Lisa und die Besetzung Prags

Ein Augenzeugenbericht - entdeckt in einem Archiv in Südamerika - und ein jüdisches Mädchen, das Modezeichnerin werden wollte und das Theresienstadt und Auschwitz überlebte: Es sind zwei Geschichten, die vom Ende der Tschechoslowakei vor 80 Jahren erzählen. Und die sich in einer Stadt in Sachsen kreuzen.

Prag/El Alto.

Lisa Miková liegt im Bett, die belegten Brote auf dem Beistelltisch hat sie noch nicht angerührt. "Ich bin schrecklich erkältet", sagt sie. Die aktuelle Tageszeitung aber hat sie schon aufgeschlagen. "Hölle Protektorat", titelt die "Lidové noviny". Tschechiens bedeutendste Tageszeitung hat eine große Serie gestartet: Vor 80 Jahren fielen deutsche Truppen in die Tschechoslowakei ein. Hitlers Endlösung für das einst demokratische und nach dem Münchner Abkommen bereits um die Sudetengebiete beraubte Land lautete: Arisierung der Tschechen im "Protektorat Böhmen und Mähren". Für viele Juden dort bedeutete das den Tod. Lisa Miková sagt: "Am 15. März 1939 änderte sich alles. Es war ein Schock."

Wer die alte Dame besuchen möchte, muss durch eine Sicherheitskontrolle. Das jüdische Seniorenheim am Rande des Prager Stadtteils Vinohrady ist von hohen Mauern und Stahlzäunen umgeben. Schon ab 1911 bot die Jüdische Gemeinde hier Bedürftigen Sozialpflege an, während der NS-Besatzungszeit war es der einzige Ort in Prag, an dem sich Juden noch zu sportlichen und kulturellen Aktivitäten treffen konnten. Im Kommunismus wurde das Haus enteignet und als Krankenhaus genutzt, heute gehört es wieder der Jüdischen Gemeinde Prag.

Lisa Miková hat hier ein helles Zimmer mit Blick in einen Innenhof mit Bäumen, Wiesen und Bänken. Sie ist 97 Jahre alt und wurde als Lisa Lichtenstern in Prag geboren. Ihr Vater war Inhaber der Firma Lichtenstern & Sametz, die mit Ölen, Fetten und Kraftstoffen handelte. Das Mädchen aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, das zweisprachig mit Deutsch und Tschechisch aufwuchs, besuchte nach dem Gymnasium eine Fachschule für Modezeichnen, Entwürfe und Reklame. Sie war talentiert, entwarf Damenkleider mit Wespentaille.

"Wir lebten in der Tschechoslowakei in einem kleinen, aber sehr, sehr demokratischen Land, waren aber von vielen weniger demokratischen Ländern umgeben - von Deutschland, von Österreich, von Ungarn und Polen", sagte sie einmal in einem Zeitzeugengespräch. Mit Hitlers "Zerschlagung der Rest-Tschechei" wurde ihre Zukunft zerstört. In Prag begann die dunkelste Zeit der Stadtgeschichte. Diese Nachrichten verbreiteten sich damals rund um den Erdball - bis nach Südamerika.

Das Archiv der staatlichen Bergbaugesellschaft Boliviens im Mai 2018. Der Journalist aus Deutschland steht mit Edgar Ramírez in einem unbeheizten, eiskalten Korridor in 4000 Metern Höhe in El Alto, einer Vorstadt von La Paz. Der Direktor des Archivs hat ein Konvolut von Akten aufbauen lassen. Sie gehörten einem der einst größten Minenbarone des Landes. Moritz Hochschild, ein jüdischer Student der Bergakademie Freiberg, wurde in den 1920er-Jahren mit Zinn einer der reichsten Männer Boliviens. Als die Nazis in Deutschland begannen, die Juden zu verfolgen, verhalf er Hunderten von ihnen zur Flucht. Erst in jüngster Zeit wurde durch die Akten in dem Bergarchiv das ganze Ausmaß dieses Engagements bekannt, Hochschild wurde zum "Oskar Schindler Boliviens".

In Hochschilds Akten befindet sich ein sechsseitiges Dokument mit dem Vermerk "vertraulich", das das Jewish Central Information Office am 8. Mai 1939 aus Amsterdam nach Bolivien schickte. Es trägt den Titel "Die Besetzung Prags" und enthält den Bericht eines anonymen Augenzeugen über die Umstände, unter denen sich die Besetzung Böhmens und Mährens im März 1939 durch deutsche Truppen abspielte.

Es sind Zeilen voller Dramatik, die den einstigen Freiberger Studenten Hochschild in Bolivien bewogen haben dürften, auch deutschen Juden in der besetzen Tschechoslowakei zu helfen. In dem Report, der an das Jewish Central Information Office ging, wird beschrieben, wie am Tag vor dem Einmarsch von Wehrmacht und SS Sudetendeutsche durch die Straßen Prags zogen und Juden und Tschechen anpöbelten.

Zu dieser Zeit war der tschechoslowakische Staatspräsident Emil Hácha auf dem Weg nach Berlin, wo ihn Hitler mitten in der Nacht empfing. Unter der Androhung, man werde Prag bombardieren, wurde Hácha gezwungen, eine Urkunde zu unterschreiben, die die Souveränität seines Landes beendete. Am Morgen des 15. März 1939 wurde Prag besetzt. "Das erste war, dass Autos von der Gestapo bei der Staatsbank vorfuhren und das Gold holten", heißt es in dem Bericht für das jüdische Informationsbüro. Und weiter: "Die tschechische Bevölkerung hat das deutsche Militär angespuckt und mit Fäusten bedroht."

Bereits um zehn Uhr, so meldet der Augenzeuge, begann die Gestapo mit Verhaftungen, offenbar mit fertigen Listen: 6000 Menschen in den ersten zwei Tagen der Okkupation, darunter führende tschechische Politiker und jüdische Persönlichkeiten. Das ganze Land war abgeriegelt. Raus und rein kam man nur mit Durchlassscheinen, die für Juden schon bald nicht mehr ausgestellt wurden und für die man auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen zahlte.

"Schon am dritten Tage nach der Besetzung Prags", so heißt es in dem Bericht weiter, "kamen furchtbare Nachrichten von Selbstmorden unter der jüdischen Bevölkerung. Täglich zählte man etwa 30 bis 40 Selbstmörder." Völlig unpolitische Menschen seien verhaftet worden, etwa ein Ingenieur, der mit staatlicher Genehmigung eine Auswanderung von 300 Juden in die Dominikanische Republik organisiert hatte.

"Allmählich", so fährt der Augenzeuge fort, "begann sich das Leben in Prag zu ,normalisieren'". Das bedeutete: "Die Ladenschilder wurden gewechselt. Die Leute arisierten sich selbst. In den Fenstern stehen Schilder mit der Aufschrift ,rein arisches Geschäft' in tschechischer Sprache." Schließlich wurden Verordnungen gegen Juden erlassen; bis zum 15. April mussten sie ihr gesamtes Vermögen abgeben. Am Ende des Berichts heißt es: "Es kann angesichts dieser verzweifelten Situation der Juden im ,Protektorat' nicht verwundern, dass die Taufbewegung Fortschritte machte." Viele statteten sich mit Taufscheinen aus, die durch Korruption beschafft wurden.

Wie Moritz Hochschild auf diesen Bericht konkret reagierte, ist aus den Akten in Bolivien nicht zu entnehmen. Es ist aber belegt, dass er nach den Novemberpogromen 1938 ganze Koffer voller bolivianischer Pässe nach Europa brachte. Hunderte Juden kamen allein im ersten Halbjahr 1939 aus der Tschechoslowakei nach Bolivien.

Lisa und ihre Familie hat diese Hilfe nicht erreicht. Vergeblich suchten sie nach einem Ausweg aus dem besetzten Land. Lisa erlebte das, was in dem Augenzeugenbericht geschildert wird - und noch viel mehr: Wie jüdische Kinder die tschechischen Schulen verlassen mussten. Wie sie keinen Sportplatz, kein öffentliches Schwimmbad, keine Parkanlage, kein Kino oder Theater in Prag mehr betreten durften. Wie sie Hund und Kanarienvogel, Schreibmaschine, Radiogeräte, Fahrräder und Schmuck abgeben und schließlich den Judenstern tragen mussten. Ein SA-Mann übernahm als Verwalter die Firma ihres Vaters, der als Jude nicht mehr unternehmerisch tätig sein durfte.

Im Januar 1942 wurde die Familie nach Theresienstadt deportiert. "Jeder bekam eine Nummer zugewiesen - und wir hörten auf, Menschen mit Namen zu sein", sagt sie. In Theresienstadt lernte Lisa ihren Mann František Mauthner kennen, sie heirateten im Ghetto. (Nach dem Krieg, als Menschen mit deutsch klingenden Namen in der Tschechoslowakei angefeindet wurden, änderten sie Mauthner in Mika.) 1943 wurden Lisas Eltern in Auschwitz ermordet, im Herbst 1944 kam sie selbst in das Vernichtungslager. Doch nur für einige Wochen, dann stecken sie die Nazis in einen Transport zurück gen Westen.

Am 14. Oktober 1944 hielt der Zug in Freiberg. In jener Stadt, in der Moritz Hochschild einst sein Rüstzeug fürs Leben bekam, sollte es für 1000 jüdische Frauen nun durch Arbeit vernichtet werden. Hier gab es ein Außenlager des KZ Flossenbürg. In einer stillgelegten Porzellanfabrik mussten die Zwangsarbeiterinnen Teile für ein Düsenflugzeug montieren, mit dem die NS-Führung glaubte, den Krieg noch gewinnen zu können. Diese Ereignisse hat der Freiberger Historiker Michael Düsing aufgearbeitet. Bei ihm laufen die Fäden der Geschichte zusammen. Er war es, der Lisa Miková zu Zeitzeugengesprächen nach Freiberg holte. Und er bemüht sich heute, dass in Freiberg auch angemessen an Moritz Hochschild erinnert wird. "Grüßen Sie Lisa von mir", sagte er vor der Abreise nach Prag.

Das Kriegsende erlebte Lisa Miková zusammen mit den übrigen Frauen aus dem Freiberger Zwangsarbeitslager im KZ Mauthausen. Als sie und ihr Mann nach Prag zurückkehrten, war die Wohnung ihrer Eltern in der Spálená-Straße besetzt. In Leipzig machte Lisa Miková eine Ausbildung zur Buchhändlerin.

Franz Kafka schätze sie als großen Schriftsteller, sagt sie. Als Lisa 1922 geboren wurde, lebte Kafka noch, schrieb seinen Roman "Das Schloss". Kafkas Grab befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag, direkt neben dem Seniorenheim, in dem Lisa Miková lebt. Eine Gedenktafel erinnert dort daran, dass auch Kafkas drei Schwestern von den Nazis ermordet wurden.

Lisa Miková hat Theresienstadt und Auschwitz überlebt. Die schwere Arbeit in Freiberg aber hatte sie gesundheitlich so stark angegriffen, dass sie das Modezeichnen aufgeben musste. Vor zwei Jahren ging ihr Berufswunsch aus der Jugend dann doch noch in Erfüllung. Auf Initiative einer Journalistin der "Lidové noviny" nähte eine Kostümdesignerin Kleider nach ihren Entwürfen. Es gab ein Fotoshooting mit Models, einen großen Magazinbeitrag und eine Ausstellung. Eine ihrer Original-Entwurfszeichnungen und ein nachgeschneidertes Modell bewahrt die alte Dame noch heute in ihrem Zimmer auf.

In vielen Zeitzeugengesprächen mit Schulklassen in Deutschland und Tschechien hat Lisa Miková von ihrem Schicksal erzählt. "Sehr sachlich und nüchtern, ohne unnötige schmückende Adjektive [...] schildert sie nahezu unvorstellbar Grausames", schrieb der einstige Mitarbeiter der Brücke/Most-Stiftung, Werner Imhof, der die Holocaust-Überlebende lange begleitete und ihre Biografie im Herbst 2018 in einem Buch veröffentlichte.

Inzwischen lassen Lisa Mikovás Kräfte nach. Aber sie empfängt noch immer Gäste. "Ich freue mich immer, wenn jemand Interesse hat für das, was war", sagt sie zum Abschied. Und: "Kommen Sie wieder, wenn Sie das nächste Mal in Prag sind."

Augenzeugenbericht

Das Dokument von 1939 aus dem Archiv in Bolivien sehen Sie hier: www.freiepresse.de/prag1939

Buchtipp Werner Imhof: Ich bitte Sie, wir sind doch Europäer! Lisa Miková - eine Tschechin, die nicht nur Auschwitz überlebt hat. 112 Seiten, erschienen Oktober 2018. 9,99 Euro/16,99 Euro.

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