FC Erzgebirge Aue: Das Veilchen-Experiment

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Beim FC Erzgebirge Aue soll ein junger Trainer mit einer verjüngten Mannschaft und einer neuen Art des Fußballs an die Erfolge der vergangenen Jahre anknüpfen. Geht das gut?

Aue.

Zufrieden sein darf ein Erzgebirger nicht. Zufriedenheit bringt Stillstand, Stillstand bedeutet Rückschritt. Das würde Helge Leonhardt, Präsident des FC Erzgebirge, wohl genauso unterschreiben. Und so ist der Veilchen-Boss auch nach dem fünften Zweitliga-Klassenerhalt in Folge, dabei dem zweiten absolut souveränen, alles außer zufrieden. Der Trainer musste gehen, ein Teil der Leistungsträger im System von Dirk Schuster auch.

Tatsächlich war der Fußball im letzten Jahr im gähnend leeren Stadion nicht immer schön, aber er war zweckmäßig - und eben erfolgreich. Durchaus eine Last, die sich die Vereinsführung des FCE mit diesen Rochaden aufgebürdet hat, eine Hypothek, die sie dem neuen jungen Chefcoach mit auf den Weg gibt. Aleksey Sphilevski, gerademal 33 Jahre alt, ein Mann ohne Erfahrung als Bundesligatrainer, kam mit der Empfehlung eines Meistertitels in Kasachstan und der Vita, den aggressiven Red-Bull-Fußball als Jugendcoach in Leipzig inhaliert zu haben. Nun soll dieser laufintensive Stil in Aue funktionieren. Hinten sollen die Abwehr und die Null stehen, vorn der Kontrahent beeindruckt, genervt, zu Fehlern schon im Aufbau gezwungen werden. Bei einem Ballgewinn ist der Weg zum gegnerischen Tor dann kurz, aus Chancen können Treffer werden.

Wenn die Angreifer das hinbekommen. Als Sphilevski ins Lößnitztal kam, waren Florian Krüger und Pascal Testroet noch beim FCE unter Vertrag. Nun ist das torgefährliche Tandem, das sich viel Respekt im Land erarbeitet hat, verkauft. Krüger (21 Tore und 21 Vorlagen in drei Jahren in Auer Diensten) für eine Million Euro nach Bielefeld, Testroet (37 Tore und 19 Vorlagen im gleichen Zeitraum) für einen Bruchteil davon nach Sandhausen - ausgerechnet an einen vermeintlichen Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg. Ein Transfer, der für Kopfschütteln bei so manchem Fan gesorgt hat, auch wenn der durch die Auswirkungen der Coronakrise finanziell angeschlagene FCE damit ein zweites dickes Stürmergehalt spart. Ein neuer Stürmer - der muss, der wird noch kommen - ist aber auch nicht gratis zu bekommen.

Es ist ein Experiment. Sechs der bisher sieben Neuzugänge kommen aus unteren bzw. im Vergleich zur deutsche als schwächer einzustufenden ausländischen Spitzenligen. Alle sieben Neuen sind Anfang 20, Omar Sijaric sogar erst 19. Hoffnungen ruhen vor allem auf Nicolas Kühn. Der 21-Jährige, der nach seiner Ausbildung im Nachwuchs von RB Leipzig und Ajax Amsterdam jetzt von der Reserve des FC Bayern nach Aue gekommen ist, wusste in den Testpartien mit Übersicht, Tempo und Dribbelkünsten schon zu gefallen.

Die Hauptlast des Spiels wird aber wahrscheinlich auf den etablierten Profis liegen: Torwart Martin Männel in seiner nun 14. Veilchen-Saison, Florian Ballas und Sören Gonther im Abwehrzentrum, Clemens Fandrich und Philipp Riese in der Schaltzentrale, Patrick Strauß auf der rechten Seite, Ben Zolinski und wohl auch der unverwüstliche Dimitrij Nazarov in der Offensive.

Dass wieder ein dickes Brett zu bohren ist, die Saison womöglich ungleich härter als die vergangene zu werden droht, ist allen Beteiligten klar. Die vielen Gegner mit großen Namen machen den Fußball im vorerst zur Hälfte, demnächst hoffentlich bald wieder komplett gefüllten Stadion attraktiv, das Punktehamstern vereinfachen sie kaum. Stolze 24 seiner am Ende 44 Zähler sammelte der FCE in der abgelaufenen Spielzeit gegen die vier Letzten der Tabelle ein. Von denen sind drei nicht mehr dabei. Dafür geht es nun gegen Hansa Rostock, Dynamo Dresden und den FC Ingolstadt. Und selbst gegen die Aufsteiger Bochum und Fürth haben die Auer vier Pünktchen ergattert. Ob das auch gegen Schalke und Bremen drin ist? Vielleicht sind es aber genau diese Fragen, die helfen, am Ende wieder über dem Strich zu landen. Unterschätzt werden die Veilchen schon fast traditionell von Nord bis Süd und West bis Ganz-Ost in der Fußballrepublik. Überheblichkeit ist selten von Vorteil. Genau wie im Erzgebirge die Zufriedenheit.

Aufgebot des FC Erzgebirge Aue 

Tor

  • 1 Martin Männel 16.03.1988
  • 34 Tim Kips 01.11.2000
  • 25 Philipp Klewin 30.09.1993

Abwehr

  • 6 Florian Ballas 08.01.1993
  • 23 Anthony Barylla 01.06.1997
  • 2 Gaetan Bussmann 02.02.1991
  • 21 Malcolm Cacutalua15.11.1994
  • 3 Dirk Carlson 01.04.1998
  • 40 Ramzi Ferjani 11.04.2001
  • 26 Sören Gonther 15.12.198622
  • Niklas Jeck 18.09.2001
  • 12 Franco Schädlich 16.04.2004

Mittelfeld

  • 8 Tom Baumgart 12.11.1997
  • 5 Clemens Fandrich 10.01.1991
  • 33 Ognjen Gnjatic 16.10.1991
  • 20 Felix Hache 26.07.2003
  • 27 Sascha Härtel 09.03.1999
  • 7Jan Hochscheidt 04.10.1987
  • 9 Antonio Jonjic 02.08.1999
  • 13 Erik Majetschak 01.03.2000
  • 18 Soufiane Messeguem 05.02.2001
  • 15 Paul Nowack 18.06.2003
  • 17 Philipp Riese 12.11.1989
  • 19 Omar Sijaric 02.11.2001
  • 24 John-Patrick Strauß 28.01.1996

Sturm

  • 11 Nicolas Kühn 01.01.2000
  • 10 Dimitrij Nazarov 04.04.1990
  • 31 Ben Zolinski 03.05.1992
  • 14 Philipp Zulechner 12.04.1990

Zugänge

Anthony Barylla (1. FC Saarbrücken), Soufiane Messeguem (VfL Wolfsburg II), Ramzi Ferjani (FC Nitra/Slowakei), Nicolas Kühn (FC Bayern II), Omar Sijaric (Türkgücü München), Dirk Carlson (Karlsruher SC), Tim Kips (F91 Düdelingen/Luxemburg)

Abgänge

Florian Krüger (Arminia Bielefeld), Pascal Testroet (SV Sandhausen), Steve Breitkreuz (Jahn Regensburg), Calogero Rizzuto (Hansa Rostock), Louis Samson (Hallescher FC), Jean-Marie Plath (Union Fürstenwalde), Fabian Kalig, Kevin Harr (beide vereinslos)

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