Pilgern mit Anspruch

Der Camino Primitivo ist nicht nur der älteste aller Jakobswege, sondern auch einer der schönsten. Unterwegs in der wilden Bergwelt Asturiens.

Es soll um das Jahr 820 nach Christus passiert sein. Auf einem Hügel in der Nähe von Solovio im äußersten Nordwesten der Iberischen Halbinsel sah der Eremit Paio eines Nachts ein wundersames Leuchten. Aufgeregt berichtete er Bischof Teodomiro davon. Gemeinsam, heißt es in den Legenden, näherten sie sich dem Hügel und fanden im Wald von Libredón eine einfache Grabstätte mit den Gebeinen des Apostels Jakobus.

Bischof Teodomiro unterrichtete sofort Alfons II. von der Entdeckung. Der tiefgläubige König von Asturien brach von Oviedo aus auf, um das Apostelgrab zu besuchen. Am Fundort der Grabstätte befahl er, eine einfache Kirche zu bauen, auf deren Fundamenten später die heutige Kathedrale von Santiago de Compostela errichtet wurde. König Alfons war also der erste Jakobspilger der Geschichte. Der Weg, den er und seine Ritter durch die Berge Asturiens nahmen, ist somit der älteste aller Jakobswege - der sogenannte Camino Primitivo.

Zunehmend verlor der Weg durch die einsame Bergwelt jedoch an Bedeutung. Ab dem zehnten Jahrhundert wurde die Hauptstadt des Königreichs von Oviedo nach León verlegt. Zudem suchten die Pilger einfachere Wege durch ebeneres Gelände. So entstand schon bald der "Französische Weg" und wurde zur bevorzugten Route der Pilger. Auch im Jahr 2018 wanderte mehr als die Hälfte aller 327.378 Jakobspilger über diese Hauptstrecke. Den Camino Primitivo wählten nur knapp 15.000 Pilger.

"Genau das hat mich an diesem Weg gereizt. Ich hatte keine Lust auf Massenpilgern im Gänsemarsch und überfüllte Herbergen", sagt Eva Poenicke aus Köln. Dass der Camino Primitivo weniger überlaufen ist, hat natürlich seinen Grund: Auf einigen Etappen müssen teils bis zu 800 Höhenmeter bewältigt werden. Auch sind die Tagesmärsche mit bis zu 30 Kilometern recht lang, was diesen Jakobsweg zusammen mit dem nördlichen "Küstenweg" zu einem der anspruchsvollsten macht.

Über Schotterpisten und Waldwege geht es im ständigen Bergauf und Bergab voran. Blühende Wiesen wechseln sich mit dunklen Kastanien- und Eichenwäldern ab. Mittelalterliche Steinbrücken führen über glasklare Bäche. Gelegentlich liegt ein fruchtiger Geruch in der Luft.

Immer wieder kommt der Pilger in kleinen Ortschaften an romanischen Kirchen und Kapellen vorbei. Das imposante Kloster San Salvador in Cornellana veranschaulicht, welch große Bedeutung der Camino Primitivo für die Benediktiner hatte.

Es ist schon spät, als Eva Poenicke das mittelalterliche Bergdorf Salas erreicht. Die in einem Tal liegende Ortschaft ist ein echter Hingucker: Die Pfarrkirche und der Palast stammen aus dem 16. Jahrhundert, der Festungsturm sogar aus dem 14.Jahrhundert.

Auf dieser Etappe beginnt der Weg, seine ganze Schönheit zu entfalten - auch wenn die nahe gelegene Nationalstraße das Naturerlebnis zeitweise ein wenig trübt. Es geht durch dichte Laubwälder und über Almen. Bis zum Tagesziel Tineo sind es heute zwar nur 21 Kilometer. Doch die ersten sieben davon haben es in sich. Steil geht es serpentinenartig fast 400 Meter hinauf nach Bodenaya. Umso mehr freut man sich auf die Verschnaufpause in der dortigen Pilgerherberge, einem urigen Steinhaus mit Kamin, Aufenthaltsraum und vegetarischem Essen.

Genau diese Ruhe hat Elodi Icart gesucht. Die 26-jährige Französin aus Bayonne war zuvor drei Wochen auf dem Küstenweg unterwegs. In Villaviciosa entschied sie sich aber, nach Oviedo zum Camino Primitivo abzubiegen. "Eine gute Entscheidung", wie sie meint: "Der Küstenweg ist zwar auch wunderschön. Aber hier ist man noch mehr in der Natur und geht weniger auf Straßen. Außerdem ist hier alles sauberer, weil viel weniger Pilger unterwegs sind."

Am folgenden Tag steht die vielleicht schönste, aber auch härteste Etappe vor Eva und Elodi. 40 Kilometer sind es von Tineo bis Berducedo. Fast 1000 Höhenmeter sind zu bewältigen. Auf schmalen Feldwegen schlängelt sich der Camino Primitivo zunächst durch dichte Eichenwälder. Ab Borres wählen die beiden Wanderinnen aber die Variante über die Hospitales-Route. Der Weg führt extrem steil hinauf zur Bergkuppe, über die es bis zum 1146 Meter hohen Pass del Palo geht. Man hört nur Bienensummen und Vogelgezwitscher. Ansonsten Stille und traumhafte Panoramablicke auf unberührte Berglandschaften. Gelegentlich sieht man einen anderen Pilger in der Ferne.

Durch Pinienwälder geht es am Tag darauf von 1000 auf 250 Meter steil hinunter zum Stausee Río Navia. Auf dem Grund des Sees befinden sich die Ruinen von Salime. Die Einwohner wurden in den 1960er- Jahren nach Grandas umgesiedelt, das heute Grandas de Salime heißt.

Der nächste Tag geht wieder in die Beine - 28 Kilometer bis nach Fonsagrada. Bis Castro ist der Weg noch angenehm. Doch führt eine Schotterpiste steil hinauf zum 1100 Meter hohen Bergpass Alto del Acebo, der Grenze zwischen Asturien und Galicien.

In Galicien wandelt sich die Bergwelt Asturiens in eine grüne Hügellandschaft. Nach Tagen in menschenleeren Landschaften und Bergdörfern kommt einem die kleine Provinzhauptstadt Lugo riesig vor. Das in der Römerzeit gegründete Lugo gehört zu den schönsten Städten Spaniens. Die noch vollständig erhaltene Stadtmauer stammt aus dem zweiten Jahrhundert. Sie umschließt die gesamte historische Altstadt mit Kirchen, Kapellen, Stadtpalästen und verträumten Plätzen. Aus den Restaurants riecht es nach galicischen Pulpo-Kraken und mit Knoblauch gebratenen Jakobsmuscheln.

Schnell taucht der Pilger aber wieder in die einsame Natur ein. In verschlafenen Dörfern stehen Horreos, die für Asturien und Galicien typischen Maiskornspeicher. Immer wieder durchkreuzt der Weg hügelige Wiesenlandschaften und riesige Eukalyptuswälder, die in den heißen Sommermonaten derart intensiv duften, dass man das Gefühl hat, durch eine finnische Sauna nach dem Aufguss zu wandern.

Der Camino führt nun immer häufiger über asphaltierte Straßen. Man denkt schon: Jetzt ist es aus mit der Einsamkeit, mit dem Naturspektakel. Eigentlich möchte man dem Hirten Juan Manuel Garcia nicht glauben, wenn er von Wolfsrudeln erzählt, die in der Umgebung seine Schafe und Rinder reißen. Doch nur 20 Minuten später kreuzt plötzlich kurz hinter San Román eine Wölfin mit einem Welpen den Waldweg. Sie ist fast genauso erschrocken wie die Pilger.

Viel los scheint auf dem Camino Primitivo also wirklich nicht zu sein. Lange galt er als der unbekannteste aller Jakobswege. Natürlich ist er längst kein Geheimtipp mehr, 2015 wurde er in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen. Doch auf welchem anderen Jakobsweg trifft man heute noch auf Wölfe und Wildpferde?

In Melide, legendär für seine Pulpos, geht der Camino Primitivo schließlich in den "Französischen Weg" über. Der Schock ist enorm. Eine Pilgerherberge nach der anderen, Restaurants, Massagestudios für geplagte Pilgerbeine. Das Massenpilgern, vor dem Eva Poenicke fliehen wollte, beginnt. Natürlich ist Galiciens grüne Hügellandschaft noch immer ein Traum. Doch schon nach wenigen Stunden sehnt man sich zurück in die Einsamkeit der asturischen Berge. dpa

300 Kilometer...

Anreise: Fluggesellschaften wie Iberia oder Air Europa fliegen von verschiedenen deutschen Flughäfen über Madrid nach Oviedo.

Strecke: Der Camino Primitivo führt je nach Variante rund 300 Kilometer von Oviedo durchs Kantabrische Gebirge nach Melide in Galicien, wo er in den "Französischen Weg" übergeht.

Reisezeit: Der Weg ist ganzjährig begehbar. Beste Reisezeit: April bis September.

Unterkünfte: Wanderer sollten sich vorher über Dörfer mit Herbergen und Hotels informieren. Nicht alle Ortschaften haben Übernachtungsmöglichkeiten.

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