Das Vorbeben - Wie der islamische Extremismus entstanden ist

Vor 25 Jahren zündeten im World Trade Center in New York islamistische Terroristen erstmals eine Bombe auf amerikanischen Boden: Auftakt für eine Terrorwelle, deren Auslöser bis in die Kolonialzeit reichen - und in der Religion als Zündschnur taugt.

Chemnitz.

Es ist der 26. Februar 1993, 12.18 Uhr, als die mehr als 500 Kilogramm schwere Bombe unter dem Nordturm des World Trade Centers explodiert. Die Wucht der Detonation reißt einen 40 Meter breiten Krater in den Boden. Im Flammeninferno stürzen alle vier Stockwerke des Parkhauses ein. In völliger Finsternis tasten sich Zehntausende Menschen durch das Treppenhaus bis auf die Straße hinaus. Sechs Menschen sterben, etwa 1000 sind verletzt. "Es ist der schwerste Anschlag auf US-amerikanischem Boden in der modernen Geschichte", so die "New York Times".

Zunächst wird spekuliert, der Anschlag gehe auf das Konto jugoslawischer Extremisten. Der serbische Führer Radovan Karadži'c ist gerade in New York, um die USA vor den den Gefahren einer Einmischung in Jugoslawien zu warnen. Doch bald wird klar: Es ist der erste Terrorakt islamistischer Fundamentalisten auf amerikanischem Boden. Noch ahnt niemand, dass das nur der Auftakt einer grausamen Terrorserie im Namen Allahs ist.

Die Täter vom 26. Februar 1993 fassen die amerikanischen Behörden schnell. Der Drahtzieher Ramsi Ahmed Jussuf, der beide Türme zum Einsturz bringen wollte, kann aber im pakistanischen Islamabad untertauchen. Erst als ihn jemand gegen zwei Millionen Dollar verrät, kann er festgenommen werden. 1997 wird auch er genau wie die anderen zu 240 Jahren Haft verurteilt.

Jussuf hat eine westliche Ausbildung. Er spricht mehrere Sprachen, wächst in Kuwait auf, umgeben von Palästinensern. In Großbritannien macht er an der Universität Swansea seinen Abschluss in Elektrotechnik. Dort tritt er auch einer Splittergruppe der ägyptischen Muslimbruderschaft bei. Als ihm der Prozess gemacht wird, offenbart er, warum die USA in sein Visier geraten sind. Er beschuldigt die israelische Regierung, Palästinenser "systematisch zu ermorden, zu foltern, zu inhaftieren und zu deportieren". Israel könne "diese Verbrechen" aber nur aufgrund der militärischen und finanziellen Unterstützung der USA begehen. "Und es ist diese Hilfe, die den Palästinensern und Libanesen das Recht gibt, US-Ziele anzugreifen."

All jene, die den Anschlag 1993 mit- und überleben, glauben sich künftig im World Trade Center sicher. Dass die Terroristen zweimal dasselbe Ziel angreifen könnten, gilt als höchst unwahrscheinlich. Achteinhalb Jahre später aber, am 11. September 2001, vollenden Mohammed Atta und seine Komplizen, woran Jussuf noch gescheitert war - sie bringen die Zwillingstürme zu Fall. 2753 Menschen sterben. Yussufs Onkel Khalid Scheich Mohammed, ein hochrangiges Ex-Mitglied von al-Kaida, übernimmt später vor einem Militärtribunal in Guantanamo die Verantwortung für diesen Massenmord - und gesteht weitere Terrorpläne. Der CIA wirft er Folter vor.

Da hat sich al-Kaida schon zunehmend ins öffentliche Bewusstsein gebombt. Ihr Anführer Osama Bin Laden ruft im Frühjahr 1998 sogar offiziell den Heiligen Krieg gegen die USA aus: "Der Befehl, die Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten, ist eine individuelle Verpflichtung für jeden Muslim." Angriffsziel sind nicht mehr nur nationale islamische Eliten, sondern es ist ein Kampf gegen westliche Lebensformen, gegen gemeinhin als universal geltende Werte und gegen muslimische Aufklärung.

Demselben Krieg hatte sich schon die Muslimbruderschaft zu Kolonialzeiten verschrieben. Ihr Gründer Hassan al-Banna kommt aus einer frommen Familie. Er empfindet den Einfluss des Westens als destruktiv. In seiner Autobiografie schreibt er: "Nach dem Ersten Weltkrieg und während meiner Studentenzeit in Kairo überflutete eine Welle des Atheismus und der Wollust Ägypten. Im Namen der individuellen und intellektuellen Freiheit wurden Moralität und Religion zerstört. Nichts schien in der Lage, diesen Sturm aufzuhalten."

1928 gründet al-Banna als Antwort darauf erst die Muslimbruderschaft, später dann islamische Schulen, Wohlfahrtsvereine, Krankenhäuser und Berufsverbände - jeder Aspekt des gesellschaftlichen Lebens sollte von schädlichen fremden Einflüssen gereinigt und vom Islam geleitet und durchdrungen sein. Die britischen Kolonialherren will er aus Ägypten vertrieben sehen, das Land zu einem islamischen Staat mit islamischer Rechtsprechung umbauen. Die jüdische "Landnahme" in Palästina und die Entstehung Israels gilt es aus seiner Sicht zudem zu verhindern. Ein Jahrzehnt nach ihrer Gründung haben die Muslimbrüder in Ägypten schon eine halbe Million Gefolgsleute. Noch einmal zehn Jahre später gibt es Ableger in allen Ländern der arabischen Welt.

In den 1950er-Jahren lässt Oberst Gamal Nasser in Ägypten gleich scharenweise islamistische Intellektuelle verhaften, darunter auch Sayyid Qutb. Der ist wie al-Banna Lehrer - und militarisiert die Muslimbrüder. Er stellt die modernen muslimischen Staaten mit den heidnischen Gesellschaften der vor-muslimischen Zeit gleich. Die kleine Vorhut der wahren Muslime befinde sich im Konflikt mit der gesamten Gesellschaft - und dieser müsse mit allen Mitteln ausgetragen werden, schreibt Qutb. Dschihad bedeute deshalb vor allem bewaffneter Kampf, und der sei ein notwendiges Instrument, um die Herrschaft Gottes durchzusetzen.

Al-Bannas und Qutbs Schiften, die in Südostasien, Afrika und in den arabischen Ländern weit verbreitet sind, gelten noch immer als Standardlektüre junger Islamisten - und motivieren bis heute Selbstmordattentäter. Ihre Erben haben den einstigen nationalen islamistischen Terrorismus nur internationalisiert: Der Feind ist nicht mehr allein das eigene Regime, sondern es sind auch jene Staaten, die diese "unislamischen" Herrscher unterstützen. Damit rücken der Westen im Allgemeinen und die dortige Bevölkerung ins Visier islamistischer Kreise. Die rechtfertigen das unter anderem damit, dass im Westen das Volk ja jene Führer wähle, die verantwortlich für die Unterdrückung und Demütigung der arabischen Welt seien.

Zwar hat sich die Führung der Muslimbrüder in den 1970er-Jahren letztlich für einen völligen Gewaltverzicht ausgesprochen. Militante Gruppen betrachten das aber als Verrat. Insbesondere als der ägyptische Präsident Sadat Ende der 1970er-Jahre Friedensverhandlungen mit Israel aufnimmt, radikalisieren sie sich - und spalten sich ab. Auch die "Islamischen Gruppen" (Dschamaat Islamiyya) streben weiter eine gewaltsame Machtübernahme an. Deren spiritueller Anführer ist lange Scheich Omar Abdel Rahman - genau jener Mann, der 1995 angeklagt wird, für den Anschlag auf das World Trade Center in New York im Jahr 1993 verantwortlich zu sein, dann aber für Angriffe auf Gebäude der Vereinten Nationen und des FBI verurteilt wird.

In den 1970er-Jahren widersetzt sich auch Ayman al-Zawahiri vehement der Neuausrichtung der Muslimbruderschaft. Der Chirurg will mit der Gruppe "Ägyptischer Dschihad" gewaltsam an die Macht in Kairo. Er bekennt sich zu einer Reihe von Anschlägen gegen Regierungsvertreter. Als größten Erfolg seiner Gruppe bezeichnet er selbst die Ermordung des ägyptischen Staatspräsidenten Sadat im Jahr 1981. Nach der Ermordung Sadats wird al-Zawahiri verhaftet. Drei Jahre verbringt er in ägyptischen Gefängnissen - gemeinsam mit zahlreichen Mitgliedern der Dschamaat al-Islamiyya, des Ägyptischen Dschihads, aber auch der Muslimbrüder. Schließlich geht al-Zawahiri nach Afghanistan. Dort schließt er sich Mudschahidin aus aller Welt an, die sich seit dem Einmarsch der UdSSR im Jahr 1979 formieren, um in den Heiligen Krieg gegen die Sowjetunion zu ziehen. Später steigt al-Zawahiri zum "Mediziner Bin Ladens" und Al-Kaida-Ideologen auf.

Andere Anhänger des Gelehrten Qutb, der die Muslimbrüder militarisiert hatte und 1966 gehenkt wurde, tauchen in Saudi-Arabien ab. Dort vermischen sich ihre Ideen mit der dort dominanten wahhabitischen Religionsdoktrin, in der die Rückbesinnung auf den Islam der "frommen Vorfahren" und die Feindschaft gegenüber jeder Form des Unglaubens und der religiösen Innovation besonders stark ausgeprägt ist. Beides passt für Qutbs Anhänger in vielem nicht nur gut zusammen. Es liefert ihnen zugleich ein politisches und religiöses Programm: die Vision einer aus ihrer Sicht perfekten Gesellschaft, die es durch eine Revolution durchzusetzen gilt. "Der Dschihadismus - genauer gesagt: der dschihadistische Salafismus - ist, so gesehen, eine Kombination aus Qutbs Revolutionstheorie und wahhabistischer Religionsdoktrin", so Peter Neumann, Terrorismusexperte vom King's College in London.

Hatte es Anfang der 1970er-Jahre noch höchstens zehn Gruppierungen gegeben, die den Islam aggressiv-militant auslegten, hat sich deren Anzahl bis heute vervielfacht. Viele von ihnen haben ihre Wurzeln in afghanischen Mudschaheddin-Lagern. Organisatorisch unterscheiden sich die terroristischen Gruppierungen zwar stark. Den meisten ist aber gemein: Seit dem Rückzug der Sowjets aus Afghanistan im Februar 1989 machen sie in ihrem ehemaligen Förderer, den USA, ihren neuen Hauptfeind aus. Die militärischen Verbündeten und arabischen "Vasallen" der Amerikaner geraten dadurch genauso in ihr Fadenkreuz.

Seit dem Sturz Saddam Husseins und der Einsetzung einer Marionetten-Regierung im Irak 2003 unter dem Vorwand einer atomaren Bedrohung ebbt die Terrorwelle nicht mehr ab. Dabei haben Wissenschaftler der Universität Chicago herausgefunden: "Mehr als 95 Prozent aller Selbstmordattentate sind eine Reaktion auf fremde Besatzung. Über 90 Prozent aller Selbstmordattentate sind antiamerikanisch. Die große Mehrheit der Selbstmordattentäter stammt aus Regionen, die durch ausländische Truppen bedroht sind."

Nach 9/11 war US-Präsident George W. Bush schnell der Versuchung entgegengetreten, Muslime oder den Islam auszugrenzen. Neun Tage später aber kündigte er einen globalen Krieg gegen den Terror an - und düngte damit letztlich selbst den Nährboden, auf dem die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) gedeihen sollte, die eine totale Ablehnung des westlichen Gesellschaftsmodells als Ausgangspunkt und Ziel hat. Auch Tausende aus Europa folgten deren Ruf. Terrorismusexperte Neumann sieht in der Zukunft deshalb sogar eher noch ein Ansteigen des transnationalen, vornehmlich islamistischen Terrorismus' als ein Abschwellen.

Robert Pape, Politikwissenschaftler an der Uni Chicago, sagte einmal, dass der Westen davon ausgegangen sei, dass islamischer Extremismus die Selbstmordanschläge auslöse. Als Reaktion darauf hätten zum Beispiel die USA diese Länder besetzt und sich später bemüht, dort demokratische Regime zu etablieren. Das habe wiederum eine starke militärische Präsenz erfordert. Inzwischen habe sich dieses Denkmuster aber als falsch herausgestellt. Tatsächlich sei die Besatzung der Auslöser für das Hochschnellen der Selbstmordanschläge. Der beste Weg, Attentate zu verhindern, sei deshalb, nicht den islamischen Extremismus zu verurteilen, sondern so schnell wie möglich die Besatzung dieser Länder zu beenden.

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