Sachsen unter Bananenbäumen

Mitte des 19. Jahrhunderts wanderte ein ehemaliger Glauchauer Bürgermeister mit seiner Ehefrau nach Brasilien aus. Briefe, die das Paar über 50 Jahre lang in die Heimat schickte, wurden jetzt veröffentlicht. Es sind einzigartige Zeugnisse von Ankunft und Alltag in der Fremde - mit Verbindungen bis in die Gegenwart.

Chemnitz.

Die Überfahrt dauerte fast zwei Monate. 36 Menschen starben auf der Seereise, zwei Kinder wurden an Bord geboren. Eines davon war bereits tot, bevor das Schiff im Herbst 1854 sein Ziel erreichte. "Am 20. November mit Tagesanbruch sahen wir das Land wie einen blauen Nebelstreifen vor uns liegen", berichtet Ottokar Dörffel. In einem Brief an seine Mutter beschreibt der Auswanderer aus Glauchau seine ersten Eindrücke von Brasilien. Dörffel ist enthusiastisch und regelrecht ergriffen von der Natur in dem fremden Land: "Die grünbewaldeten, zum Teil grotesk gestalteten Küstengebirge gewähren ein wahrhaft romantisches Bild."

Es sind Zeilen eines Menschen, der sich vor gut 150 Jahren anschickt, ein neues Leben an fremden Gestaden zu beginnen. Schon immer trieb es Menschen weg aus ihrer Heimat, sei es aufgrund von Krieg, wirtschaftlicher Not oder persönlichen Krisen, selten aus purer Abenteuerlust. Im 19. Jahrhundert gab es einen regelrechten Exodus aus den krisengeschüttelten deutschen Landen. Das Ziel: Amerika. Sechs Millionen Deutsche verließen zwischen 1820 und 1930 ihre Heimat, darunter etwa 100.000 Sachsen. Die meisten versuchten ihr Glück in den Vereinigten Staaten, etwa 210.000 deutsche Emigranten jedoch zog es in das dünn besiedelte Brasilien, das seit 1822 unabhängig war und um Einwanderer warb. Was erwartete die Menschen dort? Wie gelang ihnen der Neuanfang, welche Erfolge, aber auch welche Sorgen und Nöte prägten das Leben in der Fremde? Und was heißt das für uns heute?

Das Leben des ehemaligen Glauchauer Bürgermeisters Ottokar Dörffel (1818-1906) und seiner Frau Ida (1822-1889) in Brasilien ist so umfassend und anschaulich dokumentiert wie kaum eine andere sächsische Auswanderergeschichte des 19. Jahrhunderts. Zeit seines Lebens hielt das Paar Kontakt mit der Heimat, fast 100 Briefe und Postkarten aus rund 50 Jahren sind erhalten geblieben. Die meisten werden heute im Sächsischen Staatsarchiv in Chemnitz aufbewahrt, ein kleiner Teil im Schloss Hinterglauchau.

Ein Urgroßneffe Dörffels, Günter Kretzschmar aus Nürnberg, schenkte dem Archiv 2009 die gesamte Korrespondenz. Er hatte sie restaurieren lassen und selbst transkribiert, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Eine Mitarbeiterin des Sächsischen Staatsarchivs veröffentlichte die Briefe nun anlässlich Dörffels 200. Geburtstags in einem Buch.

"Diese Briefsammlung ist etwas Einmaliges", sagt Judith Matzke. Vor fünf Jahren hatte sie die Korrespondenz auf einem Workshop erstmals einem Fachpublikum vorgestellt. Die Menge der Überlieferung, die Dichte der Informationen, der lange Zeitraum - und das alles geschrieben von einem Mann und einer Frau: Die Experten, so berichtet die Dresdnerin, hätten gestaunt. Beeindruckend sei die Themenvielfalt der Schreiben. "Man hat selten so plastische Schilderungen." Mehrere Jahre lang nutzte die Mitarbeiterin des Staatsarchivs ihre Freizeit, um die Transkriptionen der Briefe zu überprüfen und auch zu kommentieren. Daraus entstand ein opulenter Band.

Die Korrespondenz beginnt mit der schwierigen Ankunft in dichtem Urwald. "Der Zustand, in welchem wir die Colonie Dona Francisca angetroffen haben, war selbst den, im Allgemeinen geringen Erwartungen, die ich mir von derselben gemacht hatte, keinesfalls entsprechend", schreibt Ottokar Dörffel. So landeten die Neuankömmlinge in einem Raum von dreieinhalb mal dreieinhalb Metern - eine "Localität, mit welcher in Deutschland keine Kuh zufrieden sein würde". Man lebe hier "auf Gottes freiem Erdboden", "die Decke fehlt ganz, und man hört aus den benachbarten Localitäten fortwährend Zanken roher Leute und Kindergeschrei, ein einfaches Blätterdach schützt notdürftig vor Regen".

In Brasilien lebten die Auswanderer damals in isolierten Siedlungen mit Landwirtschaft und kleinen Familienbetrieben. Nach Dona Francisca kamen zwischen 1850 und 1888 mehr als 17.000 Immigranten, vor allem Deutsche und Österreicher - die Dörffels aus politischen Gründen. Ottokar Dörffel, 1818 in Waldenburg geboren, war Jurist und stand in schönburgischen Diensten. In Rochlitz lernte er seine Frau Ida kennen, dort heirateten sie 1846. Ein Jahr später ging das Paar nach Glauchau, wo Dörffel zum Bürgermeister gewählt wurde. Seine Amtszeit sollte aber nur sechs Monate dauern. Beim Dresdner Maiaufstand 1849 schickte er auf Beschluss des Stadtrates Freiwillige los, die die Provisorische Regierung unterstützen sollten. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde Dörffel zunächst zu einer langen Zuchthausstrafe verurteilt. In einem zweiten Urteil folgte zwar ein Freispruch, zugleich blieb er aber politisch degradiert und rechtlos, seine berufliche Karriere in Sachsen war beendet.

Und so wagten Ottokar und Ida Dörffel im Alter von 36 und 32 Jahren einen Neuanfang in Übersee. Dörffels Dienstherr, Fürst Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg, hatte Aktien am "Colonisations-Verein von 1849 in Hamburg" erworben, der die deutsche Siedlung in Südbrasilien aufbaute. Eine Übersiedlung in die USA kam für Dörffel wegen der "Befürchtung, dort mein Deutschtum dem Yankeetum opfern zu müssen", nicht infrage. So ging das Paar am 30. September 1854 im Hamburger Hafen an Bord eines Schiffs nach Brasilien - in einer Gruppe von knapp drei Dutzend Glauchauern und weiteren Personen aus Südwestsachsen.

Die Kolonie Dona Francisca, die spätere Stadt Joinville, war erst wenige Jahre zuvor dem Urwald abgerungen worden. Dörffel erwarb dort ein etwa 30 Hektar großes Grundstück mit einem einfachen Haus, ein paar Tieren und etwas Landwirtschaftsgerät. Aus Tonvorkommen brannte er Ziegel, richtete eine Druckerei ein und gründete die erste deutschsprachige Zeitung Südbrasiliens. Über 30 Jahre war der Sachse in der Kolonieverwaltung tätig, amtierte als Koloniedirektor und Bürgermeister und war hamburgischer, preußischer und deutscher Konsul. Neben diesen politischen Ämtern wirkte er als Mitbegründer und Mitglied zahlreicher lokaler Vereine.

In den Briefen an Familie und Freunde schildert das Ehepaar sehr ausführlich und anschaulich die Tier- und Pflanzenwelt, Klima und Wetter, Ernährungsgewohnheiten und private Festkultur, gesellschaftliches Leben und Vereinswesen, Gesundheitsfragen, persönliche Netzwerke, alte und neue Heimat sowie seinen Werdegang in Brasilien.

Ida Dörffel, die ihrem Ehemann sprachlich und intellektuell nicht nachsteht, berichtet von den Südfrüchten und ihrem Anbau. "Die Bananenbäume", schreibt sie 1855, "das sind die hohen mit den langen Blättern, geben uns eine köstliche Frucht, die alle anderen europäischen übertrifft." Es ist eine der ersten Beschreibungen von Bananen hierzulande. Auch von Apfelsinen erzählt sie - und von Ananas, "so groß wie ein Krauthaupt". Aus ihrer Feder erfährt man auch vom Zusammentreffen der europäischen Siedler mit Ureinwohnern. Angehörige des indigenen Stammes der Botokuden, die von den Europäern später nahezu ausgerottet wurden - heute sollen nur noch einige Hundert Nachfahren leben -, seien 1873 zum ersten Mal in die Kolonie eingebrochen "und haben am hellen Tage Mann, Frau und ein Kind ermordet".

Mehrfach erwägt das Paar, nach Sachsen zurückzukehren oder die Heimat wenigstens zu besuchen, doch dazu kommt es nie. Oft sind Ida Dörffels Gedanken bei den Lieben in der Ferne. "Gestern früh beim Kaffeetrinken", so endet ein Brief an die Schwiegermutter, "bewegte sich dein Bild durch den Luftzug getrieben. Ich aber bildete mir ein, du würdest eben an uns denken."

Die Auswanderer nehmen auch regen Anteil am politischen Geschehen im fernen Europa - wegen des langen Postwegs freilich stets mit monatelanger Verzögerung. Aufschlussreich sind etwa die sehr unterschiedlichen Gedanken zum Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. Ottokar Dörffel schreibt seiner Schwester, es müsse ein erhebendes Gefühl sein, wenn deren Söhne zur Ehre des Vaterlandes ins Feld zögen. Ida indes stellt fest: "Der böse, böse Krieg - was wird der für Opfer kosten."

Das Buch mit den Auswandererbriefen zeichnet das authentische Bild einer deutschen Gesellschaft im 19. Jahrhundert in Übersee. Man dringt ein in eine untergegangene Welt, beschrieben von zwei Menschen, die mit viel Hingabe und Akribie Zeugnis ablegen von ihrem Leben in einer fremden, exotischen Gegend, die einen vertraut machen mit ihrem Alltag. "Es ist zwar eine wissenschaftliche Edition, aber auch ein wunderbares Lesebuch für Liebhaber von Reisebeschreibungen aus vergangener Zeit", sagt Raymond Plache, Leiter des Staatsarchivs in Chemnitz.

Judith Matzke hat aus den vielen historischen Zeilen aber noch mehr herausgelesen. Migration, sagt sie, werde heute - auch dank der Arbeit von Historikern - nicht mehr nur als Krisenerscheinung, sondern auch als Entwicklungschance begriffen. Es sei ein generationenübergreifender sozialer und kultureller Prozess, in dem Migranten in die Gesellschaft hineinwachsen, die sie aufgenommen hat. Folglich brauche es Akzeptanz für eine langandauernde Annäherung. In der Beschreibung des Neubeginns in einem fremden Land entdeckt sie Parallelen zur heutigen Situation von Flüchtlingen in Deutschland: "Auch die Dörffels wollten in der Fremde ihre deutsche Identität behalten und haben sich nicht unbedingt sofort integriert." Ida und Ottokar Dörffel, so schlussfolgert die Archivarin, haben "durch ihre Taten und Briefe bleibende Spuren hinterlassen und uns in Sachsen wie in Brasilien auch heute noch etwas zu sagen".

Ida Dörffel stirbt 1889, ihr Ehemann lebt noch bis 1906. Hochbetagt schreibt Ottokar Dörffel noch im Januar jenes Jahres an seinen Neffen in Zwickau und zieht eine bittere Bilanz seiner Aufbauleistung in Brasilien, erwähnt Schulden, die auf seinem Anwesen lasten: "Früchte hat das alles nicht getragen." Er sollte sich irren.

Joinville ist heute mit rund 600.000 Einwohnern die größte Stadt des südbrasilianischen Bundesstaates Santa Catarina. Judith Matzke hat sie vergangenes Jahr zum 200. Geburtstag von Ottokar Dörffel besucht. Sie erlebte viertägige Jubiläumsfeiern mit Ehrensitzungen im Stadtparlament, beim Industrie- und Handelsverein und bei den Freimaurerlogen "Ottokar Dörffel" und "Freundschaft des Südlichen Kreuzes". Das Theater widmete seinem Vereinsgründer eine Kunstnacht und vor Dörffels einstiger Villa, dem heutigen Kunstmuseum, fand ein Freiluftkonzert statt. In Joinville trägt heute - ebenso wie in Glauchau - eine Straße den Namen Ottokar Dörffels.

Joinville sei eine im Wachsen begriffene Industriestadt, für Touristen weniger attraktiv, die aber auch etwas zu Unrecht im Schatten anderer Städte stehe, sagt Judith Matzke. "Ich würde Parallelen zu Chemnitz ziehen." Es gibt dort Neubauten mit Fachwerk-Elementen, die mit der deutschen Vergangenheit spielen. Die Archivarin aus Dresden traf hochbetagte Bürger, die Deutsch noch als Muttersprache lernten und die sich zu deutschen Leseabenden versammeln. Darunter sind Nachfahren der Familie, die Ottokar Dörffel in seinen letzten Lebensjahren den Haushalt führte und nach seinem Tod das Anwesen übernahm.

Judith Matzke wurde auch von Joinvilles Bürgermeister Udo Döhler empfangen. "Sein Urgroßvater ging als Weber von Glauchau nach Brasilien. Er spricht perfekt deutsch", erzählt sie. Mit dem Buchprojekt und einer Tagung in Chemnitz seien nun Bande zwischen Sachsen und Brasilien geknüpft worden, die es wert seien, ausgebaut zu werden. "Vor fünf Jahren ahnte ich noch nicht, was diese Briefe auslösen würden."

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