Franzi Preuß kann wieder durchatmen

Eine Operation an den Nasennebenhöhlen hat die Karriere der Biathletin aus Bayern gerettet. Nach langer Leidenszeit kämpfte sich die 23-Jährige zum Start in die Olympiasaison zurück. Ihr Liebster und die Liebe zu ihrem Sport haben ihr dabei geholfen.

Östersund/Chemnitz.

"Ich bin erst mal froh, jetzt wieder dabei zu sein." Kaum zu glauben, welche Geschichte hinter diesem banalen Satz steckt. Biathletin Franziska Preuß sagte ihn nach ihrem Saisoneinstand am Sonntag beim Weltcup in Östersund, als sie mit Maren Hammerschmidt, Benedikt Doll und Arnd Peiffer in der Mixstaffel hinter Norwegen und Italien Dritte wurde. Die Freundin von Weltmeister Simon Schempp benötigte zwei Nachlader im ersten Wettkampf seit dem 15. Januar. Danach erlebte die 23-Jährige eine lange Leidenszeit, in der ihre Karriere am seidenen Faden hing.

Franziska Preuß verkörpert den Inbegriff des bayerischen "Maderls". Fröhlich und freundlich - so trat die "Ski-Franzi" auf. Durch einen Gutschein für das Programm "Biathlon erleben" in Fritz Fischers Trainingscamp, den sie von ihren Eltern geschenkt bekam, fand die frühere Leichtathletin zur Skijagd. Bis zu Olympia 2014 in Sotschi ging es stetig bergauf. Bei Olympia am Schwarzen Meer aber avancierte die damals erst 19-Jährige zum Sinnbild der enttäuschenden deutschen Biathlon-Mannschaft, die ohne Medaille heimkehrte. Franzi Preuß stürzte in der Staffel als Startläuferin und bekam so viel Schnee ins Visier, dass sie am Schießstand fast verzweifelte, aussichtslos zurückfiel und vor den TV-Kameras in Tränen ausbrach.

Doch Preuß und das deutsche Damenteam zogen sich wieder raus aus der Krise, wobei in erster Linie Laura Dahlmeier, die fünffache Weltmeisterin von Hochfilzen im Vorwinter, für die Auferstehung sorgte. Bundestrainer Gerald Hönig weiß das auch: "Das war ein bisschen einseitig. Die WM-Einzelmedaillen hat Laura alleine gedeckelt. Nur Karolin Horchler ist in einem Weltcup noch aufs Podest gelaufen. Bei den Französinnen haben das fünf Frauen geschafft", sagt der Thüringer: "Daran müssen wir arbeiten."

Bei Franzi Preuß würden Podestplätze fast einem Wunder gleichen. Als ihre Teamgefährtinnen im Februar Staffelweltmeister wurden, litt sie nicht nur wegen ihrer Abwesenheit. Nach gutem Saisonstart in Östersund (Platz vier) warfen sie Infekte immer wieder aus dem Rennen. Die Weltcups in Oberhof, Pokljuka und Antholz musste sie absagen. Mal war der Magen-Darm-Trakt außer Takt, mal hing das Übel in der Nase drin. Der Rachen war oft belegt, Mandeln oder Kehlkopf entzündet. Nach Ruhpolding bekam sie Fieber und das Herz spielte sogar mal verrückt. Zehn Tage gab sich Franzi Preuß noch Zeit, denn die WM-Fahrkarte hatte sie ja bereits gelöst: "Doch als es nicht besser wurde, habe ich gemerkt: Oh - i kann nimmer. Jetzt ist Ende Gelände", erinnert sich Preuß: "Das Schlimme war, ich habe nie gewusst, an was es lag."

Es folgte eine Odyssee bei zahlreichen Ärzten auf der Suche nach den Gründen für die Anfälligkeit. Ein Herz-MRT ergab keinen Befund. Die Schlappheit und das Ungewisse, wie es mit ihrer Leidenschaft weitergeht, nagten an ihren Nerven. "Ich war ein Wrack, wollte alles hinschmeißen. Ich habe gedacht, lieber etwas zu machen, was vielleicht nicht so viel Spaß macht, aber wo es einem nie wieder so schlecht geht", schildert sie mit zittriger Stimme: "Es gab Zeiten, da war es schon ein guter Tag, wenn ich mal mit der Mama zum Einkaufen fahren konnte."

Erst als das Übel lokalisiert war und eine fünfstündige Operation der Nasennebenhöhlen Linderung brachte, konnte Preuß im wahrsten Sinne des Wortes wieder durch- atmen. Bei der OP wurden "eine Zyste entfernt und die Kanäle ausgeräumt", wie Preuß im September bei den Deutschen Meisterschaften in Ruhpolding schon wieder mit einem Lächeln erzählte. Hinter ihr lagen Monate des Bangens, ob die Rückkehr in den Trainingsalltag gelingen könnte: "Als ich im April zunächst mit einer halben Stunde joggen angefangen habe, musste ich erst wieder Vertrauen in meinen Körper finden. Im Mai konnte ich das Pensum erhöhen. Die ersten Wochen waren megahart, da bin ich jeden Abend klinisch tot gewesen. Aber ich konnte wieder das tun, was mir am meisten Freude bereitet: Biathlon", beschreibt Franzi Preuß die Zeit nach drei Monaten Zwangspause ohne sportliche Betätigung.

Doch sie hat die Rückkehr geschafft, auch mit Unterstützung ihres Freundes Simon Schempp, den mitunter auch gesundheitliche Probleme schwächen. In Hochfilzen aber gelang dem Schwaben mit seinem ersten Einzelgold bei einem Großereignis der Befreiungsschlag. An solch hohe Ziele mag Franzi Preuß im Olympiawinter gar nicht denken. Sie will einfach nur gesund bleiben. Dass sie vor ihrem ersten Start in Östersund reichlich nervös wirkte, versteht sich. Schon bei den nationalen Titelkämpfen auf Skirollern zeigte sich die Unruhe bei der missglückten Ausübung ihres Glücksrituals. Preuß hatte vor Aufregung nicht den Abzugsfinger mit ihrem Lieblingsnagellack verziert, sondern jenen an der anderen Hand. Ein Malheur, über das die junge Skijägerin nach ihrer langen Leidenszeit herzlich lachen konnte.

Weltcup-Aufgebot, Damen: Maren Hammerschmidt (Winterberg), Denise Herrmann (Oberwiesenthal), Franzi Preuß (Haag), Vanessa Hinz (Schliersee), Franzi Hildebrand, Karolin Horchler; Herren: Arnd Peiffer (alle Clausthal-Zellerfeld), Benedikt Doll (Breitnau), Johannes Kühn (Reit im Winkl), Erik Lesser (Frankenhain), Philipp Nawrath (Nesselwang), Simon Schempp (Uhingen).

Herrmann erhält Chance

Die Erzgebirgerin Denise Herrmann bekommt zum Weltcupauftakt ihrer zweiten Saison im Biathlon eine Startchance in der 1. Liga. Die 28-Jährige vom WSC Oberwiesenthal empfahl sich mit ihrem Sieg beim IBU-Cup (2. Liga). "Ausschlaggebend waren auch ihre guten Leistungen in den letzten Wochen", erklärte Bundestrainer Gerald Hönig. Langlauf-Umsteigerin Herrmann holte im September drei Meistertitel auf Skirollern.

 

Herren-Bundestrainer Mark Kirchner sucht für Olympia neben seinen vier Weltmeistern Arnd Peiffer, Erik Lesser, Benedikt Doll und Simon Schempp den fünften Mann für den Fall der Fälle. Mit Roman Rees, David Zobel und Johannes Kühn bereiteten sich drei hoffnungsvolle junge Skijäger innerhalb des Nationalteams vor.

 

Zum Auftakt in Östersund haben sich mit Kühn und dem ehemaligen Junioren-Weltmeister Philipp Nawrath (24) aus Nesselwang die Punktbesten aus dem IBU-Cup für eine Bewährungschance im Weltcup empfohlen.

 

Laura Dahlmeier soll ihre Erkältung auskurieren und beim zweiten Weltcup in Hochfilzen, wo sie im Vorwinter fünf WM-Goldmedaillen gewann, in die Saison einsteigen. Im Sommer hat sich die Hobby-Bergsteigerin ihrer Leidenschaft gewidmet und ist in Peru auf die Gipfel geklettert.

 

Den Aufenthalt in Südkorea haben die deutschen Skijäger schon sorgfältig geplant. Die Athleten werden im Olympischen Dorf essen und wohnen. Ein Wachstruck wird in Pyeongchang nicht zur Verfügung stehen.

 

Schnellschütze Erik Lesser plant über die Olympiasaison hinaus. Das Ehrenmitglied des FC Erzgebirge Aue will aber abwarten, wie es im Winter läuft. "Wenn ich weiter konkurrenzfähig bin, höre ich noch nicht auf", sagte der 29 Jahre alte Verfolgungs-Weltmeister von 2015.

 

Oberhof rüstet sich für den Weltcup (Sprint, Verfolger, Staffel) vom 4. bis 7. Januar 2018. Das Schneedepot direkt neben der Skihalle ist gefüllt. Der Ticketverkauf ist super angelaufen, die Wettbewerbe am Wochenende im Arenabereich sind fast ausverkauft. Die Investitionen in die Infrastruktur werden fortgesetzt. Im Zuge der Bewerbung für die Biathlon-WM 2023 sollen 20 Millionen Euro in den Standort am Grenzadler fließen.

 

Zeitplan Östersund Mittwoch, 17:15 Uhr: Einzel, Damen, 15 km; Donnerstag, 17:15 Uhr: Herren, 20 km; Freitag, 17:45 Uhr: Sprint, Damen, 7,5 km, Samstag, 14:45 Uhr: Herren, 10 km; Sonntag, 13:15 Uhr: Verfolger, Damen, 10 km, 15:15 Uhr: Herren, 12,5 km. (live Eurosport und ZDF). (tp)

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