Revolution auf dem Teller

In einem kleinen Dorf im Osten Indiens führen Frauen den herausfordernden Kampf gegen Armut, Unrecht und Plastikmüll. Wie sie das machen? Mit frischem Laub aus den umliegenden Wäldern.

Nityanagar.

Noch nie ist Santana Soren mit einem großen Zug durchs Land gefahren. Die geschäftigen Bahnhöfe von Indiens Millionenstädten sind weit entfernt von ihrem Dorf Nityanagar im Bundesstaat Westbengalen. Soren hat noch nie die Massen erlebt, die sich dort tags wie nachts an die Gleise drängen, auf dem Hallenboden warten oder die Ticketschalter belagern. Tausende Familien, Geschäftsreisende, Pilger und Wanderarbeiter zwischen Bettlern und Bahnarbeitern, die hölzerne Gepäckpritschen ziehen. Ebenso wenig kennt Soren die Gleise der indischen Eisenbahn, die sich kreuz und quer über den Subkontinent erstrecken, Zehntausende Kilometer lang. Sie sind die Lebensadern dieses Landes und zugleich Schaufenster eines enormen Problems: des massenhaften Mülls. Doch obwohl sie all das noch nie selbst sehen konnte, hat Santana Soren genau dieses Problem verstanden.

Das Leben der 36-Jährigen war lange Zeit vor allem ein Kampf ums Überleben. Viele Jahre reichte das Einkommen ihrer Familie für kaum eine Mahlzeit am Tag - so wie bei sehr vielen Männern, Frauen und Kindern in Indien. LautEntwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) leben gegenwärtig rund 28 Prozent der über 1,3 Milliarden Menschen in Armut. Es mangelt an Essen, Bildung, Gesundheits- und Hygieneversorgung. Laut UNDP ist der Anteil in den vergangenen zehn Jahren zwar signifikant gesunken, da zuvor noch über die Hälfte der Bevölkerung als arm galt. Dennoch: Hinter der aktuellen, abstrakten Prozentzahl stehen 364 Millionen Menschen - viereinhalb mal so viele, wie Deutschland Einwohner hat.

Santana Soren war einer dieser Menschen. Doch aus ihrem Kampf ums Überleben ist inzwischen eine Erfolgsgeschichte geworden - gemeinsam mit anderen Frauen ihres Dorfes, die den gleichen Lebensumständen trotzten. Das Mittel? Laub aus dem Wald, handwerkliches Geschick und eine Eisenpresse, mit der die Damen aus jenem Laub Einweg-Teller herstellen. Sie haben sich zu einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen und schaffen in zweierlei Hinsicht Veränderung: Die Laub-Teller sind eine Alternative zu umweltschädlichem Plastikgeschirr. Und Einnahmen aus dem Verkauf bilden die Lebensgrundlage für ihre Familien. Es ist eine kleine Revolution auf dem Teller.

Um von Indiens größter Stadt Mumbai in das kleine Dorf Nityananagar zu gelangen, dauert es mit dem Zug zwei Tage. Die Bahn ist von der Westküste aus einmal quer durch das Land unterwegs. Vorbei an beeindruckenden Felsmassiven, durch die Hitze Zentralindiens und tiefgrüne Urwälder im Osten. Doch der faszinierende Blick aus dem Zugfenster wird ständig getrübt von Massen an Abfällen entlang der Gleise: Plastikgeschirr, Tüten und Verpackungen, achtlos aus Zügen geworfen oder abgeladen von Leuten vor Ort. In großen und kleinen Städten, die der Zug passiert ebenso wie mitten in der Natur. Dabei ist dieser illegal entsorgte Müll nur ein Teil das Ganzen: Wie die Tageszeitung Times of India schreibt, produzierte das Land 2017 rund 100.000 Tonnen Abfall - pro Tag. Und die Menge wächst: Allein in der Hauptstadt Neu-Delhi habe sich das tägliche Müll-Volumen in nur 15 Jahren seit dem Millennium von 400 auf 8700 Tonnen erhöht. Das ist eine Steigerung von über 2000 Prozent.

Diese Zahlen sind alarmierend - gleichwohl genaue Erhebungen, insbesondere zu illegal entsorgtem Müll, schwierig sind. Der größte Teil der Abfallbranche ist informell organisiert. Zwar gibt es in mehreren Landesteilen Recycling-Programme und erfolgreiche Initiativen, zur Müllvermeidung. Doch ein großer Teil landet nach wie vor in der Umwelt. Die Zugstrecke zu Santana Soren ist somit auch eine 2000 Kilometer lange, nicht abreißende Schneise des Abfalls, die einmal quer durch das Land bis nach Nityanagar führt.

Die Hitze in dem kleinen Dorf ist drückend. Seit Wochen hat es hier nicht geregnet, die Felder sind staubtrocken. Santana Soren sitzt neben den vierzehn anderen Frauen der Selbsthilfegruppe in einem Hof auf Plastikplanen. Flache Backsteinhäuser mit Aluminiumdächern stehen rundherum, dahinter sind Reis- und Kartoffelfelder, Hühner scharren auf dem festen Sandboden. Hier, in einem sehr ländlichen und abgelegenen Teil Indiens, verfolgen die Frauen ihr progressives Projekt: die Produktion der Laub-Teller.

"Man sollte Plastikmüll nicht an den Straßenrand oder aufs Feld werfen. Viele tun das aber", erklärt Soren in die Runde. Die 36-Jährige ist die Vorsitzende und ruft in Erinnerung, warum die Frauen tun, was sie tun: "Plastik löst sich nicht auf", sagt sie. Daher entstünden Müllberge, die entweder verbrannt werden und dadurch giftige Gase freisetzen. Oder auf dem Feld untergeackert und der Aussaat und Ernte gefährlich werden. Oder in den Wasserkreislauf geraten. "Manche Leute", fügt Soren hinzu, "wollen das nicht verstehen. Weil es so bequemer ist." In den Laub-Tellern, die nach Benutzung rasch komplett verrotten, bieten die Frauen eine Alternative zum allgegenwärtigen Kunststoff-Untersatz und dämmen die Flut an Plastik zumindest etwas ein. Dass die Gruppe allein das Gesamtproblem nicht lösen kann, steht außer Frage. Aber sie trägt mit dem Öko-Geschirr einen Teil zur positiven Veränderung bei - neben anderen, die dieses traditionelle Handwerk pflegen.

Dann erheben sich alle vom Boden und legen los: Ein halbes Dutzend Frauen schnappt sich Säcke mit Blättern, die saftig grün durch die groben Jutemaschen schimmern. Das frische Laub stammt von Sal-Bäumen. Diese wachsen in ganz Nordindien und spielen eine wichtige Rolle in der hinduistischen und buddhistischen Mythologie sowie für Adivasis, die indigenen Gemeinschaften. "Der Baum ist uns heilig", erklärt eine der Frauen. Sie hockt sich in eine Hofecke und beginnt Teller-Rohlinge zu formen. Dazu steckt sie knapp zehn der handflächengroßen Blätter zusammen - so lange, bis zwei Schichten übereinander sind und keine Löcher mehr klaffen. Dann fädelt sie lange, feine Blattstiele durch die Blätter und sorgt so für den nötigen Halt. Schon nach diesem ersten Arbeitsschritt hält der Rohling zusammen und sieht aus wie ein kleines Kunstwerk.

Die Vorsitzende Soren ist derweil vor einem Holzschemel in die Hocke gegangen, auf dem die fertigen Rohlinge landen. Dort legt sie einige Exemplare übereinander, schneidet überstehende Ecken mit einer dicken gusseisernen Schere ab, dann kann es in die Presse gehen. Nebenbei erzählt Soren, wie die Frauengruppe mithilfe eines Projekts der Tagore Society for Rural Development (TSRD) zustande kam. TSRD ist eine der größten und ältesten Nichtregierungsorganisationen in Ostindien. Sie setzt spenden- und förderfinanzierte Projekte in Sachen Gesundheit, Bildung, Wasserversorgung und vor allem Landwirtschaft um. Rund 600.000 Frauen - alleinstehend oder mit Familien - in über 2600 Dörfern verbessern so eigenständig ihre Lebensumstände.

Vor Sechs Jahren wurde Soren, wie ihre Mitstreiterinnen, wegen ihrer prekären Situation aufgenommen: Sie hatte keinerlei Besitz oder Ersparnisse, zerbrach sich jeden Abend den Kopf, wie am nächsten Tag etwas für die Familie auf den Teller kommt. Zu Beginn des Projekts bekamen alle Frauen Starthilfen - Hühner, Ziegen und Kühe - und erwirtschafteten mit deren Aufzucht und Verkauf allmählich eine Einkommensgrundlage. 2015 erhielt die Gruppe die Blattpresse, lernte in Schulungen, wie man die Teller herstellt und begann mit dem Verkauf.

In diesen Schulungen hat Santana Soren auch ihr Wissen um das Plastikmüll-Problem erlangt. Eine höhere Ausbildung hatte sie nie erfahren, schied stattdessen nach der vierten Klasse aus der Grundschule aus und sollte fortan zu Hause arbeiten. Wenig später wollten die Eltern das Mädchen verheiraten. Für die junge Santana war die Vorstellung ein Schock: das Ende der Kindheit und der Beginn eines Lebens als Ehefrau mit einem fremden Mann.

Sie lief von zu Hause weg. Über fünf Jahre blieb sie in einem anderen Dorf, verdingte sich als Haushaltshilfe. Sie wischte, putzte, kochte - harte Arbeit für wenig Lohn. "Es war ein sehr entbehrungsreiches Leben. Aber ein selbstbestimmtes", sagt Soren. Entbehrungsreich blieb es auch, nachdem sie sich in einen Tagelöhner verliebte. Die beiden heirateten, Soren bekam mit Anfang 20 zwei Kinder und zog in das Haus der Schwiegereltern. All das erzählt sie nicht etwa traurig. Ihr Blick ist vielmehr entschlossen, während sie über quälenden Hunger spricht und Sätze sagt wie: "Ich werde diese Zeit nie vergessen. Sie ist mein Antrieb."

Dieser Antrieb und ihre Entschlossenheit sind entscheidend. Denn inzwischen geht Sorens Einsatz darüber hinaus, nur die eigene Familie zu versorgen. Als Vorsitzende hilft sie mit ihrer Frauengruppe weiteren Familien und bekämpft Armut in umliegenden Gemeinden . Denn Armut bedeutet nicht lediglich Mangel - sie bedeutet auch Unrecht. Soren kennt die Sorgen der Kleinbauern, Tagelöhner-Familien, Witwen und alleinstehenden Frauen, die unter dem Existenzminimum leben. Sie haben weder eigenes Land, noch Fürsprecher. In der Gesellschaft stehen sie am äußersten Rand. Großgrundbesitzer, lokale Eliten und Behörden blicken allzu oft auf diese Menschen herab. Denn das Stigma der Daridra Lok - der armen Leute - haftet ihnen seit der Geburt an, ohne dass sie etwas dafür können. Weil nicht nur Reichtum, sondern ebenso Armut, wie überall auf der Welt, vererbt wird. Um das zu überwinden, braucht es strukturelle Veränderung. Santana Soren und ihre Mitstreiterinnen zeigen, dass das geht: Der Zusammenschluss dieser einst ärmsten Frauen im Dorf hat von den Behörden inzwischen eine Registrierung erhalten. "Mamonasha Shanirbar Dal" heißt die Gruppe nun offiziell und hilft anderen Benachteiligten, ihre Rechte durchzusetzen.

Eine Hauptaufgabe bleibt aber der Kampf gegen den Müll mit den saftigen Blättern. In dem Hof in Nityanagar haben sich zwei der Frauen inzwischen an der Blattpresse bereitgestellt für den letzten Arbeitsschritt. Das Gestell ist knapp 1,50 Meter hoch und leuchtend rot angestrichen. Auf der Oberseite liegen zwei Eisenplatten übereinander, die Aroti Kora per Fußpedal auseinanderspreizt. "Es ist wichtig, dass wir uns voll konzentrieren", sagt die 66-Jährige. "Sonst kann es sehr wehtun", erklärt sie und deutet auf die kleine Dampfwolke, die von den Platten aufsteigt. Über Elektrokabel sind beide an eine Steckdose angeschlossen und werden aufgeheizt.

Dann legt die Frau zwei Laub-Rohlinge - aus denen ein Teller wird - dazwischen und presst die Platten zusammen. Sekunden später holt sie das Exemplar heraus, legt es zum Trocknen auf eine Ablage - fertig. Aus den leuchtgrünen Rohlingen ist ein brauner, stabiler Teller geworden. Ganz ohne Plastik. 500 davon stellen die Frauen an einem Tag her und investieren pro Stück eine halbe Rupie. Für den doppelten Betrag, umgerechnet etwas mehr als einen Euro-Cent, verkaufen sie an Händler, die wiederum Endkunden in der gesamten Region beliefern: Hochzeits- und Feiergesellschaften, Imbissbuden, Straßenrestaurants.

Überall dort zupfen Menschen auf jenen Tellern frittierte Auberginenscheiben auseinander, löffeln Linsenbrei oder tunken Brotstücke in süßsaure Tamarindensauce. Und auch an den großen Bahnhöfen Indiens stehen die Öko-Untersetzer in den Regalen mancher Restaurants. Die erste Zwischenstation auf der Rückreise von Santana Soren ist Kalkutta. Dort schöpft der Kellner knallgelbes Gemüsecurry und Reis und auf einen Laub-Teller. Die beste Methode, diesen auszuprobieren, ist die indische: mit Fingern statt Besteck. Man nimmt einen Batzen Reis in die Rechte, taucht ihn in das sämige Curry und schlürft das Ganze genüsslich von der Hand weg. Dabei spürt man bei jedem Zufassen die Struktur des Tellers unter den Fingern und denkt unweigerlich daran, wie diese Frauen in dem kleinen Dorf Nityanagar zusammensitzen. Wie sie schwatzen und lachen, während sie ihre Laub-Teller pressen - und damit an einem besseren Leben arbeiten. Nicht nur für sich selbst.

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