Eine Stadt treibt's bunt

Im fränkischen Dinkelsbühl kann man das Mittelalter erleben, wie es wohl niemals gewesen ist. Vielleicht gilt der Ort gerade deshalb vielen als schönste Altstadt Deutschlands.

Schuld war eine Anzeige in der Zeitung. Die Stadt Dinkelsbühl wollte mal wieder den Tourismus ankurbeln und suchte Stadtführer. Besser gesagt: Stadtführer, die ihre Runde als Nachtwächter drehen. Keine schlechte Idee, dachte sich Richard Kirchner und antwortete auf die Annonce. Das war 1991. Seitdem schlüpft er regelmäßig in die historische Uniform, hängt sich das Horn um den Hals und wartet auf dem Marktplatz auf sein Gefolge. Ob nur ein verliebtes Pärchen erscheint oder 120 Leute, ist egal: "Durchführung garantiert", sagt Kirchner und zieht los - in der einen Hand eine Laterne, in der anderen die Hellebarde.Wer das erste Mal nach Dinkelsbühl kommt, reibt sich verwundert die Augen. Verwinkelte Gassen, schmale Gehsteige und bunte Fassaden mit handgemalter Beschriftung - man kommt sich vor wie in einer großen Puppenstube. Das Nachrichtenmagazin "Focus" kürte Dinkelsbühl zur schönsten Altstadt Deutschlands - aber wieso hat man sonst noch nie etwas von dem Ort gehört? Gute Frage. Und man wird sie sich immer wieder stellen, je länger man mit dem Nachtwächter unterwegs ist.

Richard Kirchner biegt in eine Nebengasse ab. Es ist das Brunnengässlein und so schmal, dass Gegenverkehr unvermeidlich zu einem Stau führen würde. Wohlgemerkt: Es ist von Fußgängern die Rede. Die räumliche Enge, bei der jeder dem Nachbarn ins Fenster schauen kann, sorge für ein ganz besonderes soziales Umfeld, erzählt der Stadtführer: "Die Leute wissen mehr über mich als ich selbst." Was freilich nicht jedermanns Sache ist. Dinkelsbühl leidet wie viele Kleinstädte unter dem Bevölkerungsschwund. Und wer nicht in die Ferne zieht, sucht sich zumindest ein Grundstück außerhalb der engen Stadtmauer. Trotzdem ist die Altstadt noch kein Museum und - anders als das nahe Rothenburg ob der Tauber - nicht nur eine Ansammlung von Souvenirläden und Bäckereien. Autos dürfen ungehindert die Stadttore passieren, und es gibt viele kleine Geschäfte und Gaststätten.Eine trägt den sonderbaren Namen "Weib's Brauhaus". Der Nachtwächter postiert sich vor dem Eingang, bläst ins Horn und ruft: "Hört, ihr Leute, lasst euch sagen ..." Augenblicke später geht die Tür auf, und eine Frau reicht ein Glas Bier. Richard Kirchner nimmt einen Schluck, dann reicht er das Glas in die Runde. Nebenbei erzählt er, dass die Wirtin Melanie Gehring das Brauen sogar studiert hat. Die Maisch- und Würzepfanne steht mitten im Gastraum, das Bier wird ungefiltert ins Glas gezapft. "Süffig und frisch", lautet das Urteil der Gäste.
Was sie nicht ahnen: Es wird nicht der letzte Schluck an diesem Abend sein. An jedem Gasthaus - und davon gibt es fast ein Dutzend entlang des Rundgangs - wiederholt sich die Szene: rufen, tuten, trinken. So will es die Tradition, und so gefällt es den Touristen. Auch die Gastwirte spielen mit - wenn sie ihren Laden nicht schon geschlossen haben wie das "Weiße Ross". Es gehört zu den ältesten Restaurants in ganz Bayern und ist auch als "Malerheim" und "Künstlerklause" bekannt: Ab 1888 kehrten hier regelmäßig Vertreter der Münchner Schule wie Hegenbart und Schmidt-Rottluff ein. "Wenn sie knapp bei Kasse waren, bezahlten sie mit ihren Bildern", erzählt Besitzer Joachim Neuhäuser anderntags. Das muss wohl häufiger passiert sein, ein Gemälde hängt sogar über der Eingangstür.

Die Begegnung von Malern und Dinkelsbühl war für beide Seiten ein Glücksfall. Die Künstler fanden in dem mittelalterlichen Stadtkern eine Fülle an Motiven, während die Stadt dank der Bilder plötzlich wieder an Aufmerksamkeit gewann. "Schließlich waren wir mal Reichsstadt", betont Kirchner. Eine der wichtigsten Pilger- und Handelsrouten führte einst mitten durch die Stadt. Deshalb auch die große Zahl von Wirtshäusern - mehr als 30 sollen es damals gewesen sein.Der Nachtwächter legt wieder einen Stopp ein, diesmal an der ehemaligen Ratsherrentrinkstube. Ein Schild erinnert daran, dass Gustav Adolf anno 1632 hier nächtigte. Für die einst so reiche Reichsstadt Dinkelsbühl war der Dreißigjährige Krieg ein Fiasko. "Die Bevölkerung schrumpfte um die Hälfte, die Stadt fiel in die Bedeutungslosigkeit", erzählt Kirchner. Obendrein tobte ein erbitterter Streit der Konfessionen. Weil es keine öffentliche Kanalisation gab, trugen sogenannte Abdecker die Fäkalien aus der Stadt. Bis Mitte der 1980er-Jahre hatte unmittelbar neben dem Rathaus der Schweinemarkt sein Domizil, der letzte Misthaufen verschwand im Jahre 2000.

Wie vieles hatte aber auch das sein Gutes: Weil das Geld für neue Häuser fehlte, blieben die alten einfach stehen. So darf sich Dinkelsbühl heute einer der authentischsten Altstädte rühmen. Die meisten Gebäude innerhalb der Stadtmauer sind Fachwerkhäuser - auch wenn man es ihnen nicht ansieht, da sie inzwischen verputzt sind. Ihren Charme verdanken sie den bonbonfarbenen Fassaden und den handgemalten Beschriftungen. "Gasthaus Lauer", "Trend-Shop", "Zentrum für Hautbehandlung" - alles in der gleichen altertümlichen Frakturschrift. "Ach, unser Altstadt-Picasso", sagt der Nachtwächter und verrät, dass der Grafiker Ulli Seidel, mittlerweile jenseits der 70, für die Beschriftung sorgt. Es heißt, vormittags findet man ihn meist im "Goldenen Hirschen". Und wenn er wieder Geld benötigt, sucht er sich ein Haus aus, das mal wieder frische Schrift nötig hat. Jeder Hausbesitzer tut übrigens gut daran, den Auftrag anzunehmen: Der Historische Verein und das Rathaus wachen streng darüber, dass das Dinkelsbühler Stadtbild bewahrt wird. Andernfalls droht schon mal ein ordentliches Bußgeld.

Zum Abschluss der Runde führt der Nachtwächter seine Gäste zum Wörnitzer Tor. Es ist einer von 18 Türmen entlang der Stadtmauer, die die gesamte Altstadt umringt. Noch einmal bläst er ins Horn und ruft seinen Spruch - immer wieder in einer neuen Variante. So hielten es auch die Nachtwächter zu früheren Zeiten. "Sie mussten die Turmwächter wachhalten, späten Zechern heimleuchten und die Leute wieder wecken: 2 Uhr die Bäcker, 3 Uhr die Metzger, 5 Uhr den Rest. Dann durften sie endlich selbst ins Bett."

Da hat es Richard Kirchner besser. Sein Dienst endet nach einer Stunde, und müde ist von seinen Erzählungen auch niemand geworden. Im Gegenteil. Viele Besucher können nun verstehen, warum Dinkelsbühl mit dem Titel "Schönste Altstadt Deutschlands" wirbt. Pardon, hier müsste noch die Quelle, nämlich "Focus", hin. Aber von mir aus dürfen die Touristiker auch die "Freie Presse" zitieren.

Die Kinderzeche

Jedes Jahr im Juli steht Dinkelsbühl kopf. Die Kinder haben schulfrei, die Stadt ist voller Menschen, vor den Toren hat der Rummel seine Zelte aufgeschlagen. Kinderzeche heißt das Fest, das bereits seit dem Dreißigjährigen Krieg gefeiert wird. Bevor es in die Ferien geht, bekommen die Schulkinder ein Gucke - eine Tüte mit Süßigkeiten - und die Lehrer Freibier.

Höhepunkte sind ein Festzug und ein Historienspiel, bei dem die Rettung der Stadt vor den schwedischen Truppen nachgestaltet wird: Das Türmerstöchterlein Lore soll durch ihren Liebreiz die Angreifer umgestimmt haben. Leider ist die Story zu schön, um wahr zu sein. Auch in Dinkelsbühl wurde geraubt und gebrandschatzt. Die Kinder-Lore ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. (sk)

Kostenloser Nachtwächterrundgang

Anfahrt: Mit dem Auto von Chemnitz rund 330 km. Achtung: Innerhalb der Altstadt max. eine Stunde parken.

Nachtwächter: Von November bis April jeweils freitags und sonnabends, von Mai bis Oktober täglich 21 Uhr - immer kostenlos.

Weihnachtsmarkt: bis 21. Dezember Mo-Fr 13-20 Uhr, Sa/So 11-20 Uhr.

Haus der Geschichte: tägl. geöffnet, Erw. 4 Euro, Kinder bis 16 J. 2 Euro.

Die Recherche wurde unterstützt von Franken Tourismus.

www.tourismus-dinkelsbuehl.de

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