"Dann rode ich den Weinberg"

Freizeitwinzer Ludwig Martin Rade ist so sauer auf die Genossenschaft, dass er an Aufgeben denkt - wie viele

In der Serie "Sachsens Winzer" stellt "Freie Presse" alle zwei Wochen interessante Weingüter vor. Olaf Kittel hat mit Freizeitwinzer Ludwig Martin Rade gesprochen.

Freie Presse: Sie waren nach der Wende im ersten sächsischen Landtag FDP-Fraktionschef und haben den legendären Satz geprägt: "Lieber Blockflöte als Arschgeige". Lange nichts gehört vom Politiker Rade.

Ludwig Martin Rade: Ich bin jetzt 77 und nur noch Privatmensch. Und ein bisschen Winzer.

Der Chef des Weinbauverbandes meint, Hobbywinzer ist ein unzutreffendes Wort, weil die Winzerei schon lange viel mehr ist als ein Hobby.

Weinbau kann schon in Arbeit ausarten. Wenn man dann noch Steillagen hat, ist es noch schlimmer.

Übers Jahr haben Sie gut zu tun.

Das geht mit dem Rebschnitt im zeitigen Frühjahr los. Dann der Austrieb und die erste Spritzung. Ende Mai beginne ich mit dem Ausbrechen der Triebe ohne Blütenansatz. Nach der Blüte steht das Gipfeln an. Später schnappe ich mir eine Machete und schlage die Gassen zwischen den Weinstöcken frei. Zwei- bis dreimal im Jahr mähe ich das Gras mit der Motorsense. Vier- bis fünfmal müssen die Pflanzen gespritzt werden, um Krankheiten zu vermeiden.

Und dann kommt die Lese.

Das ist die schönste Zeit. Ich bin glücklich, wenn alles gut gegangen ist und die Trauben nicht noch verfault sind kurz vor der Ernte. Dann hole ich mir ein paar Leute dazu, die Lese wird zum kleinen Familienfest.

Den Wein machen Sie selber?

Ja, in der Garage. In Westdeutschland heißt der Garagenwein. Reiche Leute kaufen Weintrauben, lassen einen Küfer kommen, der ihnen den Wein macht. Der ist dann eigentlich unbezahlbar.

Haben Sie das Weinmachen mal gelernt?

Nein, aber als Schüler war ich in den Herbstferien in der Winzergenossenschaft und sah zu, wie die Trauben verarbeitet wurden. Heute habe ich viel Übung und keltere aus den Trauben meiner 150 Rebstöcke etwa 150 Flaschen Weißburgunder.

Ein schöner, sauberer, spritziger Wein.

Ja, ich kann selber festlegen, wie lange die Trauben hängen, weil ich an keine Abgabefristen gebunden bin. Wenn man alles richtig macht, wird das ein guter Wein.

Sie hatten schon mal wesentlich mehr Rebstöcke.

Über 1000. Das war richtig Arbeit. Aber das muss ich mir nicht antun.

Die Berufswinzer, die Politiker, die Naturschützer sagen: Die Freizeitwinzer in Sachsen sind für den Erhalt der Kulturlandschaft im Elbland unentbehrlich. Werden die Freizeitwinzer auch entsprechend behandelt?

In letzter Zeit nicht mehr. Die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft mit Sitz in Kassel verschickt seit März 2015 Freizeitwinzern freundliche Schreiben. Darin erklärt sie alle zu landwirtschaftlichen Unternehmen für Weinbau. Bei mir geht es um 200 Quadratmeter!

Aber Sie verkaufen doch Ihren Wein gar nicht, Sie trinken ihn selber.

Na sicher. Und die Winzer, die ihren Wein in der Winzergenossenschaft keltern lassen, die müssen ihn sogar von dort zu einem Rabatt-Preis zurückkaufen.

Was will die Berufsgenossenschaft?

Sie will Beiträge für eine gesetzliche Unfallversicherung haben - wie für eine Agrargenossenschaft mit 100 Hektar. Darüber regen sich die 2200 Freizeitwinzer, die in aller Regel ihre Flächen alleine bewirtschaften, natürlich mächtig auf. Hier im Osten haben sich die Strukturen eben anders entwickelt, hier werden viele Flächen von Freizeitwinzern bewirtschaftet. In der DDR war das sehr erwünscht. Außerdem hat ein Karton Wein damals schon mal ein paar Sack Zement ermöglicht.

Was verlangt die Berufsgenossenschaft von Ihnen?

Zunächst sollte ich eine seitenlange Selbstauskunft ausfüllen, welche Flächen ich womit anbaue, wie viel Geflügel ich habe und so weiter und so fort.

Freizeitwinzer sollen Beiträge für die Unfallversicherung bezahlen, weil sie Agrarbetriebe sind und damit Mitarbeiter beschäftigen?

Genau.. Zunächst mal sollen alle einen Grundbetrag von etwa 80 Euro im Jahr bezahlen. Weil, so schreiben sie, auch auf Kleinstflächen Landwirtschaft betrieben werden kann.

Da hat jeder kleine Winzer erst mal einen mächtigen Schreck bekommen.

Na sicher, ich würde sogar sagen: Die Winzer werden terrorisiert. Ich habe viele Anrufe von verzweifelten Winzern bekommen. Ich hab ja selber nächtelang nicht geschlafen. Da hat sicher niemand daran gedacht, dass die meisten Winzer im Rentenalter sind. Für sie ist es schwer, mit so etwas umzugehen.

Wie gehen Sie denn damit um?

Ich habe schon mal den Fragebogen nicht ausgefüllt und werde nicht zahlen, solange die Rechtslage nicht geklärt ist. Ich habe Widerspruch eingelegt. Inzwischen läuft ja ein Musterverfahren. Ungeachtet dessen kommen immer neue Rechnungen und Mahnungen. Außerdem wurde mir kürzlich mitgeteilt, dass gegen mich ermittelt und dabei festgestellt wurde, dass ich ja in meinem Garten auch ein kleines Stück Wald und eine Wiese habe. Das spricht für die Genossenschaft natürlich für Landwirtschaft! Insgesamt bin ich jetzt bei 259 Euro. Und es wird - fett gedruckt - darauf hingewiesen, dass die Genossenschaft berechtigt ist, die Beiträge durch Zwangsvollstreckung einzuziehen.

Oh, diese Bürokraten ...

Ich war ja selbst einer. Aber wenn eine Rechtslage nicht mehr zeitgemäß ist, dann muss sie geändert werden.

Was wäre denn eine gute Lösung des Problems?

Das ist doch ganz einfach: Ein Garten gilt in diesem Land bis 400 Quadratmeter als Schrebergarten. Für den Weinbau sollte eine Fläche von bis zu 500 Quadratmetern von Beiträgen freigestellt sein.

Was geschieht, wenn es keine Lösung gibt?

Wir bemühen uns doch um jeden Jungen, der noch bereit ist, die Rebfläche von einem alten Winzer zu übernehmen. Die werden geradezu abgeschreckt! Und viele Alte werden den Weinbau aufgeben. Ich sage es ganz klar: Ohne die Rücknahme der Aktion rode ich meinen Weinberg.

Nächster Teil in zwei Wochen: Der Riese unter Sachsens Winzern - Schloss Wackerbarth.

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