. Seine Abschiedsrundfahrt führt ihn zu Stationen, die ihm wichtig sind: Er dankt den Mitarbeitern und verknüpft die Aufenthalte mit Botschaften. Vor Straßenmeistern in Brand-Erbisdorf äußert er sich unzufrieden über die schleppende Finanzierung des Straßenbaus durch das Land: "Es bewegt sich einfach nichts." Schimpft über die "Benachteiligung der Bevölkerung im ländlichen Raum, von der Mobilität gefordert, aber nicht für ordentliche Straßen gesorgt wird". Seitenhiebe, die der CDU-Landrat dem SPD-geführten Verkehrsministerium an dieser Stelle im jahrzehntelangen Streit mitgeben könnte, führt Damm an diesem Tag nicht aus: Wenngleich er auch während seiner Amtszeit mehrfach heftig gegen SPD-Mann Martin Dulig wegen dessen Verkehrspolitik gewettert hat, so legte Matthias Damm doch auf Kreisebene stets Wert darauf, sich in politischen Diskussionen offiziell weitgehend neutral zu äußern.

Bei Regiobus spricht er sich auf der Abschiedsrundfahrt für lokale Energiekreisläufe aus, um Abhängigkeiten zu lösen. Am alten Rochlitzer Krankenhaus erinnert er an einen der schwierigsten öffentlichen Auftritte, als er die Entscheidung zur Schließung des Hauses in einer Betriebsversammlung bekanntgab. Am Schloss Wechselburg muss er einräumen, dass auch er als Landrat das schwierige kreiseigene Objekt nur sichern konnte, ein Konzept für Investition und Betrieb gibt es hingegen nach wie vor nicht. An der Talsperre Kriebstein spricht er Theatermacher an der Seebühne an.

Im Hainichener Ortsteil Cunnersdorf stoppt der Wagen: "Das muss jetzt sein", sagt Matthias Damm und begutachtet den Entfernungsbaum am Straßenrand. 2010 ist der Wegweiser eingeweiht worden. Nachdem die geografische Mitte des Landkreises ausgemessen worden war, markiert er den Mittelpunkt von Mittelsachsen und hat Symbolkraft: 2008 am grünen Tisch der Verwaltungsreformer gegründet, hat der Riesen-Flächenlandkreis bei seinen Bürgern kaum Identität entfaltet. Ein Thema, das Damm, sein Vorgänger Volker Uhlig wie auch der künftige Landrat Dirk Neubauer erkannt haben: Mittelsachsen ist vielfältig, der Landkreis der Regionen - nur wer das akzeptiert, wird für große Gemeinschaftsaufgaben Rückhalt und Mehrheiten finden.

35 der 53 Orte hat der mittelsächsische Landrat an Kommunaltagen besucht, Betriebe, Verwaltungen, Bürgerversammlungen in den vergangenen sieben Jahren besucht, vorgenommen hatte er sich sämtliche Städte und Gemeinden. Die fehlenden Orte begründet er mit der Pandemiepause.

In den vergangenen zwei Jahren war Damm dann erneut Krisenmanager. Zu den stärker und lauter werdenden Coronaprotesten, insbesondere in der Kreisstadt Freiberg, schwieg Damm lange, setzte sich im Winter 2021/22 dann für Dialog, Respekt und Austausch ein. Heute empfindet er das gesellschaftliche Klima als ein anderes: "Die Coronasituation hat etwas mit den Menschen, mit unserem Zusammenleben gemacht. Unsere Gesellschaft ist auseinandergerissen wie nie zuvor. Es gibt eine Spaltung im Arbeitskreis, in der Familie, unter Freunden, im Verein." Matthias Damm beobachtet, wie "Verbindungen regelrecht zerbröckelt" seien. "Wir sollten nicht übersehen, dass es eine Zeit nach Corona im Zusammenleben geben muss", wird er häufig zitiert.


Kreis so groß wie Luxemburg

53 Städte und Gemeinden zählen zu Mittelsachsen. Mit einer Ausdehnung von 2112 Quadratkilometern ist der Kreis fast so groß wie Luxemburg. Vom nördlichsten Punkt der Gemeinde Ostrau bis zum süd-östlichsten Punkt in der Gemeinde Neuhausen sind es etwa 70 Kilometer Luftlinie.

Doppel-M für "Mittelpunkt Mittelsachsen": 2010 wurde im Hainichener Ortsteil Cunnersdorf ein Entfernungsbaum eingeweiht, der den geografischen Mittelpunkt Mittelsachsens fast auf den Punkt genau markiert. Aus Gründen der Verkehrssicherheit und besserer Erreichbarkeit wurde die Tafel 50 Meter weiter stadteinwärts aufgestellt. Autofahrern fällt das doppelte M auf. Im Kern finden sich Schilder zu Städten und Gemeinden des Landkreises, verbunden mit Entfernungsangabe und dem Hinweis auf eine meist touristische Attraktion. Die kürzeste Strecke weist mit drei Kilometern zur Camera obscura in Hainichen. 59 Kilometer ist der Windpark in Bockelwitz entfernt. Matthias Damm nahm noch als Mittweidas OB an der Feier teil, zusammen mit Landrat Volker Uhlig. Uhlig nahm Bezug auf den damals noch jungen Landkreis und sagte: "Das ist ein erster Schritt und ein Beweis, dass Mittelsachsen auch von unten heraus lebt und nicht alles verordnet wird." (fa/grit)

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