Trumps unheimliche Leibgarde

Die Coronabeschänkungen und die Unruhen in einigen Städten der USA haben den rechtsextremen Milizen Auftrieb verschafft. Nun fühlen sich die Schlägertrupps vom Präsidenten geadelt.

Washington.

Joe Biggs konnte sein Glück gar nicht fassen. "Im Prinzip hat Trump gesagt: Mischt die so richtig auf!", schrieb der 36-jährige Ex-Feldwebel im rechten Online-Netzwerk Parler: "Das macht mich so froh." Biggs ist einer der Organisatoren der rechtsextremen Miliz "Proud Boys". Die Bürgerwehr bot im Internet eilig für 30 Dollar ein schwarzes T-Shirt mit dem Slogan "Proud Boys Standing by" (Die Proud Boys halten sich bereit) an. Tatsächlich hatte dies kein Geringerer als der US-Präsident gefordert. Während seines Krawallauftritts im Fernsehduell sagte Trump wörtlich: "Proud Boys - tretet weg und steht bereit!" In jüngster Zeit freilich hat der mit Tarnuniformen, Schlagstöcken, Pfefferspray und Schusswaffen ausgerüstete Männerclub vor allem durch seine Aufmärsche in Portland für Schlagzeilen gesorgt.

Je näher der Wahltermin am 3. November rückt und je offener Trump den Gedanken ausspricht, sein Amt nicht friedlich räumen zu wollen, desto mehr rücken jene paramilitärischen Organisationen ins öffentliche Blickfeld, die zu den radikalsten Unterstützern des Präsidenten gehören. Rechte Milizen sind kein neues Phänomen in den USA. Nach der Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten Barack Obama 2008 erlebten sie einen regelrechten Boom. Derzeit zählt die Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center 181 Milizen.

Die Szene ist heterogen. Gegen alles vermeintlich Linke, gegen Migration und gegen den Islam wehren sich alle diese Bünde. Viele sind rassistisch, antisemitisch und gewalttätig. Zu den bekanntesten Bürgerwehren gehören die "Three Percenters" und die "Oath Keepers".

Ursprünglich saß der Feind dieser Radikal-Patrioten in Washington. Die "Oath Keepers" etwa wurden von einem libertären Blogger gegründet, um sich Eingriffen der Regierung in das Waffenrecht und dem Vormarsch einer ominösen globalisierten Weltordnung entgegenzustellen. Doch seit mit Donald Trump ein Verbündeter im Weißen Haus sitzt, hat sich das Feindbild gewandelt. Der Journalist Mike Giglio hat für "The Atlantic" herauszufinden versucht, was die Mitglieder der "Oath Keeper" umtreibt. Neben der Verteidigung des Waffenrechts war es vor allem die Angst, dass die Weißen demografisch in die Minderheit geraten und das Gefühl, das Recht auf eigene Faust verteidigen zu müssen. Ein Auslöser der aktuellen Mobilisierung waren die behördlichen Coronabeschränkungen. Im April zog ein bewaffneter Trupp der "Michigan Liberty Militia" mit Plakaten, die die demokratische Gouverneurin Gretchen Whitmer als "Nazi" verunglimpften, vor das Kapitol der Hauptstadt Lansing und drang in Milizen-Uniformen mit Waffen in das Gebäude ein. Die Bilder schockten das liberale Amerika, doch Trump twitterte: "Befreit Michigan!"

In Portland hat die linksextreme Antifa mit ihren Dauerkrawallen den rechten Milizen nun eine willkommene Scheinlegitimation geschaffen, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Hunderte Trump-Fans fuhren dort Ende August mit ihren Trucks durch die Stadt und machten mit Paintballpistolen und Reizgas Jagd auf die Protestler. Dabei wurde Aaron Jay Danielson, ein Anhänger der rechten "Patriot Prayer", von einem Antifa-Aktivisten erschossen. Seither hat die Milizenbewegung ihren ersten Märtyrer. Für "Proud Boys"-Chef Enrique Tarrio ist Portland zum "Epizentrum" im Kampf um die Freiheit geworden. Zu einem groß angekündigten Aufmarsch dort am vergangenen Wochenende mit angeblich 10.000 Teilnehmern kamen freilich nur einige hundert. Es blieb friedlich. Dieses Mal. Doch was ist, wenn Trump die Wahl verliert und lautstark von Betrug redet? Journalist Giglio hat mit dutzenden Milizen-Anhängern gesprochen. Seine Erkenntnis ist beunruhigend: "Viele sagen, sie wollten nicht kämpfen, aber sie hätten das Gefühl, dass sie keine andere Wahl haben."

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