Leben und Sterben im Schatten des Turmes

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Zum Einheitsfrühstück trafen sich am 3. Oktober die Ministerpräsidenten zweier Freistaaten - an einem symbolträchtigen Ort an der einstigen innerdeutschen Grenze

Heinersgrün .

Es war eine stille Sommernacht, berichtete der Postenführer später. Doch gegen 3 Uhr morgens war plötzlich ein Knall zu hören. Die Grenzsoldaten wussten, was das bedeuten konnte. An der fraglichen Stelle sahen sie zunächst, dass eine Mine im Grenzzaun fehlte. Offenkundig war die hochgegangen. "Es kam mir der Gedanke, ein Hase kann nie so hoch springen", wird der Postenführer in der Stasi-Akte über den Vorfall zitiert. Als er näher kam, merkte er, dass es durchaus kein Hase gewesen war.

Der Tod von Peter Stegemann aus Beiersdorf bei Zwickau am 22. Juli 1978 ging als einer der tragischsten Fluchtversuche im Vogtland in die Geschichte ein. Beim Versuch, den Grenzzaun zu überwinden, löste er die SM-70-Mine aus, auch Selbstschussanlage genannt. Dutzende Splitter trafen seinen Körper. Als ihn die Soldaten fanden, lebte er noch, doch kurz darauf verstarb er im Oelsnitzer Krankenhaus. Die genauen Umstände seines Tode wurden vertuscht. Selbst die Asche ließ die Stasi mit Magneten durchsuchen, um noch Splitter zu finden.

42 Jahre später. Maria Schmidt geht am Stock, doch für diesen Besuch ist sie den Weg zu Fuß aus dem Dorf herauf zum alten Grenzturm gekommen. Obwohl es noch vor acht Uhr ist an diesem Samstagmorgen. Aber wann sonst machen schon mal zwei Regierungschefs quasi bei ihr daheim die Aufwartung?

Der Turm steht nicht weit entfernt von der Stelle, wo 1978 der Fluchtversuch scheiterte. Heute überqueren hier auf der A 72 Tag für Tag knapp 40.000 Autos die einstige innerdeutsche Grenze, es ist die normalste Sache der Welt. Vom Turm aus sieht man die Autobahn, das Dorf dahinter jedoch nicht mehr. Das Grün hat sich das Terrain längst zurückerobert. Immerhin: Der Turm ist eingerüstet, der Vogtlandkreis hat ihn nach Jahrzehnten des Verfalls endlich erwerben können und lässt ihn sanieren. Das Dach ist schon fertig, Landrat Rolf Keil (CDU) hofft, dass er vielleicht beim nächsten Einheitsfest 2021 fertig ist.

Maria Schmidt, Jahrgang 1941, verbrachte ihr ganzes Leben im Schatten des Turms in Heinersgrün. Sie hatte einen Gasthof mit Landwirtschaft, ihre Mutter betrieb die Post. Als sie Kind war, war die Grenze noch durchlässig. Es gab einen Schlagbaum auf russischer, einen auf amerikanischer Seite. Die Kinder versuchten, von Reisebussen Süßigkeiten zu ergattern. Später wichen die Schlagbäume den Zäunen, dann rückten die Zäune immer näher ans Dorf heran. Hin und wieder knallte es. Die Leute im Dorf wussten, dass meistens Tiere die Minen auslösten. Aber eben nicht immer.

"Wir haben uns oft gefragt, was treibt junge Leute dazu, sich so einer Gefahr auszusetzen", sagt sie. Nun steht sie vorm Turm und erzählt ihre Geschichte jedem, der sie hören will. "Sie müssen das aufschreiben", rät ihr ein im Vergleich zu ihr noch recht junger Mann. Es ist Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident des Freistaats Sachsen. Zum Frühstück ist er hier mit seinem Amtskollegen Markus Söder (CSU) aus Bayern verabredet. Die Idee hatte letzterer: "Nachdem ja alles im Moment virtuell stattfindet, war es mir ein persönlich wichtiges Anliegen, dass wir an so einem Tag ein gemeinsames Signal setzen." Das mediale Interesse an diesem abgeschiedenen Ort ist riesig. Söder werden Ambitionen als auch Chancen aufs Kanzleramt nachgesagt. Man fragt sich nur, was größer ist. Entsprechend staatstragend fallen die Statements aus. Neues hört man kaum, abgesehen davon, dass die Bilanz der Wiedervereinigung heutzutage nicht mehr nur gegen Miesmacher von links, sondern auch gegen die von der AfD verteidigt werden muss.

Dann sind die Ministerpräsidenten schon wieder verschwunden, Kretschmer muss in den Landtag nach Dresden, wo es 10 Uhr weitergeht. Der Turm und seine Geschichte haben mehr Aufmerksamkeit verdient. Wenn die Sanierung fertig ist, komme er wieder, sagt Kretschmer.

Sein Frühstück bleibt unangetastet. Maria Schmidt könnte jetzt Kaffee literweise trinken. Sie liebt ihre Heimat: "Wir haben ein gutes Leben geführt." Hat sie Sehnsucht nach den alten Zeiten? "Nein", sagt sie und wiederholt es noch einmal: "Das wünscht sich niemand zurück."

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.