Mann der Zahlen macht den Rechner aus

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Mittelsachsens Finanzchef Andreas Müller war fast ein halbes Jahrhundert ununterbrochen in der Kreisverwaltung tätig. Selbst Oppositionspolitiker loben seine Kompetenz und seine Höflichkeit.

Am Freitag ist er die 89 Stufen zu seinem Büro im vierten Stock des Freiberger Werner-Hofmann-Hauses zum letzten Mal als Mittelsachsens Finanzchef empor gestiegen. Denn Andreas Müller, der Leiter der Abteilung Finanzen und Controlling, hatte seinen letzten Arbeitstag. Fast ein halbes Jahrhundert war der heute 63-jährige Wahl-Bobritzscher ununterbrochen in der Abteilung Finanzen der Kreisverwaltung, zunächst des Altkreises Freiberg, tätig. Nun wurde Andreas Müller zur Kreistagsitzung am Mittwoch mit stehenden Ovationen verabschiedet. Sein Nachfolger ist Christoph Trumpp aus Dresden.

Andreas Müller ist ein Mann der "alten Schule". Beim Interviewtermin hilft er der Reporterin galant aus dem Mantel, später schenkt er Kaffee ein. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen, und manchmal blitzen die Augen spitzbübisch. Etwa, als er sagt, dass er zwar nicht eitel sei, aber trotzdem einen Zettel mit wichtigen Daten vorbereitet hat. Darauf steht zum Beispiel, dass er 1985 einen Abschluss als Diplom-Betriebswirt erwarb. Seit 1990 ist ihm die Kämmerei unmittelbar unterstellt - damit hat Müller die direkte Verantwortung für das Erstellen des Kreisetats und das Überprüfen der Einnahmen und Ausgaben sowie weitgehend für den Jahresabschluss.

Seit 2011 ist er der Leiter der Abteilung Finanzen und Fachdienstleister für Finanzwesen; 2013 kam das Zentrale Controlling hinzu. Seit drei Jahren heißt seine Abteilung Finanzen und Controlling und umfasst rund 80 meist weibliche Beschäftigte. Müller schmunzelt, als er sagt: "Ich habe fast immer nur mit Frauen zusammengearbeitet." Auf seine motivierte Mitarbeiterschaft habe er sich jederzeit verlassen können. Übrigens steht auf seinem mustergültig aufgeräumten Schreibtisch neben dem Foto seiner beider Enkelkinder eine Tasse mit der Aufschrift "Der beste Abteilungsleiter" - ein Geschenk seiner Sekretärin Ina Löser.

Müller kümmerte sich auch um die Ausbildung junger Menschen. Bis 1990 betreute er den berufspraktischen Unterricht für den Beruf Finanzkaufmann. Danach begleitete er fast 20 Jahre lang als Ausbilder künftige Verwaltungsfachleute. Als der gebürtige Freiberger 1974 seine Lehre als Finanzkaufmann in der Kreisbehörde begann, umfasste der Haushaltsplan vier Seiten, dienten Lochkarten zur Datenspeicherung, manche Kollegen trugen Nylonkittel. Als er 1990 Kämmerer des Altkreises Freiberg wurde, hatte der Etat ein Volumen von 86 Millionen D-Mark. 2013 hatte der erste doppische Haushalt (nach Gesichtspunkten der unternehmensnahen Betriebsführung erarbeitet) ein Volumen von rund 600 Millionen Euro. Und der Etat 2021 umfasst knapp eine Milliarde Euro.

Auf die Frage, ob ihn diese Riesenbeträge erschauern lassen, lächelt Müller und sagt trocken: "Das steht doch bloß auf dem Papier." Dann wird er gleich wieder ernst und ergänzt, er sei stolz, eine "stabile Haushalt- und Finanzwirtschaft" zu hinterlassen. Seit Jahren erfolgte keine Kassenkreditaufnahme. Der Landkreis hat per 1. Januar 2021 eine Pro-Kopf-Verschuldung von 41 Euro - der niedrigste Schuldenstand aller sächsischen Kreise.

Zur Haushaltsdebatte im Kreistag gehörte stets Müllers Vorstellung des zuletzt rund 800-seitigen Etats. In stoischer Ruhe trug er Zahlen und Zusammenhänge vor, während einige Kreisräte gedanklich etwas abwesend wirkten. Auf Fragen war er immer vorbereitet. "Ich habe bis zuletzt jede Seite im Plan gelesen und habe ein gutes Zahlengedächtnis." Als er das sagt, schlägt er den Etat-Ordner 2021 zu und platziert ihn akkurat neben der Tastatur. Auf die spöttische Bemerkung "Gelernt ist gelernt" des Fotografen hin, stutzt Müller kurz. Dann nimmt er ein Lineal und misst nach. Humor hat er.

Das spürt man auch, wenn Andreas Müller von seiner Arbeit im Freundeskreis Alte Kulturen erzählt, der 1973 als "Gruppe für utopische und wissenschaftliche Belletristik" gegründet wurde. Seit Ende 1982 leitet er den Verein. Zwei Bände der Vereinschronik "Auf den Spuren alter Kulturen" mit rund 1200 Seiten sind erschienen, ein dritter Band wird zum 50-jährigen Bestehen des Freundeskreises erscheinen. 2014 wurde Müller mit dem Sonderpreis des Andreas-Möller-Geschichtspreises geehrt. Gern denkt er zurück an die über 500 Veranstaltungen und die anschließenden Treffen in Freiberger Gaststätten, die es heute alle nicht mehr gibt. Und dann weicht sein verbindliches Abteilungsleiter-Lächeln einer unbekümmerten Fröhlichkeit. Plötzlich scheint er ein ganz anderer Mensch zu sein.

Man glaubt ihm aufs Wort, dass er immer "den Schalter umlegen" und abschalten konnte. Doch als er die wenigen Ausnahmen aufzählt, schwenkt der sonst so gelassene Mann unruhig mit seinem Dreh-Bürostuhl hin zu her. "Ich habe ja in zwei Systemen und mit drei Währungen gearbeitet. Aber die Kreisgebietsreform 2008 und die Zusammenführung der Kreishaushalte Freiberg, Mittweida und Döbeln waren eine besondere Herausforderung." Noch dazu, weil er nicht vom Sinn dieser Reform überzeugt gewesen sei. Überzeugt war er hingegen von der Umstellung auf das neue kommunale Rechnungssystem Doppik 2013, obwohl der Aufwand enorm war. In der Eröffnungsbilanz mussten Grundstücke, Straßen, Autos, Inventar aufgelistet werden. "Wichtigster Punkt war, dass Investitionen erwirtschaftet werden müssen, ein löbliches Ansinnen. Aber dafür hätte man den Kommunen Geld in die Hand geben müssen." Jetzt sei die Doppik auf halber Strecke stecken geblieben. Denn der Freistaat erstellt seinen Haushalt nach dem alten, kameralistischen Rechnungssystem.

Seinen Nachfolger arbeitete der Finanzer seit Januar ein. Wenn Christoph Trumpp Fragen habe, stehe er ihm gern zur Verfügung, aber er dränge sich nicht auf. Lächelnd sagt Müller: "Gut gemeinte Ratschläge sollte man sich und seinem Nachfolger nicht antun."


So sehen ihn Weggefährten: Ein legendär höfliches Schlitzohr, das Maßstäbe gesetzt hat

Landrat Matthias Damm (CDU): "Nach fast 47 Jahren ununterbrochenem Dienst als ,Finanzer' in der Kreisverwaltung geht ein ganz erfahrener und äußerst zuverlässiger Verantwortungsträger in seinen verdienten Ruhestand. Andreas Müller ist es ganz wesentlich zu verdanken, dass unser Landkreis sich heute in einer stabilen Finanzlage präsentieren kann. Ihm ist es stets gelungen, lösungsorientiert den Blick für die Gesamtsituation zu haben und dennoch auch Besonderheiten Rechnung zu tragen. Er hat Maßstäbe gesetzt."

Jörg Woidniok, Chef der CDU/RBV-Kreistagsfraktion: "Herrn Müller habe ich als angenehmen, ausgesprochen kompetenten und zuverlässigen Gegenüber bei allen Haushaltsfragen erlebt. Nur wenige Kreisräte waren in der Lage, seinen langen und kenntnisreichen Ausführungen bis in alle Tiefen zu folgen. Ich hatte meist das Gefühl, dass sein verbindliches Auftreten immer mit einer gehörigen Portion Schlitzohrigkeit gepaart war. Er hat uns Kreisräten nicht immer freiwillig verraten, ob und wie viele Euro er noch in den Winkeln des kreiseigenen Geldsäckels vor uns versteckt hält. Legendär seine Höflichkeit. Er ist kein reiner ,Erbsenzähler', sondern ein sehr interessierter und gebildeter Mensch. Ich bedauere den Abschied, freue mich aber auf frischen Wind durch seinen Nachfolger Dr. Trumpp."

Volkmar Schreiter, FPD-Kreistagsfraktionschef: "Wir bedanken uns bei Herrn Müller für die langjährige gute und zuverlässige Zusammenarbeit. Er war uns bei unseren Fraktionssitzungen im Zusammenhang mit der Erstellung des Haushaltsplanes stets ein hilfreicher und gern gesehener Partner."

Stefan Kraft, Geschäftsführer der SPD-Kreistagsfraktion: "Unsere Fraktion bedankt sich bei ihm für seine stets sehr akribische Arbeitsweise. Als Jongleur mit den Zahlen war es für ihn nicht immer einfach, das Feuer bei den Kreisräten zu entflammen. Er ließ sich nie aus der Ruhe bringen, machte einen hervorragenden Job."

Jana Pinka, Linken-Kreistagsfraktion: "Andreas Müller ist ein sachlich geprägter und guter Finanzer. Er ist immer auskunftsfähig. So stelle ich mir jemanden in einer Verwaltung vor. Zudem war er stets höflich und gut informiert. Er stand in den Dingen."

Reiner Hentschel, Kreistagsfraktion der Freien Wähler: "Er war fachkompetent, zuverlässig und jederzeit ein geachteter Gesprächspartner."

Romy Penz, Chefin der AfD-Kreistagsfraktion: "Wir schätzen seine Arbeit sehr und bedanken uns für stets sehr gute und sachdienliche Zusammenarbeit." (hh)

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