Der Tweet-Commander

Der neue US-Präsident Donald Trump macht mit dem sozialen Netzwerk Twitter Politik. Tag und Nacht zwitschert er seine Sätze in die Welt hinaus. Er setzt damit einen Trend. Doch steckt dahinter auch eine Strategie?

Chemnitz.

Drei Dinge braucht der ab Freitag mächtigste Mann der westlichen Welt zum Regieren: Krawatte, Smartphone und einen Twitter-Account. Damit hat Donald Trump zumindest bis jetzt seine Partei in Schach gehalten, die Wirtschaft zurückgepfiffen und seine zahlreichen Feinde in Rage gebracht. Kann der künftige US-Präsident tatsächlich so auch in den nächsten vier Jahren regieren? Er ist begeisterter Twitterer. Er nutzt das soziale Netzwerk, um der Welt als "@realDonaldTrump" - oftmals auch scheinbar unüberlegt - seine Meinungen, Statements und Rechtfertigungen zu verkünden. Er soll es immerhin auf über 20 Millionen Follower bringen, heißt es.

Beispiele: Die Republikaner hatten sich ausgerechnet zum Auftakt des neuen Kongresses vorgenommen, das unabhängige Ethik-Büro zurechtzustutzen. Es schaut den Abgeordneten im Repräsentantenhaus auf die Finger und war vielen zu lästig geworden. Trump twitterte: Selbst wenn das Büro unfair sei, es gebe andere Prioritäten. Das sei die falsche Botschaft zu Beginn, meinte auch der Republikaner Mike Coffman. Das hatte die republikanische Führung im Repräsentantenhaus von Anfang an gesagt, die Mehrheit der Abgeordneten ließ sich davon aber nicht beeindrucken. Nach Trumps Tweet war die Sache vom Tisch, das Ethik-Büro bleibt.

Vor einigen Wochen knickte der Autohersteller Ford ein. Der wollte eigentlich in Mexiko investieren und 3000 neue Jobs dort schaffen. Auf Druck von Trump verzichtet Ford auf seine Mexiko-Fabrik, stattdessen soll einWerk in den USA um 700 neue Stellen erweitert werden. Trump hatte die Autoindustrie immer wieder per Twitter dafür kritisiert, dass sie im Ausland investiert. Er ist aber nicht der einzige Grund für Fords Rückzieher: Die neue Fabrik in Mexiko sollte Kompaktautos bauen. Weil sich diese aber nicht mehr so gut verkaufen, braucht der Konzern dafür keine neue Fabrik mehr. Wer auf Trumps Tweets reagiert, wird auf dem Aktienmarkt belohnt: Fords Kurs ging um fast vier Prozent nach oben.

Trumps Tweet über Meryl Streep nach deren kritischer Rede bei den Golden Globes sorgte für Kopfschütteln auf der ganzen Welt. Er findet, die Schauspielerin sei überbewertet. Viele Twitter-User können es nicht fassen, dass sich Trump so unreif verhält.

Jüngst machte Trump Außenpolitik. Auf die Andeutung von Nordkoreas Herrscher Kim Jong-un, die Produktion einer Interkontinentalrakete sei in den letzten Zügen, twitterte er, die USA sehe sich nicht durch einen möglichen Atomwaffenangriff aus Nordkorea bedroht. "Das wird nicht passieren!", twitterte er.

Reichen also 140 Zeichen, um zu regieren? Der Minderheitsführer der Demokraten im Senat, Chuck Shumer: "Nur für Worte sind die Themen zu wichtig, unsere Herausforderungen sind zu groß für bloßes Twittern. Amerika wieder großartig zu machen, braucht mehr als 140 Zeichen." Amerika könne sich keinen Twitter-Präsidenten leisten. Dabei sei Trump noch nicht einmal im Amt. Das bleibt die große Frage: Wird er als Präsident das Smartphone weglegen, oder werden wir weiter Tweets analysieren, um aus 140 Zeichen zu verstehen, wie die amerikanische Politik aussehen wird? "Trump verfolgt mit dem Einsatz von Twitter eine klare Strategie. Er setzt mit den maximal 140 Zeichen, die Twitter ermöglicht, die Themen für die politische Debatte. Auf Twitter muss er nicht ins Detail gehen, es genügen ein paar Meinungsbrocken", sagt Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Mit Twitter emotionalisiere Trump, um seine Anhänger zu erreichen. Vor allem aber: "Er umgeht mit seinen Tweets die Redaktionen der von ihm verachteten klassischen Massenmedien. Er wendet sich direkt an seine Follower. Politiker vor ihm haben Pressekonferenzen durchgeführt, er setzt stattdessen Tweets ab", so Brettschneider weiter. Das habe auch noch einen für ihn positiven Nebeneffekt: Da das intensive Twittern neu ist für einen Politiker seiner Bedeutung, wird es von den klassischen Medien als etwas Besonderes aufgegriffen. So erreicht er via Twitter indirekt dann doch auch die Zeitungsleser und Fernsehzuschauer.

Auch für deutsche Politiker ist der Kurznachrichtendienst wichtig: Zum Beispiel twittern knapp 60 Prozent aller Bundestagsabgeordneten, alle Bundesministerien tun es, dazu viele weitere politische Institutionen. Brettschneider: "Parteien und Politiker nutzen Twitter als Abspielkanal für ihre Botschaften - aber bislang noch ohne große Massenwirkung. Facebook ist wichtiger, weil sich dort Gruppen organisieren und mobilisieren lassen. In den USA sieht das anders aus. Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik hat Twitter einen großen Stellenwert gewonnen. Und das ist nicht erst seit Donald Trump so, der Twitter fast zu jeder Tages- und Nachtzeit nutzt."

Wie wichtig Twitter im US-Politikbetrieb ist, bestätigte Martin Fuchs, Politikberater, Blogger und Hochschullehrer aus Hamburg. "Bei Twitter erreiche ich zwar nicht die breite Masse, aber viele für die Politik wichtige Entscheider", erklärte er. Der jüngste US-Wahlkampf habe Trends gesetzt. Der Social-Media-Wahlkampf ist kein Solitär mehr, sondern verzahnt mit allen anderen Aktivitäten. Ein Beispiel dafür sind spielerische Ansätze. So konnte man über Apps für das Teilen von Posts oder Tweets Punkte sammeln. Wer die meisten Punkte hatte, bekam beispielsweise die Chance, Clinton live zu treffen. Wichtig, auch für Deutschland, ist die Einbindung von "Online-Influencern", so Fuchs weiter. Das sind Personen, die sehr viele Follower oder Facebook-Freunde haben und so als Multiplikatoren wirken. Heißt: Wer keine Schwergewichte in den sozialen Medien zu seinen Unterstützern zählt, hat bei bestimmten Zielgruppen ein Problem. Popstar und Twitter-Queen Katy Perry hat Wahlkampf für Clinton gemacht, allein indem sie Tweets der Kandidatin retweetete und so unter ihren 94 Millionen Followern verbreitete.
Der Kommunikationsexperte Brettschneider glaubt aber nicht, dass man tatsächlich nur mit Tweets ein Weltreich führen könnte. "Dafür braucht es nach wie vor Fachleute, die Diplomatie beherrschen. Die gibt es bei ihm auch, aber sie handeln eher im Hintergrund. Im Vordergrund markiert Trump mit Tweets die Leitplanken seiner Politik gegenüber anderen." Eines ist für Brettschneider klar: "An herkömmliche Gepflogenheiten hält sich Trump nicht. Das war auch einer der Gründe für seinen Wahlerfolg, und daran hält er jetzt fest."
Auch in Deutschland sind soziale Netzwerke wichtige Hilfsmittel zur Wählermobilisierung. Die AfD saugt daraus ihren Honig wie keine andere Partei. Auf Bundes- wie auf Landesebene hinken CDU, SPD und Co. weit hinterher. Laut Statistischem Bundesamt liegt die AfD aktuell in Sachen Fans und Follower verschiedener Netzwerke weit an der Spitze. Der Generalsekretär der CDU, Peter Tauber, gilt in der Politik als Vorreiter, wenn es um das Zusammenspiel von Politik und digitalen Medien geht. Als erster Bundestagsabgeordneter veröffentlichte Tauber im Jahr 2013 einen Social-Media-Leitfaden für Politiker. Darin findet sich unter anderem der Ratschlag: "Immer nüchtern posten!" Das sollte auch für die Tweets des mächtigen US-Präsidenten gelten.

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