Bei alten, neuen Freunden

Albanien und Mazedonien können den Beginn der Beitrittsgespräche zur EU in ihrem Kalender vormerken. Ende 2019 sollen die Gespräche beginnen. Doch die Skepsis ist groß. Unser Autor erkundet die Stimmung auf dem Westbalkan bei einer Reise durch 13 Länder Osteuropas.

Durrës.

"Wo wollt ihr hin?", fragt der junge Mann. Sein Deutsch ist tadellos, mein Vertrauen eher gedämpft. "Komm, ich zeige Euch den Busbahnhof. Cedric hatte in Hannover gearbeitet, jetzt lebt er in Durrës, Albaniens zweitgrößter Stadt. Zielsicher führt er uns durch das Straßengewirr. Unser Bus nach Tirana trägt noch die Originalbeschriftung von Katzenstein-Reisen aus Marienberg. Wir bedanken uns bei Cedric. Die 35-Kilometer Fahrt in die Hauptstadt kostet einen Euro.

Welche Bedenken sind mit auf diese Reise durch 13 Länder Osteuropas gegangen? Sie reichten von miesen Straßen über korrupte Polizisten, von nervigen Grenzkontrollen bis zum Umtausch von Geld in acht verschiedene Währungen. Doch ausgerechnet in Albanien, dem uns entferntesten und geheimnisvollsten Land, schlug die Skepsis in ein nahezu vertrautes Gefühl um. Lag es an Cedric, lag es am Bus aus Marienberg, am gemütlichen Bistro "Wintergarten" gegenüber der Deutschen Botschaft in Tirana, oder hatte Robert, der Inhaber eines Fischrestaurants am Adriastrand von Durrës den Ausschlag gegeben?

Am Vorabend hatten wir ihn kennengelernt. Deutschland habe ihn geprägt, berichtet er von "20 guten Jahren als Bauhandwerker in Bamberg". Die Umstellung auf die alte Heimat falle ihm schwer. Sein Land sei in der Hand der Mafia, sagt Robert. Recht bekomme nur, wer Richter besteche, einen Arzt nur, wer ausreichend Geld habe. Albanien gilt als Europas führender Anbau- und Umschlagplatz für Drogen. Wo der Reichtum bleibt, darauf deuten die PS-starken Limousinen vor dem Restaurant. "Keine Sorge", zerstreut Robert Bedenken zum Schicksal meines Skoda. "Die Deutschen sind so beliebt, dass sie in Albanien nie deren Autos klauen würden", und unterstreicht das, als es um das Bezahlen ging. "Nein, das geht auf meine Rechnung."

Ja, die Deutschen seien tüchtig und in gewissem Sinne ihre Vorbilder, aber sie sollten sich stärker für die Aufnahme in die EU einsetzen. Alina, die junge Journalistin, ist enttäuscht von der zögerlichen Haltung. "Wir befinden uns in einem luftleeren Raum", beklagt sie. Dass Albanien ebenso wie die anderen Westbalkanstaaten Bosnien, Montenegro, Serbien, Mazedonien und Kosovo wie angestrebt 2025 Mitglied der Gemeinschaft werden, daran glaubt sie nicht. "Gerade die jungen Menschen streben nach Demokratie, Freiheit und Wohlstand", spricht Alina von "Pfeilern der europäischen Idee". Doch ihr Land sei davon noch meilenweit entfernt. Dafür macht sie auch den mit Mafia-Verbindungen belasteten Premier Edi Rama verantwortlich.

Kroatien ist seit 2013 Mitglied der EU. Wer über Österreich und Slowenien einreist, wird den Verzicht auf Grenzkontrollen ebenso zu schätzen wissen wie den guten Zustand der Straßen. Der Tourismus boomt, auch die relativ hohen Preise schrecken nicht ab. Schon im April sind die Quartiere in Zagreb und an den Plitwitzer Seen gut gebucht. Chinesen geben den Ton an.

Das nahe Bihac in Bosnien lassen Touristen aus. Die umständlichen Grenzkontrollen mögen abschrecken, vielleicht auch der triste Zustand der im Bürgerkrieg stark umkämpften kleinen Universitätsstadt. In kaum einen der sechs "Transitionsstaaten", wie es in Brüssel heißt, ist die Sehnsucht nach Aufnahme in die EU so groß wie in Bosnien.

Zurück in Kroatien, zurück auf gepflegten Asphaltpisten, die in der Vorsaison auch auf der sonst überfüllten Küstenstraße ein flottes Vorankommen ermöglichen. In den Altstädten von Zadar, Sibenik, Split und in Dubrovnik trifft man wieder auf Gästescharen aus aller Welt. Gut, dass hier Bürgermeister Mato Frankovic die Reißleine gezogen und die Zahl einlaufender Kreuzfahrtriesen limitiert hat. 2017 kamen 538 Schiffe, 740.000 Kreuzfahrer überschwemmten die Altstadt.

Montenegro steht noch in den EU-Startlöchern. Aber der Tourismus brummt. Bei Deutschen gilt das kleine Land als Trendziel, bei Chinesen ohnehin. Kotor und Budva mit ihren pittoresken Altstädten sind die favorisierten Ziele. Tivat hat sich zum Marbella oder Saint-Tropez der Adria entwickelt. Im Hafen ankern sündhaft teure Yachten russischer Oligarchen und nahöstlicher Öl-Profiteure. Die Marina mit Luxusappartements und Edelboutiquen wirkt für die Einheimischen mit 300Euro Durchschnittseinkommen wie eine Provokation.

Da passt es, dass Milo Djukanovic, begleitet von Bodyguards, am Nachbartisch unseres Hotels Platz nimmt. Der 56-Jährige fungiert seit 20 Jahren als Premierminister und seit kurzem wieder als Präsident des 600.000-Einwohner-Staates. Djukanovic setzt auf ausländische Investitionen und nimmt dafür offenbar auch schwer- wiegende Eingriffe in die Umwelt in Kauf.

Wer die wilde Schönheit des Landes entdecken will, sollte die enge Serpentinenstraße von Kotor nach Cetinje in Angriff nehmen. Sie bietet nicht nur traumhafte Ausblicke auf die Bucht, sondern auch Einblicke in die Vergangenheit. Denn die Kleinstadt war vom Ende des 15. Jahrhunderts bis 1918 Hauptstadt Montenegros. Die zahlreichen gut erhaltenen Regierungs- und Botschaftsgebäude lohnen den Besuch. Und die Begegnung mit Menschen, die nicht von den Segnungen des Tourismus profitieren, wirft ein Schlaglicht auf die Armut im Land.

Einige Kilometer hinter Budva lauert Nikola auf Einnahmen. Nikola ist Polizist, und er verrät seinen Vornamen, als wir über die Höhe der Geldbuße für die vermeintliche Temposünde ins Gespräch kommen. 50 Euro sollte die angebliche Überschreitung um 10 km/h kosten, einzuzahlen bei der Post. Dann würde der Pass zurückgeschickt. Doch dann lässt sich Nicola erweichen und wünscht "Gute Reise".

Irgendwo hinter Ulcinj im Süden Montenegros kommen Zweifel auf. Spinnt das Navi, oder ist das wirklich eine Europastraße? Durchhalten ist angesagt, trotz enger, kurvenreicher Piste, die kaum Begegnungsverkehr zulässt. Und tatsächlich taucht irgendwann die Grenze auf. Willkommen in Albanien. Eselskarren, stinkende Lastwagen und Schlaglöcher geben einen Vorgeschmack auf die Fahrt. Für die 209 Kilometer bis Durrës sind viereinhalb Stunden Fahrzeit fällig.

Mühsam ist auch die Fahrt gen Osten, nach Mazedonien. Die Autobahn endet bei Elbasan, dann muss der Blick auf schneebedeckte Berge und eine bezaubernde Natur für kurvenreiche, enge Bergstrecken entschädigen. Die gründliche Pass-und Gepäckkontrolle ("Haben Sie Marihuana?") erfolgt auf über 1000 Metern Höhe. Kurz hinter der Grenze blickt man schon auf Ohrid und den gleichnamigen See. Er ist der zweitgrößte auf dem Balkan. Ohrid mit seiner pittoresken Altstadt, seiner Festung, den orthodoxen Kirchen und Minaretten ist ein Kleinod - und noch weitgehend von einheimischen Besuchern bevölkert.

Der Weg von Ohrid nach Skopje, knapp 200 Kilometer zählend, ist ebenso beschwerlich wie die Aufnahme Mazedoniens in die EU. Eine Autobahn ist in Bau, die Zerstörung der intakten Gebirgslandschaft gewaltig. Der Namensstreit mit Griechenland hatte lange die Beitrittsverhandlungen blockiert. Die Griechen beanspruchen das Erbe Alexanders des Großen für sich. Sie befürchten, dass Mazedonien Gebietsansprüche auf ihre gleichnamige Nordprovinz erhebt. Doch die Regierung des früheren jugoslawischen Teilstaats Mazedonien hat Zugeständnisse gemacht. Künftig soll das Land Nordmazedonien heißen. Es muss nur noch die Verfassung geändert werden. Skopje, die Hauptstadt, genießt den zweifelhaften Ruf als "Hauptstadt des Kitsches". Mit antiken Säulen aus Gips und Pressspan, mit unzähligen Statuen antiker mazedonischer Helden, mit Springbrunnen und Nachbauten des Weißen Hauses oder des Pariser Triumphbogens wollte der frühere Ministerpräsident Nikola Gruevski 2014 der Stadt eine neue Identität verleihen.

Der 500 Millionen Euro teure Versuch ging grandios schief. "Das Geld hätte man besser in unser marodes Gesundheitssystem investieren sollen", sagt Milo. Er beklagt die hohe Arbeitslosigkeit und die grassierende Korruption. Ob ein EU-Beitritt Abhilfe schaffen kann? - "Die junge Generation ist dagegen", meint Milo. Er begründet das mit höheren Standards bei Preisen und Löhnen, die das Land nicht mehr konkurrenzfähig machten. Für Touristen - die meisten kommen aus der Türkei - ist Mazedonien ein Dorado. Selbst ein 5-Sterne-Hotel kostet in Skopje nicht mehr als 70 Euro.

Den Kosovo muss links liegen lassen, wer nach Norden und nach Serbien reisen will. Der Krieg von 1999, den Nato-Unterstützung zugunsten der albanischen Mehrheit entschied, wirkt nach. Serbien widersetzt sich der Anerkennung der abtrünnigen Provinz. Ohne serbischen Einreisestempel im Pass kann man nicht nach Serbien ausreisen. Also führt unsere Reise über Bulgarien. Das gehört zur EU. Was sich beim Grenzübertritt als kleiner Vorteil erweist. Nach langem Warten wegen des ausgefallenen Computersystems winkt uns die Beamtin bevorzugt durch.

Zwölf Kilometer Pflasterpiste bei der Einfahrt in Sofia: Ein brutaler Strapaziertest für Auto und Insassen. Am Tag danach der "Autoput" nach Belgrad. Auf der weitgehend vierspurigen Autobahn lassen sich 400 Kilometer endlich flott in fünf Stunden bewältigen. Serbiens Hauptstadt präsentiert sich jung und dynamisch, wie startbereit für den Sprung in die EU. Serbien gilt als Schlüsselstaat auf dem Balkan. Präsident Aleksandar Vuèic hat dem Nationalismus eine Absage erteilt, doch die slawische Bruderschaft hält die Verbindung mit Russland auf Tuchfühlung. Vucic pendelt geschickt zwischen Ost und West. Dass der Kosovo-Konflikt immer noch offene Wunden hinterlässt, zeigen große Transparente vor dem Parlament, die an serbische Opfer der albanischen UCK erinnern.

Rumänien ist längst EU-Mitglied. Doch wer in das 150 Kilometer entfernte Timisoara fährt, erlebt trostlose Dörfer und ahnt die Armut, die hier unverändert herrscht. Da spürt man auf der Weiterreise nach Budapest den Vorsprung, den sich Ungarn in der EU erarbeitet hat. Die Hauptstadt brodelt im Touristenboom. Da geht die Demonstration von nahezu 100.000 meist jungen Menschen, die sich am Abend gegen den wiedergewählten Präsidenten und EU-Kritiker Viktor Orbán versammeln, beinahe unter.

Wie glattgebügelt wirkt die Autobahn von Budapest gen Osten. Gut angelegtes EU-Geld auf dem Weg nach Ushgorod in der Ukraine. Ushgorod ist ein Kleinod und lässt mit Kirchen und Häusern im K.-u.-k.-Stil die frühere Bedeutung erahnen. Welches Potenzial würden diese Stadt und die Ukraine entfalten, wenn sie aus der Kraft der Gemeinschaft schöpfen könnten! Das gilt erst recht für Lemberg. Die Metropole der Westukraine, die man nach vierstündiger Fahrt über die Karpaten erreicht, beeindruckt mit Architektur, quirligem Leben, traditionellen Kaffeehäusern und urigen Jazzbars. Lemberg kann es mit Prag aufnehmen, ist aber die mit Abstand weniger überlaufene Variante.

Noch vor dem Ende der Reise tritt Erleichterung ein: Sie ist spürbar in Polen, nachdem die zermürbende, zweieinhalbstündige Kontrollprozedur an der ukrainischen Grenze überstanden ist. Auf dem Weg nach Krakau heißt es noch einmal Euro in Zloty tauschen. Europa hat es gut gemeint mit unserem Nachbarn, die Infrastruktur ist vom Feinsten. Ob Polen das noch zu schätzen weiß?

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