Russland und Polen liefern sich einen Krieg der Worte

75 Jahre nach der Befreiung Europas vom Naziterror liefern sich Russland und Polen verbale Schlachten um das korrekte historische Gedenken. Eine Analyse.

Warschau.

Kurze Rede, enorme Wirkung: Der russische Präsident Wladimir Putin hat mit wenigen Sätzen zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Polen einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, der nahezu täglich an Kraft gewinnt. Zuletzt sagte Präsident Andrzej Duda seine Teilnahme am Welt-Holocaust-Forum in Jerusalem ab, weil Putin dort sprechen sollte, er selbst aber nicht. Dabei hatte der Kremlchef seine Aussagen bereits vor Weihnachten getätigt. Unter anderem hatte er Jozef Lipski, der in den 30er-Jahren Polens Botschafter in Berlin war, als "antisemitisches Schwein" bezeichnet. Belegt ist, dass Lipski die von den Nazis geplante Deportation von Juden nach Madagaskar öffentlich gerühmt hat.

Putin ging es allerdings um mehr als um eine zwielichtige historische Figur. In seiner Pressekonferenz zum Jahresende wies er Polen eine Mitschuld am Ausbruch des Weltkrieges zu und verteidigte den Hitler-Stalin-Pakt, der den Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 erst ermöglichte. Die Sowjetunion, erklärte der russische Präsident, sei "der letzte Staat Europas" gewesen, der einen Nichtangriffspakt mit der NS-Führung unterzeichnet habe. Tatsächlich schloss Polen mit dem Deutschen Reich 1934 einen solchen Vertrag, den Hitler 1939 kündigte.

Aus Putins Sicht ergibt sich daraus und aus der westlichen Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler eine Rechtfertigung Stalins. Die Sowjetunion habe damals allein gestanden und keine andere Wahl gehabt, als den Ausgleich mit den Nazis zu suchen. Was Putin unterschlägt: Der Hitler-Stalin-Pakt enthielt in einem Geheimen Zusatzprotokoll einen Kriegsplan. Die Sowjetunion und das Deutsche Reich teilten darin den Osten des Kontinents in sogenannte Interessensphären auf: Am 17. September marschierten Stalins Truppen im Baltikum und in Ostpolen ein und eroberten die Gebiete.

Entsprechend hoch schlagen die Wellen nun in Warschau. Premier Mateusz Morawiecki warf Putin vor, in Bezug auf Polen "mehrfach bewusst gelogen" zu haben. Aber auch westliche Diplomaten kritisierten den Kremlchef scharf. Die US-Botschafterin in Warschau, Georgette Mosbacher, wies Putin darauf hin, dass sich Hitler und Stalin 1939 "verabredeten, den Krieg zu beginnen". Polen sei Opfer, nichts sonst.

Die Verbalschlachten werden sich im Gedenkjahr 2020 wohl fortsetzen. In den kommenden Monaten erinnert sich die Welt bei diversen Anlässen an die Überwindung des NS-Terrors. Der Gedenkreigen beginnt Ende Januar in Auschwitz und erreicht im Mai mit dem 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation seinen Höhepunkt. Aber schon die Feiern am 27. Januar zur Erinnerung an die Befreiung des größten NS-Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen droht zu einem Fiasko der Versöhnungspolitik zu werden: Putins Teilnahme gilt in Polen als unerwünscht.

Dem Kremlchef spielt die Zuspitzung allerdings in die Karten. Denn für Putin gilt dasselbe wie für die polnische PiS. Er profitiert innenpolitisch von der Aufwallung nationalistischer Stimmungen. Das trifft umso mehr zu, als die historischen Debatten kaum ohne den aktuellen Bezugsrahmen zu verstehen sind. Im Streit mit dem Westen um die Nato-Osterweiterungen verweist Moskau seit Jahren auf eine drohende Einkreisung Russlands, wie zu Zeiten der frühen Sowjetunion. In dieser Lesart wird dann nicht nur Stalins Kriegspakt mit Hitler zu einer legitimen Verteidigungsmaßnahme, sondern auch die aktuelle russische Ukraine-Politik samt Krim-Annexion.

Aber auch die Regierung in Polen spielt historische Karten gern in der Gegenwart aus. Zuletzt machte die PiS mit Reparationsforderungen an Deutschland Wahlkampf. Vor allem aber wird die deutsch-russische Nord-Stream-Pipeline immer wieder in den geschichtlichen Kontext von 1939 gerückt. Schon 2006 stellte der damalige Verteidigungsminister Radoslaw Sikorski das Projekt in eine "Traditionslinie" mit dem Hitler-Stalin-Pakt. Was bei all dem aus dem Blick gerät, ist die Erinnerung an die Opfer - und das in dem vielleicht letzten runden Gedenkjahr, in dem noch Zeitzeugen leben.

6Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 6
    1
    Lesemuffel
    14.01.2020

    Es ist nicht "unser Wladimir", acals, vielleicht Ihrer. Das Wiederaufleben des Nationalismus in Polen, mit Rückendeckung durch den neuen Freund aus Übersee tut dem Zusammenwachsen der EU lediglich einen Bärendienst. Ist das Land jetzt der Trojaner von Washington in der EU?

  • 1
    7
    acals
    14.01.2020

    Wir zitieren mal ein wenig:

    Unser Wladimir nannte den polnischen Botschafter in Berlin (33-39) einen "Drecksack, ein antisemitisches Schwein". (24.12.2019).

    Dieser Botschafter habe "komplett mit Hitler solidarisiert in seinen antijüdischen, antisemitischen Tendenzen“.

    Die amtierende polnische Regierung reagierte mit Augenmass auf diese ... eh ... Aussagen. (Es verfestigt sich der EIndruck, das Wladimir klein, und auf dem level eines KGB Agenten stehengeblieben ist.)

    Polen sagt das waeren ja "Propagandabotschaften wie aus der Stalin-Zeit“ ... ganz Polen stuende aber „bereit, Russlands Diplomaten die historische Wahrheit so viele Male, wie es nötig ist, zu erläutern."

    Wir dagen fragen unseren Wladimir einfach nur nach dem Gedenktag an den heimtueckischen Ueberfall der Sowjetuniun auf Finnland, an den russisschen Gedenktag an die Mio-Opfer der sowjetischen Staatsorgane ... und ob diese Opfer auch heute immer noch nicht wert sind genannt zu werden.

  • 3
    1
    Lesemuffel
    10.01.2020

    Da beisst die Maus keinen Faden ab, dass das Deutsche Reich zur Revision einiger Grenzen, willkürlich durch den Versailler Vertrag zugunsten Polens gezogen, den Krieg vorbereitet und begonnen hat. Die Polen haben sich darauf vorbereitet und hatten mit Unterstützung von F und GB gerechnet, die ausblieb. Ein Unschuldslamm waren die Polen aber auch nicht. Stalin wusste aus Geheimdienstquellen (Richard Sorge), dass die Faschisten sein Land überfallen werden. Seine Massnahmen waren vorbeugend. Die Rolle der Polen damals wie heute wäre interessant wissenschaftlich aufzuarbeiten, nicht von PiS!

  • 4
    4
    Freigeist14
    10.01.2020

    Auch wenn es die FP blau unterlegt hervor hebt ,was heute "zu sein " hat ist die Geschichte und Wahrheit eine Andere .Ich wiederhole mich gern : Der Angriff auf Polen war im Mai 1939 für den 25.August 1939 als "Fall Weiss" beschlossene Sache . Da war ein Abkommen mit Moskau noch undenkbar . Und es ist historisch belegt ,das die UdSSR vom Westen isoliert kaum eine andere Wahl hatte ,als die von Polen 1920 eroberten Gebiete als Puffer zu besetzen .Dieser Puffer war 1941 entscheidend ,das die Wehrmacht 300 km "mehr " erobern musste .

  • 7
    4
    acals
    10.01.2020

    Wladimir will uns bestimmt noch weissmachen, dass das Massaker von Katyn, der Ueberfall der Sowjetunion auf Finnland ... Akte der Selbstverteidigung gewesen seien.
    Gute Analyse, Herr Kroekel!

  • 6
    4
    Freigeist14
    09.01.2020

    Es ist natürlich bezeichnend vom Gedenkjahr 2020 zu reden , und selbstverständlich die "Annexion der Krim" zu erwähnen ABER kein Wort über das größte Manöver der NATO seit 1989 vor den Grenzen Russlands zu verlieren ,das 20.000 US-Soldaten nach Osten verlegen soll . Sicher ein Zeichen des guten Willens .



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