Videoreportage: Wie der Strom nach Chemnitz kommt

Die Energie wird über Hochspannungsleitungen ins Umspannwerk Röhrsdorf übertragen oder direkt in der Stadt produziert - am meisten aus Kohle, aber das ändert sich gerade. Ein Ausflug zu den wichtigsten Orten der Energieversorgung von Chemnitz.


Strombedarf von Chemnitz liegt täglich bei 2,7 Gigawatt-Stunden

Chemnitz hat 245.500 Einwohner und mehr als 120 größere Industrie- und Baubetriebe. Es gibt eine Universität und viele Behörden. An einem Tag verbraucht die Stadt etwa 2,74 Gigawattstunden Strom (GWh), der Jahresverbrauch wird auf 1000 GWh geschätzt. 

Private Haushalte verbrauchen 44 Prozent des Stromes, gefolgt von dem Sektor Gewerbe, Handel, Dienstleistungen mit 22 Prozent und Industriebetrieben (20 Prozent) sowie öffentliche Gebäude (14 Prozent).

Ein großer Stromverbraucher ist die CVAG mit 16,6 GWh Strom pro Jahr. Für den Betrieb der Straßenbahnen und Gleisanlagen werden 14 GWh benötigt. Das sind mehr als 38.000 KWh pro Tag. "Der gesamte Strom der CVAG wird als sogenannter Ökostrom über einen Vertrag beim städtischen Energieversorger Eins bezogen", sagt Uwe Albert, stellvertretender Sprecher der CVAG.

Ein Teil des Stromes kommt über das Umspannwerk Röhrsdorf nach Chemnitz und wird über mehrere kleine Umspannwerke ins Stadtgebiet verteilt. Ein anderer Teil wird in der Stadt erzeugt - vor allem durch den Energieversorger Eins, der pro Jahr etwa 571 GWh Strom produziert.


Geschichte: Spitzenlast in Chemnitz gesunken

Bis zum Jahr 1989 stieg der Strombedarf in Chemnitz in der Spitzenlast auf bis zu 240 Megawatt (MW) in der Spitze an. Das änderte sich 1990. "Mit Einführung der D-Mark verloren viele Betriebe in der DDR schlagartig ihre Wettbewerbsfähigkeit. Massive Produktionseinschränkungen, Personalabbau und in der Folge zahlreiche Betriebsstilllegungen waren an der Tagesordnung", erklärt Astrid Eberius, Pressesprecherin des Chemnitzer Energieversorgers Eins.

Innerhalb eines Jahres sank der Elektroenergiebedarf in der Stadt durch die Wende um etwa ein Drittel und bewegt sich seitdem bis heute mit leichten, vor allem konjunkturbedingten Schwankungen in der Spitze auf einem Niveau um 160 MW. "Kleinere Zuwächse durch neu erschlossene Gewerbestandorte werden inzwischen durch die mit dem technologischen Fortschritt einhergehenden Energieeinsparungen kompensiert", erläutert Astrid Eberius.


Strom kommt über Röhrsdorf nach Chemnitz

Der Strom für die Region kommt über Hochspannungsleitungen im Umspannwerk Röhrsdorf an, das vom Netzbetreiber "50 Hertz" betrieben wird. Chemnitz-Röhrsdorf ist ein Knotenpunkt mit Leitungen aus dem Norden, aus Ostsachsen, Brandenburg, Thüringen und Tschechien. Insgesamt gehen zehn Leitungen rein und wieder raus. Im Mittel besteht der übertragene Strom bereits heute zu 60 Prozent aus erneuerbaren Energien. "Damit sind wir Spitzenreiter in Europa", sagt Uwe Granzow, Regionalleiter Ost bei "50 Hertz". Bis 2032 soll der Strom, der durch das Netz des Betreibers "50 Hertz" übertragen wird, zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen. Ein Großteil dieser sauberen Energie ist Windstrom aus der Uckermark in Brandenburg und aus Sachsen-Anhalt.


Neben den Transportaufgaben für das gesamte Stromnetz gibt es im Umspannwerk Röhrsdorf auch einen Netzeinspeisepunkt für das Chemnitzer Gebiet. Dafür werden mittels Transformatoren die 380 KV auf 110 KV heruntertransformiert. Die Verteilung in den Kommunen vor Ort übernimmt das Unternehmen Mitnetz Strom in einem Niederspannungsnetz.


Eins-Energie will weg von der Kohle

Der Chemnitzer Energieproduzent Eins ist mit Abstand der größte Energieproduzent in der Stadt. Im vergangenen Jahr produzierte das Unternehmen aus Kohle, Sonne und Wind 571 GWh Strom, das macht etwa 1,56 GWh täglich.

Das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 1,098 Mrd. Euro versorgt nach eigenen Angaben 400.000 Privat- und Geschäftskunden sowie mehr als 1000 Industriekunden mit Strom. Eins betreibt unter anderem ein Stromnetz mit 3000 Kilometer Länge, 9 Umspannwerke und 26.000 Hausanschlüsse.


Der größte Energieträger ist momentan Kohle mit 93,1 Prozent. Daraus werden am Standort in Furth 531 GWh Strom und zusätzlich Fernwärme gewonnen. Pro Tag werden dafür per Zug etwa 3000 Tonnen Braunkohle aus dem Mitteldeutschen Kohlerevier nach Chemnitz gefahren. Im Winter kommen in der Regel täglich zwei Züge und im Sommer ein Zug an.


Neue Technik senkt Schadstoff-Ausstoß

Durch die Kohleverbrennung werden pro Jahr etwa 1 Millionen Tonnen CO2 sowie 650 Tonnen Stickoxide (NOx) ausgestoßen. Zusätzlich entstehen im Heizkraftwerk in Furth bei der Verbrennung 50 Kilogramm Quecksilber jährlich. Um den Quecksilber-Ausstoß zu reduzieren, hat der Energieversorger im Jahr 2018 eine zusätzliche Anlage zur Reinigung des Rauchgases installiert. Die im August 2018 eingebauten Filter zur Rauchgasreinigung zeigen offenbar Wirkung. Nach Angaben von Eins wird der Quecksilberausstoß durch die Filter um 70 Prozent reduziert. Damit unterschreite der Versorger die Grenzwerte, die seit Januar 2019 gelten. Die Filter basieren auf einer Technologie, die für die Abscheidung von Schwefeldioxid sowie Quecksilber aus industriellen Abgasen sorgt.


Umstieg soll 600.000 Tonnen CO2 sparen

Von der Bedeutung bei den Energieträgern folgt laut aktuellen Zahlen bei Eins nach der Kohle (93,1 %) die Windenergie mit 21 GWh pro Jahr (3,7 %) und Solar mit 18,5 GWh (3,2 %). Gas wird laut Eins derzeit nur als Zünd- und Stützgas eingesetzt, deshalb erfolgt hierbei keine Erzeugungsaufzeichnung.

Trotz dieser aktuellen Bedeutung der Kohle will Eins in den kommenden Jahren seine Stromproduktion zu einem Großteil auf Gas umstellen und langfristig die Kohle ersetzen. Dafür sollen mehrere Motorenheizkraftwerke errichtet werden. Mit dem Umstieg sollen 600.000 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden - das ist in etwa so viel, wie 260.000 Pkw ausstoßen.


Strom aus erneuerbaren Energien

Im gesamten Stadtgebiet von Chemnitz stehen laut Eins derzeit 1181 Anlagen für Erneuerbare Energie, davon 7 für Windenergie, 3 für Biomasse und 1169 Solaranlagen sowie eine für Wasser und zwei für Deponiegas.

Im Jahr 2019 wurden nach Angaben des Chemnitzer Rathauses etwa 90 GWh regenerativer Strom im Stadtgebiet erzeugt. Das wären etwa 9 Prozent des Stromverbrauches in der Stadt. "Hauptsächlich handelt es sich um Solarstrom, ergänzt durch Wind sowie die Nutzung von Biomasse, Klärgas, Deponiegas und eine geringe Menge Wasserkraft", sagt eine Sprecherin.

Sieht man nur die Stadt Chemnitz, wäre die produzierte Leistung durch EEG-Anlagen also eher gering, noch immer dominiert der Kohle-Anteil. Sachsenweit liegt der Endverbraucherabsatz erneuerbarer Energien bei Mitnetz Strom bei rund 45 Prozent.


Der mit den Windrädern in Rabenstein erzeugte Strom wird zum Umspannwerk Röhrsdorf übertragen und von dort - je nach Bedarf - beispielsweise in den Ortschaften Röhrsdorf, Euba und Grüna weiterverteilt.


Strom wird in Leipzig gehandelt

Viele Stromproduzenten und Versorger kaufen und verkaufen ihren Strom über die Europäische Energiebörse EEX in Leipzig. Die EEX ist Teil einer internationalen Börsengruppe, die weltweit Märkte für Energie und Rohstoffprodukte betreibt und mehr als 750 Handelsteilnehmer aus 40 Ländern verbindet.

An der EEX selbst sind mehr als 400 Handelsteilnehmer zugelassen, davon 90 Handelsteilnehmer aus Deutschland. Größere Akteure aus Ostdeutschland sind unter anderem Eins Energie in Sachsen, die Drewag - Stadtwerke Dresden, die Enso Energie Sachsen Ost und die Stadtwerke Leipzig.


Wie der Handel funktioniert

Allgemein gibt es im Großhandel für Strom zwei Marktsegmente: Spot- und Terminmarkt. Der Spotmarkt wird genutzt, um Strom kurzfristig für den aktuellen und folgenden Tag zu handeln. "Am Spotmarkt kann die Lieferung kurzfristig optimiert werden, also zum Beispiel überschüssige Mengen verkauft oder eine Unterversorgung abgedeckt werden", erklärt eine Sprecherin der EEX. Am Terminmarkt hingegen sichern sich die Handelsteilnehmer langfristig gegen Preisänderungsrisiken ab.

Die Teilnehmer geben ihre Kauf- oder Verkaufsgebote direkt in das elektronische Handelssystem ein. "An der Börse bleiben Käufer und Verkäufer anonym, um eine Gleichbehandlung aller Handelsteilnehmer sicherzustellen", erklärt die Sprecherin weiter. "Das Handelssystem führt dann zueinander passende Gebote automatisch zu einem Handelsgeschäft zusammen, der Preis wird also bestimmt durch Angebot und Nachfrage."


Hälfte des Stromes aus erneuerbaren Energien

Im Jahr 2020 wurden in Europa an den kurzfristigen Strom-Spotmärkten der EEX-Gruppe insgesamt 622 Terrawattstunden (TWh) Strom gehandelt. An den europäischen Stromterminmärkten der EEX wurde ein Volumen von 4736 TWh gehandelt.

Am deutschen Strom-Terminmarkt der EEX wurden im vergangenen Jahr 3006 TWh gehandelt, ein Plus von 16 Prozent gegenüber 2019. Zum Vergleich: Der Stromverbrauch von ganz Deutschland lag laut Bundesverband der Energie - und Wasserwirtschaft (BDEW) im Jahr 2020 bei 544 TWh Strom, im Jahr 2019 waren es noch 511 TWh.

Der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland ist auf ein Rekordhoch gestiegen. Im Jahr 2020 stammten 46 Prozent des verbrauchten Stromes aus erneuerbaren Energien.

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