Abo
Sie haben kein
gültiges Abo.
Schließen

Wobei sich die Lausitz und das Rheinland die Sorgen teilen: Das Schweigen der Bagger

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Viele Jahre haben sich die Bewohner eines Dorfes im Rheinland darauf eingestellt, abgebaggert zu werden. Dann kommt der Kohleausstieg - und plötzlich ist alles anders. Ein Blick in eine Region, die mit der Lausitz etliche Sorgen teilt.

Morschenich.

Manchmal kommt Dagmar Gerden noch in ihr altes Heimatdorf zurück. Sie spaziert dann die verlassene Dorfstraße hinunter, stapft hinaus auf die Felder, lässt die Hunde laufen. Auch einen kleinen Umweg nimmt sie hin und wieder, vorbei am alten Elternhaus. "Von diesen Besuchen zehre ich eine ganze Woche", sagt die 47-Jährige.

Dass sie überhaupt zurück kann, ist für Dagmar Gerden ein kleines Wunder. Denn eigentlich sollte ihr Morschenich längst verschwunden sein. Das Dorf im Landkreis Düren, eine gute Autostunde westlich von Köln, liegt mitten im Rheinischen Revier. Seit Jahrzehnten baut der Energiekonzern RWE hier Braunkohle ab, rund 100 Millionen Tonnen sind es im Jahr.

Mit dem Kohleabbau ist Dagmar Gerden groß geworden. In Morschenich hat sie ihren Mann Jürgen geheiratet, hat zwei Söhne großgezogen, die Eltern gepflegt. In Morschenich wollte sie alt werden. Dann kam der Bagger. Wenn die Gerdens aus ihrem Küchenfenster blickten, konnten sie ihn kaum übersehen. Nur wenige Kilometer vom Ortsrand entfernt fraß sich ein Schaufelradbagger durchs Erdreich. Einer von fünfen, die im benachbarten Tagebau Hambach standen.

In Morschenich war der Tagebau bedrohlich nahe an den Ort gerückt. Laut Plan wäre auch die Kohle unter dem Dorf bald dran gewesen. RWE wollte den Ort abbaggern, verhandelte mit den Dorfbewohnern über Entschädigungen und ließ außerhalb der Tagebauzone ein neues Morschenich entstehen. Das Bauland in dem am Reißbrett geplanten Dorf erhielten die Bewohner im Tausch gegen ihr altes Grundstück.

Als am 16. Januar 2020 der Kohleausstieg beschlossen wird, ist die Umsiedlung bereits sieben Jahre im Gange. Nun soll Schluss sein mit der Kohle, spätestens bis 2038, erklärt die Bundesregierung. Vier Tage später gibt RWE bekannt, Morschenich nicht abbaggern zu wollen. Diese Entscheidung hat die nordrhein-westfälische Landesregierung in diesem Frühjahr bestätigt: In ihrer neuen Leitentscheidung - einer Art gesetzlichen Rahmenplanung für alle Tagebaue - ist nicht mehr vom Abbaggern die Rede. Morschenich bleibt. Und so kommt es, dass sich eine kleine Gemeinde mitten im Rheinland einer Frage stellen muss, die man dort nie für möglich gehalten hätte: Was wird aus einem totgeglaubten Ort, wenn er doch nicht in der Grube verschwindet? Was wird aus Morschenich?

Wer Familie Gerden fragt, der bekommt darauf eine klare Antwort: "Wir wollen unser Haus zurück." 2017 haben sie es an RWE verkauft - mit dem Tagebau im Nacken, wie das Ehepaar betont: "Ohne diese bedrohlichen Aussichten hätten wir das alles nie aufgegeben." Morschenich sei schon immer ihr Zufluchtsort gewesen. "Wir haben einen Biohof, in den wir viel Zeit investieren. Wenn wir abends dann nach Hause gefahren sind, war das wie Urlaub für uns", sagt Dagmar Gerden.

Von ihrem neuen Wohnort in Düren brauchen die Gerdens nur wenige Minuten mit dem Auto, bis sie vor ihrem alten Haus stehen. In den ersten Monaten nach dem Umzug haben sie die Strecke gemieden, jetzt kommen sie wieder regelmäßig hierher. Ein bisschen ist es das Heimweh, das sie nach Morschenich zieht, ein bisschen ist es die Sorge. Ob das Haus noch steht?

Die Türen sind zwar verrammelt, die Scheiben eingeworfen und mit Spanplatten gesichert. Zwischen den Gehwegplatten wuchert das Unkraut. Ansonsten wirke das Haus aber fast wie früher, versichern die beiden. Es ist ein Haus im Dornröschenschlaf, auf das die Gerdens da blicken. Der Ort aber hat sich stark verändert: Keine 140 Menschen leben noch hier, früher waren es über 500. Die meisten von ihnen sind Geflüchtete, denen die Gemeinde Häuser zugewiesen hat.

Ob das verlassene Dorf nicht abschreckend auf sie wirke, werden die Gerdens oft gefragt. Seitdem der Leerstand überwiegt, ziehen Metalldiebe durch den Ort, das Sicherheitsgefühl der letzten Einwohner leidet unter Vandalismus und Diebstählen. "Wir würden sofort wieder einziehen", erwidert Dagmar Gerden, klingt dabei fast ein wenig trotzig. "Nichts wäre mir lieber, als unser altes Haus zurückzubekommen."

Wer das nicht will, ist der neue Eigentümer. Dreimal hat die Familie nach eigenen Angaben um einen Rückkauf gebeten. Dreimal habe RWE abgelehnt. "Wir sehen die Gemeinde am Zug, die eine Vision für die Ortslage entwickelt", sagt ein Sprecher. "Im Zuge dieser Planungen werden sich dann auch viele Detailfragen, was die Ortslage angeht, klären lassen."

Womit die Hoffnung der Gerdens bei Georg Gelhausen liegt. Seit fünf Jahren leitet der CDU-Politiker die Amtsgeschäfte der Gemeinde Merzenich, zu der Morschenich gehört. Er könnte sich für einen Rückkauf einsetzen. Doch der Bürgermeister hat erstmal anderes vor: Der Kohleausstieg spült viel Geld in die Region. 40 Milliarden Euro Strukturhilfen verspricht der Bund für die deutschen Kohleregionen, bis zu 14 Milliarden Euro davon sollen direkt an die Kommunen fließen. Womöglich auch nach Morschenich.

Wie, das präsentiert Georg Gelhausen an einem Freitag Anfang des Jahres. Das Fernsehen ist da, auch einige Zeitungen und eine Vertreterin aus dem Wirtschaftsministerium sind nach Morschenich gekommen. Mit großen Schritten eilt Georg Gelhausen durch die Menschentraube, die Maske im Gesicht, ein gelbes Ortsschild unterm Arm. Als er es den Fotografen entgegenstreckt, lächelt er stolz. "Morschenich-Alt", steht auf dem Schild. Und etwas kleiner darunter: "Ort der Zukunft". So soll das Dorf künftig heißen.

"An diesem Ort mit seiner besonderen Geschichte soll auch in Zukunft etwas ganz Besonderes entstehen", erklärt Gelhausen. Ginge es nach dem Bürgermeister, spricht man bald vom Lern- und Entwicklungsraum. Das neue Morschenich-Alt soll Start-ups fördern und innovative Mobilitätsformen beheimaten. Selbst an die Weltpolitik hat Gelhausen gedacht: Nach dem vollzogenen Kohleausstieg wäre seine Gemeinde der perfekte Schauplatz für den nächsten Weltklimagipfel. Den Bundeskanzler sieht er schon mit einem Solarflugzeug auf dem Morschenicher Flugplatz landen.

Nicht allen gefällt das. Als Gelhausen den Journalisten das neue Ortsschild präsentieren will, stehen zwei Demonstranten neben ihm und zeigen ihr eigenes Schild. "Ort des Greenwashings" ist darauf zu lesen - dem Bürgermeister gehe es vor allem um das eigene Image, lautet ihr Vorwurf. Solche Protestaktionen ist Georg Gelhausen mittlerweile gewohnt. Im Herbst 2018 waren tausende Menschen durch Morschenich gepilgert, um an den nahegelegenen Hambacher Forst zu gelangen. Als RWE dort Bäume fällen wollte, um den Tagebau zu vergrößern, stellte sich dem Energieriesen eine breite Protestfront entgegen. Am Ende siegten die Braunkohlegegner. Der "Hambi", wie ihn die Aktivisten nennen, durfte bleiben.

Noch heute streifen viele der Aktivisten von damals durch die Region. Manche von ihnen haben sich in Baumhäusern eingerichtet, andere in Zeltlagern rund um den Forst. Auch in Morschenich, wo die Aktivisten im Garten einer Bewohnerin Unterschlupf gefunden haben.

Kim ist einer, der das Leben im sogenannten "Hambi-Camp 2.0" gut kennt. Der junge Mann ist nicht allein wegen des Kohleprotests hier. "Mich fasziniert es, frei von Zwängen zu leben", sagt er. "Wir sind autonom organisiert, bauen uns eine eigene Gemeinschaft auf." Mehr Autonomie, das würden sich die Aktivisten auch für das neue Morschenich wünschen. Ihnen schwebt eine sich selbst organisierende Dorfgesellschaft vor, die im Einklang mit der Natur lebt. Und es gibt noch etwas, das die Camp-Bewohner erhalten wollen: die alten Häuser. "Das ist guter und gleichzeitig günstiger Wohnraum", sagen sie.

Für Georg Gelhausen ist das vor allem Wunschdenken. "Viele Häuser sind von Vandalismus und Diebstahl gezeichnet", sagt er. Und noch etwas stehe dem Wunsch der Aktivisten entgegen: "Die meisten Umsiedler wollen nicht, dass ihre alten Häuser von anderen Menschen bewohnt werden", sagt Gelhausen.

Ob wieder Menschen im Ort wohnen werden, scheint unklar. Rund 30 Häuser am Rande von Morschenich hat RWE bereits abreißen lassen. Bevor weitere Gebäude fallen, wird jetzt ein denkmalpflegerisches Gutachten durchgeführt. Die über 400 Jahre alte Kirche, einige Höfe und Stallungen - all das seien erhaltenswerte Objekte, findet Gelhausen. Aber nicht alle Gebäude könnten stehen bleiben.

Und was ist mit dem Wunsch der Gerdens? Die Familie könne er gut verstehen, sagt der Bürgermeister. "Wenn ich aber jetzt schon anfange, über Sonderrechte zu verhandeln, öffne ich damit die Büchse der Pandora. Dann können wir die Neuplanung vergessen." Die Bevölkerung kann sich seit März über ein Beteiligungsportal einbringen, auch mit den Aktivisten aus dem "Hambi-Camp 2.0" sei er im Gespräch.

Ob das reicht? Wie fern sich die verschiedenen Parteien dann doch sind, zeigt ein Freitag im Februar. In Morschenich herrscht an diesem Tag rege Betriebsamkeit: Bagger poltern über die Straße, Männer rufen, eine Motorsäge kreischt. An den Straßenrändern türmen sich Berge aus Laub und Holzstämmen auf. RWE hat auf den Grundstücken mit dem saisonalen Rückschnitt begonnen - im Einvernehmen mit der Gemeinde, wie Gelhausen betont.

Trotzdem ergießt sich ein virtueller Sturm der Häme über das Rathaus. Am Telefon spricht ein aufgelöster Jürgen Gerden: "Das ist nicht nur Totholz, was die rausschneiden. Die machen Tabula rasa." Ob beim nächsten Mal dann die Häuser dran seien, fragt er provokant.

Für Georg Gelhausen ist die Aufregung unverständlich. Auch er ist an diesem Freitag vor Ort und knipst Bilder. Den Tweets aus dem Camp, erzählt er, möchte er später einen eigenen Bericht entgegenstellen.

Und so stichelt wieder jeder gegen jeden. Der Kohleausstieg mag dem Geisterort zwar ein zweites Leben geschenkt haben - die alten Fehden aber hat er nicht begraben.

Morschenich bleibt, so viel ist klar. Nur: für wen?

Lausitz: Jede fünfte junge Frau will wegziehen

Der vom Strukturwandel betroffenen Lausitz fehlt laut einer Studie eine neue Frauen-Generation. Nach Daten des repräsentativen Lausitz-Monitors kehren vor allem junge Frauen dem östlichstem Braunkohlerevier den Rücken. "Das Ergebnis war ernüchternd. Für jeden zehnten Lausitzer ist es wahrscheinlich, dass er in den nächsten zwei Jahren die Region verlässt. Bei den jungen Leuten zwischen 18 bis 39 wollen sogar knapp die Hälfte weg, bei den Frauen jede Fünfte", erklärte Studienleiter Jörg Heidig. Aus Sicht der Sozialwissenschaftlerin Franziska Stölzel braucht es aufgrund dieses "alarmierenden Trends" mehr Fachkräfteprogramme für Frauen, eine bessere Entlohnung sozialer Berufe und spezielle Initiativen von Unternehmen für junge Frauen. Heidig hat mit dem Leipziger Marktforschungsunternehmen MAS Partners im Februar 2021 insgesamt 1000 Lausitzer erneut zu Strukturwandel, zur Wirtschaftsregion Lausitz und zur regionalen Verbundenheit befragt und ein aktuelles Stimmungsbild der Region zwischen Cottbus, Spreewald und Görlitz eingefangen.

Der Trend ist nicht neu. Fast ein Viertel der ursprünglich 16 Millionen Ostdeutschen zog nach der Wende in zwei Abwanderungswellen in den Westen. Die Ersten gingen um 1989, eine zweite Welle folgte um 2000. Wie die Statistiken zeigen, ist die Region Oberlausitz besonders betroffen. Weil es immer weniger Jobs in der Braunkohle- und der Textilwirtschaft gab, packten viele - auch damals oft Frauen - ihre Koffer. (dpa)

Das könnte Sie auch interessieren