Zwölf Weine zum Frühstück

Wie Janek Schumann aus Freiberg erster ostdeutscher Master of Wine wurde und jetzt sächsische Winzer für den Gault Millau bewertet

Janek Schumann ist einer von acht Weinakademikern in Deutschland und testet seit diesem Jahr für den Weinführer Gault Millau Weine aus Sachsen und dem Saale/Unstrut-Gebiet. Zum Abschluss der Serie "Sachsens Winzer" hat Olaf Kittel mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Müssen hiesige Winzer zittern, wenn bald der neue Weinführer erscheint oder haben sie Heimvorteil?

Janek Schumann: Weder noch. Ich versuche, die Tests aus einer neutralen Perspektive anzugehen. Es bringt uns in den Weinbaugebieten nicht weiter, wenn wir uns in die Tasche lügen. Ein überkritisches Herangehen bringt aber auch nichts. Bisher hatte der Gault-Millau eine zu dogmatische Vorstellung, wie ein Wein schmecken muss. Alles Abweichende wurde schlechter bewertet. Jetzt gibt es ein neues Verkosterteam, das mehr die Kreativität, die stilistische Vielfalt würdigen will.

Welche Tendenzen erkennen Sie beim Wein in Sachsen?

Dass Sachsens Winzer Feintuning betrieben haben, um noch stärker regionale Stilistik zu entwickeln. Wenn ich unterwegs bin, erlebe ich aber, dass die sächsische Stilistik nur sehr verschwommen wahrgenommen wird. Das muss sich ändern. Immer mehr sächsische Winzer haben verstanden, dass wir zwar viel erreicht haben, uns aber nicht darauf ausruhen dürfen.

Wie wird man Gault-Millau-Tester?

Indem man gefragt wird. Ziel der neuen Chefredaktion war es, neue Tester zu haben, die Professionalität mit Offenheit gegenüber Neuem verbinden. Der Gault-Millau will sich als Medium für und nicht gegen die Winzer verstehen. Das schließt Respekt vor dieser Arbeit ein.

Sie haben mal als Finanzexperte angefangen. War der Job zu trocken?

In den 1990er-Jahren habe ich die faszinierenden Facetten des Weins entdeckt. Schlüsselerlebnis war eine Urlaubsreise ins Bordeaux-Gebiet. Nach Fernstudium an der Wine & Spirits, der weltweit größten Ausbildungsstätte für Weinhändler in London, wurde ich 2003 zum Weinakademiker graduiert.

Heute sind Sie einer von acht Master of Wine in Deutschland und der einzige im Osten. Wie haben Sie das geschafft?

Weil ich mein Studium mit Auszeichnung beendet hatte, schrieb mich das Institut Master of Wine an, ob ich nicht dort weiter studieren will. Es ist die weltweit elitärste Ausbildung. Ich habe dann erst einmal hier ein Restaurant in Lichtenwalde aufgebaut und ab 2008 noch einmal sieben Jahre neben dem Job studiert. Bis zu 10.000 Stunden Vorbereitung sind nötig, um die wahnsinnig schwere Prüfung zu bestehen. Beispielsweise sind 36 Weine blind zu analysieren: nach Herkunft, Rebsorte, was wurde im Keller gemacht, was haben die Weine für kommerzielles Potenzial.

Sie können blind Land und Region erkennen, aus denen der Wein stammt?

Ja, wenn ich schon mal einen Wein aus der Region getrunken habe, ist die Wahrscheinlichkeit hoch. Einen Wein aus Indien würde ich nicht erkennen. Und der Erzeuger darf seinem Wein nicht die regionale Identität ausradiert haben. Zur Vorbereitung habe ich 8000 Weine probiert.

8000? Wie geht das denn?

Meine Frau hat mir über Jahre jeden Morgen zwölf Weine bereitet, manchmal auch nur sechs, je nachdem, wie ich drauf war.

Nach dem Frühstück?

Ja, früh bist du sensorisch fitter.

In Sachsen waren Sie bei der Verkostung für die Landesweinprämierung dabei. Wie läuft so etwas ab?

Dort wird nach dem DLG-System blind bewertet. Sind Fehler zu erkennen, werden Punkte abgezogen. Wir bewerten, was der Wein für ein Aroma hat, wie komplex er ist. Für mich am wichtigsten ist, wie es um die Struktur steht: Wie passt Säure zu Alkohol, zu Restzucker, zu Inhaltsstoffen und alles zusammen zum Körper des Weins. Und ist das Ganze eher eindimensional oder findet eine Explosion im Mund statt. Leider lässt dieses DLG-System keine besonders differenzierte Bewertung zu. Zum Beispiel kommt ein Wein, der nicht typisch für eine Rebsorte ist, nicht gut weg. Aber unsere Weinwelt ist bunt, und je bunter sie wird, desto schöner ist es doch.

Welcher Wein schmeckt Ihnen am besten?

Ich mag Riesling, Chardonnay, exotische Sorten, etwa aus dem Norden Portugals. Bei den Roten habe ich eine klare Präferenz für den Spätburgunder oder den Pinot Noir. Früher war ich eher für die Cabernetweine. Gegen einen guten Bordeaux habe ich natürlich auch heute nichts einzuwenden. Aber Eleganz und Finesse der Spätburgunder schätze ich heute mehr. Und toll ist auch, was aus dem Beaujolais kommt.

Wo stehen denn Sachsens Weine im nationalen Vergleich?

Einige Betriebe können in der Spitze mitspielen. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass sich der Weinbau hier erst seit 25 Jahren dem Wettbewerb stellen muss. Wer nach der Wende Wein anbauen wollte, brauchte Geld und viel Zeit. Denn es dauert, bis die Reben wachsen und sich Erfahrung einstellt. 20, 25 Jahre sind da nichts.

Wer spielt in der Spitze mit?

Wenn man die Ergebnisse der vergangenen Jahre betrachtet auf jeden Fall Martin Schwarz. Er hat eine tolle Entwicklung genommen. Er zeigt eine persönliche Handschrift und regionales Profil. Zimmerling gehört dazu. Danach wird die Luft schon dünner. Ich hoffe, Wackerbarth gehört bald dazu. Dort helfe ich mit, stilistisch bei einigen Weinen radikal neue Wege zu gehen. Wackerbarth-Weine teste ich dann natürlich nicht. Ich bin gespannt, wie die Kollegen meine Arbeit beurteilen. Da zittert auch der Tester.

Ist der Eindruck richtig, dass nicht nur eine bemerkenswerte Spitze entstanden ist, sondern sich auch viel in der Breite getan hat?

Definitiv. Aus dem Testbericht des Gault-Millau in diesem Jahr werden wir genau das betonen. In diesem Mittelfeld gibt es fünf, sechs Betriebe, die das Potenzial haben, in die Spitze vorzustoßen. Matthias Schuh gehört dazu mit einer Wahnsinns-entwicklung, seit er das Weingut übernommen hat, Wackerbarth gehört dazu, Proschwitz ist dabei. Vielleicht auch Friedrich Aust, er will noch investieren. Den gleichen Trend nehme ich übrigens an Saale und Unstrut wahr.

Weine der von Ihnen genannten Winzer sind ihr Geld wert?

15 Euro im Einstiegsbereich sind sicher zu viel. Dies ist ein Problem in Sachsen.

Wie viel sollte man denn für einen guten Wein ausgeben?

Bei Weißwein bekommen Sie in Deutschland für acht bis zehn Euro eine sehr gute Qualität. In der Pfalz habe ich Hammer-Rotweine für zwölf bis 15 Euro gefunden.

Wann haben Sie zuletzt Wein im Supermarkt gekauft?

Zum Genuss vielleicht vor 20 Jahren. Zu Testzwecken vor drei Wochen. Man findet dort schon Weine für vier, fünf Euro, die richtig gut sind, auch wenn sie null Originalität haben. Für Winzer können sie als Benchmark dienen.

Sie leben in Freiberg. Ist das nicht ein bisschen weit weg vom Wein?

Ich lebe total gern hier, und ein bisschen Abstand ist auch ganz gut. Hier habe ich jetzt eine Weinbar, die richtig gut läuft.

Kürzlich war zu lesen, dass Sie auch noch Erzgebirgswein herstellen wollen.

Ein guter Bekannter hat Schloss Lichtenstein saniert und dort einen historischen Weinberg gefunden. Gemeinsam mit Martin Schwarz haben wir den aufgerebt. Es ist ein Spaßprojekt.

Apropos Spaß. Was sagt denn der Arzt zu Ihrem Beruf?

(lacht) Bis jetzt ist er zufrieden mit mir. Bei der Verkostung spucke ich die Weine ja wieder aus. Aber auch sonst versuche ich, den Konsum in Grenzen zu halten. Auch, weil ich selbst Alkoholiker in der Familie habe. Es ist also nicht so, dass ich früh erst ein Glas Wein trinken muss. Wichtig ist, dass man Wein zum Genuss trinkt, nicht zum Stressabbau.

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