Kretschmer tritt für CDU in Görlitz an

Der Ministerpräsident will für die CDU ein Direktmandat in Görlitz holen. Wie groß ist das Risiko?

Löbau.

Wirklich knapp war die Niederlage für Michael Kretschmer gar nicht ausgefallen. Als sich der CDU-Politiker bei der Bundestagswahl 2017 nach vier Siegen in Folge plötzlich in seinem ostsächsischem Wahlkreis nur noch auf Rang zwei einfand, hatte er exakt 1578 Stimmen weniger als AfD-Kontrahent Tino Chrupalla erhalten - und mit 31,4 zu 32,4 Prozent das Nachsehen.

Zwei Jahre später soll ihn nicht noch einmal das gleiche Schicksal ereilen. Daran hat die CDU auch deshalb ein gesondertes Interesse, weil der gebürtige Görlitzer nach dem gescheiterten Wiedereinzug in den Bundestag inzwischen Ministerpräsident ist. Das Ergebnis von 2017 sei "schockierend" gewesen, blickte Kretschmer am Samstag vor knapp 120 ostsächsischen Parteifreunden in Löbau noch einmal kurz auf das Debakel zurück - um anschließend keinen Zweifel daran zu lassen, die Scharte am 1. September 2019 wieder auswetzen zu wollen.

Dazu beitragen sollen neben einem entschiedeneren Vorgehen gegen straffällige Migranten und einem verbesserten Schutz der EU-Außengrenzen auch landespolitische Korrekturen. Kretschmer bekannte sich zur "Breitbandversorgung überall und nicht nur in den großen Städten" und dazu, dass die Einführung des Azubi-Tickets "noch vor der Wahl" geklärt werden müsse. Er kündigte zudem "eine neue Mediziner-Ausbildung für Landärzte" an. Zugleich warnte der 43-Jährige vor dem "Schlechtreden" von politischen Erfolgen wie der Aufnahme der Bahnstrecke Dresden-Görlitz in ein Elektrifizierungsprogramm des Bundes, auch wenn die Realisierung womöglich eine halbe Milliarde Euro kosten und sechs bis acht Jahre dauern werde. Dies müsse den Menschen erklärt werden.

Anschließend wurde er mit 96Prozent zum CDU-Direktkandidaten des Landtagswahlkreises 58 gewählt. Einen Gegenkandidaten gab es nicht, 23 CDU-Mitglieder stimmten mit Ja, eines mit Nein. Der Wahlkreis umfasst die Stadt Görlitz sowie Teile des Umlandes, weshalb Kreischef Octavian Ursu von "Sachsen in Klein" sprach. Ursu selbst hatte den Wahlkreis 2014 mit 37 Prozent und Riesenabstand geholt, genauso wie es zuvor Volker Bandmann durchgehend seit 1990 für die Union gelungen war. Ursu trat nicht noch einmal an, er will 2019 Oberbürgermeister von Görlitz werden. Er nannte Kretschmer einen "würdigen und coolen Nachfolger".

Kretschmer lebt mit seiner Familie schon seit Jahren in Dresden, ist aber nicht nur wegen seines Umgebindehauses in Großschönau im Zittauer Gebirge weiter sehr mit Ostsachsen verbunden. Er freue sich, dass er in seiner Heimatstadt kandidieren könne, bekannte er nach der Kür: "Hier komme ich her, hier leben meine Eltern und hier bin ich aufgewachsen." Zur Landtagswahl soll er auch auf Platz 1 der CDU-Landesliste stehen. Auf eine Absicherung dort will der kurz nach Kretschmer sogar mit 100 Prozent als Direktkandidat für Wahlkreis 60 nominierte Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Stephan Meyer, verzichten. Ebenfalls 100 Prozent gab es bei der Aufstellung von Fraktionschef Christian Hartmann am Samstag in Dresden. In der Landeshauptstadt bewirbt sich erstmals auch Sozialministerin Barbara Klepsch (97 Prozent) um ein Direktmandat. Ihren Wahlkreis hatte 2014 Ex-Innenminister Markus Ulbig gewonnen.

Parteiintern war darüber spekuliert worden, ob Kretschmer nicht besser in Dresden statt in Ostsachsen antreten sollte, weil sich die CDU-Kandidaten dort 2017 gegen ihre AfD-Kontrahenten hatten behaupten können. Vielleicht beruhigt es Kretschmers Anhänger, dass sein neuer Landtagswahlkreis deutlich kleiner als sein alter Bundestagswahlkreis ist - und er allein in der Stadt Görlitz vor zwei Jahren mit 532 Stimmen (32,2 zu 30,4 Prozent) noch vor seinem AfD-Kontrahenten gelegen hatte.

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