Abenteuer Goldgrube

Niederschlesien ist eine Reise wert - auch unter der Erde. Überall treffen Besucher in Polen auf deutsche Spuren. Die "Route der geheimen Untergründe" führt ins einstige Bergwerk Złoty Stok.

Der Anfang ihrer Beziehung könnte auch aus einem Märchenbuch stammen. "Ich habe eine Goldmine", sagte Malgorzata Szumska einst zu ihrem neuen Bekannten. "Ich liebe dich!", antwortete Maciej Dziczkowski. Inzwischen sind die beiden verheiratet, tragen denselben Nachnamen und haben gerade ein Haus in der Nähe des einstigen Goldbergwerks von Z³oty Stok gebaut. Das Paar erzählt die Geschichte gern, wenn es mit Besuchern des Bergwerks ins Gespräch kommt. Die beiden gehören zum Familienunternehmen, das die Mine besitzt und betreibt.

Eine Goldmine in Familienbesitz? In Polen? Edelmetall holt in Z³oty Stok schon lange niemand mehr aus dem Boden. Das neue Gold sind Tourismus, Gastronomie, Veranstaltungen und - im Fall der Dziczkowskis - Hochzeiten. Auch Eheschließungen sind möglich im Bergwerksgelände.

Schon um 2000 vor Christus sollen Menschen in der Gegend des heutigen Z³oty Stok, am Rande der Glatzer Region, nach Gold gesucht haben. Aus dem 13. Jahrhundert stammen erste schriftliche Hinweise auf den Abbau. Die Siedlung "Richinstein" entstand - also Reichenstein, ein Hinweis auf das, was unter der Erde zu finden ist. Die Blütezeit der Goldförderung lag im 16. Jahrhundert. Damals befand sich die Mine im Besitz eines Zweiges der Augsburger Handelsfamilie Fugger. Sie interessierte sich aber nicht für Arbeitsbedingungen und Schutzmaßnahmen. Und so kam es zu Unfällen. "Der schwerste ereignete sich 1565. Ein Hauptschacht stürzte ein", erzählt Malgorzata Dziczkowska. 59 Bergleute starben. Deshalb war nach 16,5 geförderten Gold-Tonnen Schluss. Bis rund hundert Jahre später erneut ein "Berggeschrei" ertönte. 126.000 Tonnen Arsen holten die Kumpel aus dem Berg. "Es gab hier genug, um die ganze Menschheit 19-mal zu vergiften", sagen Gästeführer den Touristen.

Bei Stollentouren können die Besucher einen Alchemisten treffen, der sein Gesicht unter einer Kapuze verbirgt und die Neugierigen zu einer Kostprobe Arsen überreden will. Man begegnet Gnomen, die einen vermeintlichen Goldschatz bewachen, läuft durch einen Gang mit fluoreszierenden Spinnenweben und steht schließlich vor einer Ausstellung mit Warn- und Hinweisschildern aus dem Bergbau vergangener Tage. Manche stammen noch aus der deutschen Zeit. Mit diesen Tafeln habe die Erfolgsgeschichte des Besucherbergwerks begonnen, berichtet Malgorzata Dziczkowska. "Es gab sie überall. Journalisten sagten uns damals: Zeigt sie doch richtig." Die Familie setzte die Idee um, kam damit viel in die Medien und hat seitdem immer mehr Besucher. Inzwischen sind es rund 200.000 pro Jahr.

Zusätzliche Neugier auf die unterirdischen Anlagen in Polen weckte die Geschichte von einem Goldzug unter der Erde von Walbrzych (Waldenburg). Ein Pole und ein Deutscher hatten 2015 behauptet, sie würden einen von den Nationalsozialisten versteckten Schatz aufspüren können. Eine groß angelegte Suche begann, die bis heute andauert. Niederschlesiens Touristiker haben wegen des Interesses eine "Route der geheimen Untergründe" geschaffen, in der neun Tunnelanlagen zusammengeschlossen sind. Das Bergwerk von Z³oty Stock gehört dazu.

Es war übrigens Malgorzatas Mutter, die die Mine in die Familie brachte. Sie führte mit ihrem inzwischen geschiedenen Mann einen Landwirtschaftsbetrieb. Nebenbei arbeitete sie als Gästeführerin in dem Besucherbergwerk. 1999 beschloss die Regionalregierung, die Mine nach drei Jahren defizitärer Versuche an einen Investor zu verkaufen. Die Mutter nahm eine Hypothek auf und kaufte sie.

Heute gehören Gastronomie, ein Mittelalterdorf und eine Paintball-anlage zum Komplex. In einem Stollen sind Bootsfahrten möglich, in einem anderen können Gäste in einen Zug steigen und mit Tempo durch die Unterwelt rattern. Es gibt ein Hotel und ein Gästehaus - 150 Personen finden hier ein Bett zum Übernachten. "Noch sehr einfach, aber das wird sich ändern", sagt Malgorzata Dziczkowska.

Eigentlich wollte sie nie in den Minenbetrieb einsteigen. Mit ihrem Mann sei sie jahrelang in Südamerika unterwegs gewesen. Der Plan war, dortzubleiben. Doch dann kamen die beiden zurück und sind nun mit Begeisterung Teil der besonderen Geschichte. "Es ist toll, zu sehen, wie sich alles entwickelt", meint Maciej Dziczkowski, der aus Walbrzych stammt. Mit 140 Mitarbeitern in der Hauptsaison gehört der Familienbetrieb, in dem auch Malgorzatas Bruder und Schwester mitmachen, zu den großen Arbeitgebern von Złoty Stok.

Eine Zeitreise unter Tage

Tief unter der Erde findet sich ein alter Panzertriebwagen - und kistenweise Gold

Gleich drei unterirdische Erlebniswelten betreibt die Firma Arado in Niederschlesien. Irmela Hennig sprach mit dem Leiter, Jaroslaw Bona.

Freie Presse: Herr Bona, was gibt es bei Ihnen unter Tage zu sehen?

Jaroslaw Bona: In Kamienna Gora geht es vor allem um Geschichte. Zur Nazizeit hatten die Arado Flugzeugwerke in Landeshut, das ist der deutsche Name, eine unterirdische Produktion. Davon erzählen wir. In Breslau sind Original-Filmkostüme von Hollywoodproduktionen zu sehen. Wir sind dort in einem ehemaligen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg unter dem Salzmarkt. Deswegen zeigen wir auch, wie es früher im Bunker ausgesehen hat. In Jelenia Góra haben wir eine Mischung aus Geschichte und mystischen Dingen. Wir laden die Besucher ein zu einer Zeitreise.

Dort zeigen Sie auch den Goldzug?

Wir haben einen Panzertriebwagen Nummer 16 nachgebaut. Und es gibt dort Kisten mit Goldbarren. Die sind natürlich nicht echt. Wir nehmen das aber nicht so ernst.

Der polnische Bauunternehmer Piotr Koper sucht immer noch den Nazi-Zug mit geraubtem Gold. Was sagt er dazu?

Er hat sich nicht bei uns gemeldet.

In Jelenia Góra befindet sich ihr jüngstes Projekt. Es wurde kurz vor Weihnachten 2018 eröffnet. Was war da früher drin?

Wir sind dort unter dem Kavaliersberg in der Nähe vom Riesengebirgsmuseum. Dort gab es ein Restaurant. Das nutzte die Gänge als Lager für Wein und Bier, sie wurden im 19.Jahrhundert angelegt. Im Zweiten Weltkrieg befand sich dort ein Luftschutzbunker, später ein Lager, eine Pilzzuchtanlage und dann eine Disco. Danach wurden die Tunnel nicht mehr genutzt und verfielen. Bis wir kamen.

Und was zeigen sie dort, mal abgesehen von dem Goldzug?

Der Rundgang führt durch verschiedene Stollen. Im ersten erleben die Besucher Musik, die nur mit Starkstrom erzeugt wird. Danach erzählen wir Geschichten und Legenden aus der Region, zum Beispiel von Rübezahl, von der Glasherstellung in der Region, von den Napoleonischen Kriegen und von den sogenannten "Laboranten", die bis zum frühen 19. Jahrhundert im Riesengebirge Arzneien aus Kräutern herstellten und verkauften. Aber wir sind noch nicht fertig. Das Tunnelsystem ist groß, wir werden es nach und nach erweitern.

Was hat Sie auf die Idee gebracht, Tunnel zu Erlebniswelten zu machen?

Ich und meine Partner interessieren uns für Geschichte. Wir organisieren schon lange den Rajd Arado. Das ist eine historische Militärparade, die jedes Jahr Anfang Mai in zwölf Städten, mit Uniformierten und Panzern, stattfindet. 200 Leute machen mit, zehntausende Besucher kommen. Dadurch sind wir schon lange mit der Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt.

Am besten mit Pkw

Anreise: Nur mit Pkw sinnvoll. Es gibt Züge und Busse nach Breslau, von dort kommt man aber nur umständlich weiter.

Übernachten: Schlosshotel Kamieniec im Glatzer Land, DZ/F 100 Euro.

Die Recherche wurde unterstützt vom Polnischen Fremdenverkehrsamt.

www.szlakpodziemi.pl

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