Grüne setzen radikal auf Offenheit

Parteichefin Annalena Baerbock will die Grünen als Gegenkraft zu Populisten stark machen. Besonders im Sachsen-Wahlkampf rechnet die Partei mit Gegenwind.

Leipzig.

Die Bundesvorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, setzt in den bevorstehenden Wahlkämpfen in Europa sowie in den drei ostdeutschen Bundesländern Sachsen, Thüringen und Brandenburg betont auf einen Kurs der Offenheit. "Die liberale Demokratie steht enorm unter Druck", sagte Baerbock am Freitag zur Eröffnung des Europa-Parteitags der Grünen in Leipzig. Es gehe um "liberal gegen autoritär", betonte die Vorsitzende. Sie wolle daher "das Liberale in den Mittelpunk unserer Europapolitik stellen". Das bedeutet, sich "zu öffnen und Interesse am anderen Menschen zu haben". Baerbock betonte, die Offenheit der Grünen für das Gespräch sei eine Stärke, die der Partei bei den Wahlen in Hessen und Bayern "viel Zustimmung gebracht hat". Diese Strategie wolle die Partei auch in den drei ostdeutschen Wahlkämpfen im kommenden Jahr verfolgen, auch wenn vor allem in Sachsen damit zu rechnen sei, "dass der Wind uns richtig ins Gesicht bläst", sagte Baerbock.

Zugleich plädierte die Parteichefin dafür, die Angst vieler Menschen vor dem Verlust von Zugehörigkeit und Teilhabe ernst zu nehmen. "Manche nennen das Heimat, wenn noch ein Bus fährt", wenn es noch ein Schwimmbad und eine Bibliothek gebe. In jenen Regionen aber, "wo kein Bus mehr fährt, es keine Hebamme und keinen Landarzt mehr gibt, da fühlt man sich nicht nur abgehängt. Man ist abgehängt", sagte Baerbock.

Zudem machte sich die Parteichefin für eine "humane, geordnete Flüchtlings- und Migrationspolitik" in Europa stark. "Wir brauchen geordnete Verfahren, damit niemand mehr in Boote steigen muss." Flüchtlinge müssten an der Grenze registriert und dann fair verteilt werden. Allerdings müsse in der Asylpolitik stets die Humanität im Mittelpunkt stehen. "Wir müssen endlich wieder Mitgefühl zulassen, um das Schicksal des Einzelnen zu sehen", sagte Baerbock. "Das Toxische an der Asyldebatte" sei, wenn Populisten nicht den Menschen sehen, sondern von Massen sprechen.

Grüne im Umfragehoch

Das ZDF-Politbarometer sieht die Grünen im Umfragehoch. Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, blieben die Union mit 27 Prozent und die SPD mit 14 Prozent unverändert bei ihren bisherigen Tiefstwerten. Die Grünen hingegen würden sich um zwei Prozentpunkte auf 22 Prozent verbessern.

Die sächsischen Grünen wollen bei der Landtagswahl mindestens zehn Prozent erreichen: "Es ist für uns an der Zeit, bei der Landtagswahl erstmals ein zweistelliges Ergebnis in Angriff zu nehmen", so der Fraktionsvorsitzende Wolfram Günther. Die Grünen haben bei der Landtagswahl 2009 mit 6,4 Prozent ihr bisher bestes Ergebnis erzielt. (kok)

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
7Kommentare
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  • 5
    0
    Täglichleser
    12.11.2018

    Auf dem Parteitag gab es einen ausgelosten Redebeitrags eines Delegierten über die europaweite Ausschreibung des Nahverkehrs. Er wollte
    hier Änderung, weil darauf in einer Region die Busfahrer schlechter bezahlt wurden und die Qualität des Nahverkehrs sank.
    Der Beitrag wurde kaum beachtet.
    Europa ist mehr ein Europa der Profitmacher.
    Das fehlte hier in der Diskussion der Grünen.

  • 5
    1
    Freigeist14
    11.11.2018

    Das grüne Wunder und die Realo - Heilsbringer Baerbock und Habeck wollen alles sein : konservativ,liberal und gleichzeitig (etwas) links . Das ist mehrheitsfähig,aber nicht unbedingt glaubwürdig . Sie möchten den Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie tilgen dazu noch soziale Gerechtigkeit ohne größere Umverteilung . Alles ohne grundlegende Veränderungen . Also im Prinzip kann es bleiben wie es ist : Wasch mir den Pelz- aber mach´ mich nicht naß !

  • 5
    1
    Freigeist14
    11.11.2018

    ...und Sie erst recht nicht acals@ . Mit einer Paranoia sieht man eben die Linkspartei ,obwohl kein Wort davon erwähnt wurde . Eine neutrale oder gar kritische Berichterstattung über die Alles-Versprecher "Die Grünen " sieht etwas anders aus .

  • 4
    9
    Blackadder
    11.11.2018

    @ acals: Richtig. Zumal die Grüneneinen Parteitag hier in Sachsen abgehalten haben. Warum darf man datüber nicht berichten? Bei der AfD wird auch-mit Verlaub- jeder Pups kommentiert in den Medien. Das ist sicher auch nicht immer hilfreich, aber bei dem derzeitigen Höhenflug der Grünen, sollte man schon mal beleuchten, warum das so ist. Die Sorgen und Nöte der 13% AfD Wähler sollen ja auch ständig ernst genommen werden. Die über 20%, die derzeit grün wählen würden zählen nicht?

    Ich kann nur wirklich hoffen, dass das nun auch wichtige Themen, wie der Klimawandel oder Tierschutz so intensiv in den Medien behandelt werden, wie die Flüchtlingsthematik in den letzten Jahren überproportional behandelt wurde.

  • 4
    7
    acals
    10.11.2018

    Aufgabe einer "freien presse" ist ja darüber zu berichten was die Bürger bewegt.

    Offensichtlich machen die Grünen vieles richtig - und 22 % Zustimmung, Wahlerfolge in Bayern und Hessen und ... sprechen eine deutliche Sprache.

    Die Zeiten sind seit '89 vorbei wo der lokale Chef der SED=SED/PDS=PDS=Linkspartei bei den Medien angerufen hat und kundgetan hat was konform ist und was nicht. Bezeichnend, Herr freigeist, Sie kommen einfach aus Ihrer Haut nicht raus.

    Der Bürger goutiert derweil zu fast einem Viertel aller was bei den grünen vorgeht - es interessiert ihn auch.

  • 9
    4
    Tauchsieder
    10.11.2018

    Sehe ich auch so "Frei.....".
    Da sagte doch mal einer das derjenige der hoch hinaus will tief fallen wird. Dieser Hype wird nächstes Jahr wieder zurecht gerückt.

  • 10
    4
    Freigeist14
    10.11.2018

    Werte Freie Presse ,hat in der Redaktion in der Brückenstrasse jemand einen Narren an Baerbock und Habeck gefressen ? Die Landtagswahlen sind erst im nächsten Herbst - bis da hin werden die Grünen wieder geerdet werden .



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