Weltklimarat warnt: Küsten und Inseln verschwinden weltweit

Das ewige Eis oder der Ozean - für viele ist das weit weg. Doch wenn sich die Erde erwärmt, schmelzen die Eisschilde von Grönland und der Antarktis und lassen den Meeresspiegel steigen. Das hat erhebliche Konsequenzen. Experten sind alarmiert.

Monaco (dpa) - Der Meeresspiegel steigt doppelt so schnell wie im vergangenen Jahrhundert, ganze Küstenstreifen könnten unbewohnbar werden und Wetterkatastrophen werden extremer.

Mit diesen Aussagen hat der Weltklimarat IPCC der Politik in seinem am Mittwoch in Monaco vorgestellten Report zur Eisschmelze und den Ozeanen ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Er zeichnet darin eine düstere Zukunft, wenn nicht schnell etwas unternommen wird.

Der Rat rechnet mit Hunderten Millionen Flüchtlingen wegen steigender Meeresspiegel. Die Welt müsse die Emission der Treibhausgase unverzüglich drastisch reduzieren, mahnte er Vorsitzende des Weltklimarates, Hoesung Lee in Monaco.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass 280 Millionen Menschen bei einer Erderwärmung von zwei Grad Celsius in niedrig liegenden Millionenstädten und Inselstaaten wegen Überflutung und heftiger Stürme ihre Heimat verlieren könnten.

Der deutsche Klimaforscher und Mitautor des Berichts, Jochen Hinkel, mahnt allerdings zur Vorsicht bei diesen Zahlen. Reiche Regionen wie Großstädte könnten sich etwa mit Schutzmauern schützen, sagt der Experte. Anders sehe es in ärmeren Regionen aus. «Besonders Inseln oder niedrig gelegene Küstenbereiche werden langfristig wohl aufgegeben. Das gilt aber nicht für Megastädte an der Küste», so Hinkel.

Insbesondere in der Antarktis sieht der Bericht eine Gefahr durch die beschleunigte Eisschmelze, falls das Eis einmal irreversibel instabil werde. Das könnte den Meeresspiegel innerhalb von Jahrhunderten um mehrere Meter steigen lassen.

Es sei noch unsicher, ob und wann dies beginne. Gleichzeitig würden durch die Veränderungen im Ozean extreme Wetterereignisse wie Stürme und Hochwasser häufiger und stärker, sagte die Co-Vorsitzende des Klimarats, Valérie Masson-Delmotte.

Der Bericht des Klimarats zeigt außerdem auf, dass die durchschnittliche Stärke von Wirbelstürmen zunimmt. Viele Küsten-Megastädte und kleine Inseln müssen mit extremen Wetterereignissen rechnen, die eigentlich nur einmal im Jahrhundert auftreten. Bis 2050 können diese in vielen Regionen sogar einmal jährlich stattfinden.

Nur eine starke Reduzierung der Treibhausgase, der Schutz der Ökosysteme und der bedachte Umgang mit den natürlichen Ressourcen können eine dramatische Entwicklung eindämmen, so die Experten. «Was wir sehen, ist, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel einen großen Einfluss auf die Systeme hat, von denen wir abhängig sind», sagte Debra Roberts, ebenfalls IPCC-Co-Vorsitzende. Sie betonte die «Dringlichkeit rechtzeitiger, ehrgeiziger und koordinierter Maßnahmen».

In manchen Regionen wie den Tropeninseln und Küsten ist die Existenz ganzer Gemeinschaften auch ohne eine instabile Antarktis durch Überschwemmungen bedroht. In Küstenregionen bis zu zehn Metern Höhe wohnen laut IPCC 680 Millionen Menschen. Auf kleinen Inselstaaten sind es 65 Millionen. Vier Millionen Menschen leben dauerhaft in der Arktis, deren Eis und Permafrostböden in vielen Gebieten tauen.

In Bergregionen werden durch das Schmelzen der Gletscher und das Auftauen dort bestehender Permafrostböden Lawinen, Steinschläge oder Bergrutsche begünstigt. In Hochgebirgsregionen leben 670 Millionen Menschen. Sind die Gletscher schließlich ganz verschwunden, ist die Trinkwasserversorgung gefährdet. Aktuell wächst die Sorge um einen gefährdeten Gletscher am Mont Blanc. Auf italienischer Seite drohen wegen steigender Temperaturen Teile des Planpinceux-Gletschers abzustürzen.

Das Auftauen der Permafrostböden setzt nicht nur Treibhausgase frei, sondern hat auch erhebliche Auswirkungen auf Mensch und Natur. «Es kann sein, dass man jetzt Jahrzehnte vor sich hat, in denen sich die Bodenoberfläche ungleichmäßig absenkt. Das ist natürlich wahnsinnig problematisch für Bauwerke», erklärt der Glaziologe und IPCC-Autor Stephan Gruber.

Der Meeresspiegel steigt dem Report zufolge immer schneller an: Der Anstieg sei mit 3,6 Millimeter pro Jahr derzeit doppelt so hoch wie im Schnitt des 20. Jahrhunderts. Während er im gesamten 20. Jahrhundert um 15 Zentimeter geklettert sei, könnte er bei einer starken Erhöhung der Treibhausgase von Anfang des 20. Jahrhunderts bis 2100 um rund einen Meter steigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief Bürger und Firmen zu einem Bewusstseinswandel auf. «Wir brauchen also Verhaltensänderungen in allen Bereichen, beim Konsumieren, beim Produzieren, bei der Mobilität und bei der Ernährung genauso wie beim Städtebau», sagte sie in Berlin. Die EU-Kommission reagierte auf den alarmierenden Bericht mit der Forderungen, die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen.

«Es ist nicht die Zeit zu sagen, Titanic, und lass uns noch den letzten Cocktail trinken. Sondern wir können handeln», sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze in Berlin. Im Norden Deutschlands rechnen Landespolitiker mit höheren Kosten beim Küstenschutz durch den steigenden Meeresspiegel.

Der Klimareport zeige, dass die Maßnahmen der Politik völlig unzureichend seien, sagte Heike Vesper, Leiterin Meeresschutz beim WWF Deutschland. Der Oxfam-Klimaexperte Jan Kowalzig mahnt, dass sich wegen « der verantwortungslos schwachen Ziele, die sich die meisten Länder unter dem Pariser Abkommen gesetzt haben», die Welt auf eine Erwärmung um drei bis vier Grad zu bewege. «Auch Deutschland trägt dazu bei.» Umso schlimmer sei es daher, dass Deutschland trotz des Klimapakets aller Voraussicht nach das gesteckte Klimaschutzziel für 2030 verpassen werde.

Mehr als 130 Forscher aus 36 Ländern hatten zwei Jahre lang Studien zu diesen Themen analysiert und die Auswirkungen des Klimawandels auf Küsten und Inseln, Mensch und Natur in einem Report zusammengefasst. Über dessen Formulierungen hatten Delegierte der 195 IPCC-Mitgliedstaaten mehrere Tage debattiert und abgestimmt.

Angesichts der Erderwärmung gründeten zwei UN-Organisationen 1988 den Weltklimarat IPCC, der inzwischen fast 200 Mitgliedsländer hat. Er soll aufzeigen, wie sich der Klimawandel auf Mensch und Natur auswirkt, wie er gebremst werden kann und welche Anpassungsstrategien es gibt.

Das Gremium mit Sitz in Genf forscht nicht selbst. Vielmehr werten für die jeweiligen IPCC-Berichte eigens ausgewählte Forscher aktuelle Studien aus. Für den IPCC-Report zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Eismassen und Ozeane haben rund 130 Forscher zwei Jahre lang über 7000 Fachartikel analysiert, die Ergebnisse auf vielen Seiten aufgeschrieben und dann zusammengefasst.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
13Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 6
    1
    Nixnuzz
    27.09.2019

    Das wissen die Niederländer scheinbar schon seit Jahren. Die kaufen in Österreich Haus und Hof - was sie kriegen können...

  • 5
    5
    61charly
    27.09.2019

    franzudo2013: " Reicht das Festlandseis in der Antarktis und Groenland tatsächlich für diesen immensen Anstieg?"
    Nein, es reicht für 70m.
    Wissen ist Macht, Nichtwissen macht nichts (in der AfD)

  • 4
    1
    Nixnuzz
    27.09.2019

    @Hinterfragt: Klar - nur möchte ich diesen Wechsel selber oder meinen Kindern künstlich angedeihen lassen. Vorher sollte doch auch ein Planetenwechsel sicher möglich sein - nicht nur durch verschlüsselte DNA als Nullen-Komposit...

  • 3
    5
    Hinterfragt
    27.09.2019

    @SimpleMan; Die Erde war in ihrer Frühzeit fast komplett von Ozean bedeckt.
    Ins All verdunstet kan es nicht sein, also muss es noch hier sein.
    Die Erde hat auch wissenschaftlich UNSTRITTIG schon mehrere Eis/ Warmzeiten hinter sich, also ein ganz normaler Vorgang.

    https://www.scinexx.de/news/geowissen/wann-erhob-sich-das-festland-aus-dem-meer/

  • 8
    4
    SimpleMan
    26.09.2019

    Wesentlich ist was die Wissenschaft dazu sagt und nicht was Greta dazu sagt. Die Wissenschaft sagt, der Meeresspiegel steigt schneller als gedacht. Das deckt sich wieder mit der Ansicht der 16-jährigen, was nicht unbedingt für sie spricht, aber unbedingt gegen Greta's Gegner spricht.

  • 6
    6
    franzudo2013
    26.09.2019

    Greta arbeitet selbst an ihrem Image und jene, die ihr zujubeln, sprechen für sich. Da muss man nichts kommentieren.
    Heute war eine Grafik in der FP, welche 2 Meter Anstieg des Meeresspiegels angezeigt hat. Der Rechenweg würde mich interessieren. Reicht das Festlandseis in der Antarktis und Groenland tatsächlich für diesen immensen Anstieg?

  • 10
    13
    Freigeist14
    25.09.2019

    Man kann die Vermutung haben ,das Greta mit ihrem Engagement von anderen Einflüstern benutzt wird . Das ändert nichts daran , daß das Mädchen es ehrlich meint und unschuldig ist . So wie hier gewisse Klientel die junge Frau verächtlich machen wollen und ihr niedere Beweggründe unterstellen ist einfach nur erbärmlich .

  • 14
    7
    Einspruch
    25.09.2019

    Die 16 jährige zeigte sich nur bockig, das IHRE Träume nicht in Erfüllung gehen. Dann streikte sie und rief andere auf, es ihr gleich zu tun. Von IHREN Träumen wisssen wir bis jetzt nichts weiter. Sonst hat sie nichts getan. Doch, sie glaubt, allen Erwachsenen der Welt ist die Zukunft ihrer Kinder egal. Und ihre Eltern haben mit dem Unternehmen Greta alle Hände voll zu tun. Bücher vermarkten, Ahnen ausbuddeln, die auch gewarnt haben.Dafür gibt es schon einen Nobelpreis. Aha. Gibt es die jetzt auf dem Wühltisch?

  • 17
    5
    osgar
    25.09.2019

    @Blackadder, die heilige Greta hat uns mitnichten davor gewarnt.
    Das haben Wissenschaftler und vereinzelte Politiker getan.
    Die heilige Greta hat das zum Hype gemacht und eine Hysteriewelle entfacht.
    Etwas konstruktives getan hat sie nicht, im Gegenteil.

  • 17
    8
    Malleo
    25.09.2019

    Wenn du ein Problem hast, versuche es zu lösen, kannst du es nicht lösen, dann mache kein Problem daraus
    Buddha
    Wer nicht einmal in der Lage ist, eine Landesgrenze gegen illegale Migranten zu schützen, nimmt natürlich eine keineswegs abgesicherte Hockeyschlägerkurve zum Anlass, Kraftwerke abzuschalten während in 59 Ländern neue geplant und in 21 Ländern der Bau von Atomkraftwerke in Angriff genommen wird.
    In China wurde einst die 1 Kind-Ehe durchgesetzt.
    Afrika hätte 1000 Gründe das auch einmal umzusetzen.
    Aber dafür taugen die korrupten Eliten nicht, planen sie doch die Entwicklungshilfe(Steuergelder) in ihr Haushaltbudget ein.
    Weiß man das in Berlin?

  • 9
    9
    1371270
    25.09.2019

    Die ständigen Katastrophen-Meldungen nerven doch nur. Auch wenn im Artikel "könne" und "ist noch unsicher" steht.
    Mir ist auch unklar, wie das Antarktiseis abschmelzen soll. Ich kann mich ja irren, aber die Durchschnittstemperatur dort liegt doch weit im Minusbereich. Wenn also die Temperatur von -30 Grad auf minus -28 Grad steigt, schmilzt dann schon das Eis?

  • 12
    7
    Lesemuffel
    25.09.2019

    Was tun? Mehr freitags die Kinder und Alten demonstrieren lassen? Mehr Abgaben und Steuern? Das Klima lässt sich nicht beeindrucken.

  • 9
    22
    Blackadder
    25.09.2019

    Der Meeresspiegel steigt schneller als jemals zuvor: aber Hauptsache wir nörgeln an einer 16jährigen rum! Die uns genau davor gewarnt hat!



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