Der Berg groovt

Wanderurlaub mit Kindern ist ein Spaß für die ganze Familie - das verspricht die Tiroler Zugspitz Arena. Wir haben es gleich mal ausprobiert.

Hugo streikt. Der Lamahengst wittert irgendeine Gefahr und denkt gar nicht daran, weiterzugehen. Da kann der Junge, der ihn an einem Strick führt, noch so ziehen und zerren.

Irgendwann ist die Lage dann doch wieder unter Kontrolle, und es geht weiter über Stock und Stein, immer mit Blick auf die Alpengipfel. Wir sind zu Besuch in Ehrwald, einem Dorf am Fuße der Zugspitze. Mit Martin Kuprian und drei seiner 13 Lamas spazieren wir durch den lauschigen Ort, überqueren einen gurgelnden Bach und tauchen ein in das satte Grün des Nadelwaldes.

Wandern mit Lamas ist in. Die flauschigen Tiere sollen eine beruhigende Wirkung haben, werden deshalb gern zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Auch hier in den Bergen Österreichs, fernab der Heimat in den südamerikanischen Anden, fühlten sich die "Delfine der Berge" sehr wohl, erzählt Hobbyzüchter Martin.

Am nächsten Morgen lassen wir das Frühstück im Hotel ausfallen und fahren stattdessen zur Almkopfbahn in Bichlbach. Dort wartet schon ein reich gedeckter Tisch auf uns. Er wird flugs in die sich öffnende Gondel geschoben. Wir hüpfen hinterher, schon schließt sich die Tür und wir heben ab. Der Ausblick auf die Zugspitze und über den Heiterwanger See auf das benachbarte Allgäu ist fantastisch. Genauso wie das leckere Frühstück mit frischen Brötchen, regionalen Köstlichkeiten und Prosecco: Etliche Male fahren wir zwischen Tal- und Bergstation hin und her, bis einfach nichts mehr in unsere Mägen passen will.

Als wir auf der Heiterwanger Hochalm aussteigen, sind wir erst mal sprachlos: Was für ein Alpenpanorama! Der Blick geht weit über Berge und in Täler, in denen kleine Dörfer in der Sonne glitzern. In der Ferne bimmeln Kuhglocken, die Luft ist frisch und klar. Nur der Nachwuchs lässt sich ungern von solchen Sentimentalitäten aufhalten. Der Zehnjährige will endlich ins Tal düsen - mit dem Bergroller.

Das Gefährt hat viel größere Räder als ein herkömmlicher Roller, die Trittfläche ist dafür kürzer und breiter. Es gibt zwei Bremsen, aber keine Klingel. Wir setzen die Helme auf und rollen los. Mir ist ein bisschen mulmig zumute, denn es geht ganz schön steil und kurvig bergab. Aber mit der Zeit haben wir uns eingegroovt. Während der zehn Kilometer langen Abfahrt heizen wir vorbei an glasklaren Gebirgsbächen, durch Wald und über Kuhweiden - mal auf Schotterpisten, mal auf asphaltierten Wegen. Mein Sohn ist selig und würde am liebsten gleich noch einmal die Abfahrt nehmen. Aber der Berg ruft.

Wir wollen einen Klettersteig an einem Wasserfall absolvieren. Da wir das noch nie gemacht haben, erklärt uns Bergretterin Regina Poberschnigg zunächst die Grundlagen. Wir schlüpfen in Klettergurte und setzen Helme auf. Dann hängen wir unsere beiden Karabinerhaken in das im Berg verankerte Drahtseil - und kraxeln los. Es ist heiß, wir kommen sofort ins Schwitzen. Je höher wir steigen, desto lauter rauscht der Wasserfall in unseren Ohren. An einer Stelle laufen wir - an den Felsen geschmiegt - hinter dem in die Tiefe stürzenden Nass entlang. Zeit zu duschen.

Die schwierigste Übung steht uns noch bevor: Wir müssen uns etwa zehn Meter in die Tiefe abseilen, Regina wird uns mit einem Seil sichern. Mein Sohn soll seine Füße - mit dem Rücken zum Abgrund - auf blaue Markierungen stellen und sich nach hinten fallenlassen. Pustekuchen. Die Angst ist so groß, dass er den Versuch abbricht.

Nun muss Mama ihren Mut beweisen. Am liebsten würde ich auch streiken, aber das wäre pädagogisch nicht wertvoll. Ich lasse mich nach hinten fallen und bin erleichtert, dass das Seil hält. Mit ausgestreckten Beinen tipple ich den Fels hinunter. Schneller geht es, als ich mich nach Reginas Tipp vom Stein abstoße, den Berg quasi hinunterhüpfe. Unten finde ich das Abseilen gar nicht mehr so schlimm. Nach etwas Bedenkzeit wagt mein Sohn einen zweiten Versuch und ist sichtlich stolz, dass er es geschafft und wieder festen Boden unter den Füßen hat.

Nun wartet der Höhepunkt des Tages. Wir wollen die Zugspitze erklimmen - nach so viel Anstrengung aber auf bequemem Wege. Wir steigen in Ehrwald in die moderne Tiroler Zugspitzbahn, die die 1725 Meter Höhenunterschied bis hinauf auf die Zugspitze in nur zehn Minuten überwindet. Wir setzen uns ganz vorn in die bodentief verglaste Panoramagondel - immer den Berg im Blick. Fast lautlos schweben wir los. Blaugrüne Seen grüßen von fern. Spitze und scharfe Granitkanten wechseln sich ab mit beängstigend tiefen Schluchten. Je höher wir kommen, umso mehr weiß-graue Flecken alten, verkarsteten Schnees sind zu sehen. Imposant wird es, wenn Bergwanderer ins Bild kommen, die den Gipfel zu Fuß erklimmen wollen. Wie winzige bunte Punkte wirken sie vor den gewaltig hohen Felswänden. Immer, wenn wir einen Haltemast passieren, schaukelt die Gondel bedrohlich nach vorn und hinten, kommentiert vom erschreckten Raunen der Passagiere.

Oben ist die Luft merklich dünner und kälter, wir müssen Jacken überziehen. Eine riesige Aussichtsplattform mit Restaurants, Museen und Messstationen überzieht den Gipfel. Hunderte Menschen wuseln herum, immer wieder ertönen Ausrufe des Entzückens, die Auslöser der Kameras klicken im Sekundentakt. Die Aussicht ist - man kann es nicht anders sagen - fantastisch, nur leider ist es etwas diesig: Auf österreichischer Seite reiht sich Berggipfel an Berggipfel, wie eine Armee grauer Riesen. Bei klarem Wetter soll man einen Vier-Länder-Fernblick (Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien) in die Welt der Zwei- und Dreitausender der Ostalpen genießen können. Der bleibt uns leider verwehrt: Den fast 4000 Meter hohen Großglockner etwa, Österreichs höchsten Berg, können wir nur erahnen. In Richtung Deutschland fällt vor allem der türkisfarbene Eibsee nahe Garmisch-Partenkirchen ins Auge - auch von hier oben einer der schönsten Seen in den Bayerischen Alpen.

Um den eigentlichen Gipfel der Zugspitze mit einer Höhe von exakt 2962,06 Metern zu erreichen, muss man eine kleine Pforte an der Ostseite des Plateaus durchschreiten. Die kurze Strecke zum Gipfelkreuz ist mit Stahlseilen und Eisensprossen gesichert. Wer hier entlangklettert, sollte schwindelfrei sein. Auch Geduld ist gefragt, denn ein Selfie am vergoldeten Gipfelkreuz ist begehrt. Entsprechend lang winden sich die Menschenschlangen am Ostgipfel des Bergmassivs.

An unserem letzten Tag wollen wir eigentlich unsere neu erworbenen Abseilkünste beim Canyoning beweisen. Doch es hat die ganze Nacht geregnet. Also wandern wir zum Seebensee, zwei Stunden von Ehrwald entfernt. Das Kind rollt mit den Augen, mault leise und setzt betont langsam seine Schritte. Doch spätestens, als wir am Ufer des Bergsees stehen, der Wolkenvorhang aufreißt und den Blick auf die Bergkulisse ringsum freigibt, huscht ein glückliches Lächeln über sein Gesicht. Wandern kann doch schön sein. Hoffentlich hält die Erkenntnis ein Weilchen.

Viele Wege führen zur Zugspitze

Von Deutschland

Zu Fuß: Die einfachste, aber mit 21 km auch längste Tour führt von Garmisch-Partenkirchen über die Partnachklamm, das Reintal und das Zugspitzplatt in etwa acht Stunden zum Zugspitzgipfel.

Mit der Seilbahn: Die 2017 eröffnete Seilbahn Zugspitze fährt ab der Talstation am Eibsee auf den Gipfel. Die Fahrt dauert 10 Minuten. Die verglasten Kabinen fassen 120 Personen. Erwachsene zahlen für Berg- und Talfahrt 58 €, Kinder (6-15) 32 €, Jugendliche (16-18) 43 €. Ermäßigungen für Familien/Alleinerziehende.

zugspitze.de

Von Österreich

Zu Fuß: Für Anfänger geeignet ist die Tour von Ehrwald über das Gatterl zum Zugspitzplatt und von dort weiter auf die Zugspitze. Dauer ab Talstation der Ehrwalder Almbahn ca. acht Stunden.

Mit der Seilbahn: Auf den Gipfel gelangt man von Ehrwald aus in 10 Minuten mit der Tiroler Zugspitzbahn. 100 Personen passen in die Panorama-Kabinen. Erwachsene zahlen für Berg- und Talfahrt 46,50€, Kinder (bis 15) 28 €, Kinder unter 6 J. fahren kostenlos. Es gibt Ermäßigungen für Familien/Alleinerziehende.

www.zugspitze.at

Für alle Jahreszeiten

Anreise: Von Chemnitz mit dem Auto rund 500 km. Mit dem Zug über Leipzig und München bis nach Ehrwald (mindestens zweimal umsteigen) in knapp acht Stunden.

Freizeitaktivitäten: Äußerst vielfältig, Angebote für alle Jahreszeiten, z. B. Wandern, Bergsteigen, Canyoning, Biken, Skifahren, Snowboarden, Rodeln.

Preisbeispiele: Bergrollerfahren Erwachsene 15,50 €/Kinder 12 €; Gondelfrühstück Almkopfbahn Bichlbach 35/19 €; Klettersteigkurs am Wasserfall 35 €/p.P.

Die Recherche wurde unterstützt von der Tiroler Zugspitz Arena.

www.zugspitzarena.com/de

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