Sachsen und die Russen

Nicht selten kreuzten sich die Wege russischer beziehungsweise sowjetischer Fußballer mit Kickern aus der Region. Dabei wurde so mancher Sachse zum Helden.

Vogels Zauberecke (1964): In der Olympiaqualifikation traf die DDR-Auswahl gleich dreimal hintereinander auf das Team der UdSSR. Nach zwei Begegnungen in Leipzig und Moskau, die jeweils 1:1 endeten, kam es in Warschau zu einem Entscheidungsspiel. Bei der 4:1-Gala mit Bilderbuchtoren sorgte der 21-jährige Karl-Marx-Städter Eberhard Vogel für das größte Spektakel. Beim Stand von 2:1 schlug der Linksaußen den Eckball von links mit viel Effet direkt aufs und ins Tor. Damit überraschte der Jungspund nicht nur seine Mitspieler, sondern vor allem Keeper Lissizyn. "Die Russen waren so verärgert, dass der Spielball dran glauben musste", erinnert sich der Kunstschütze. "Lissizyn selbst rammte den Ball gegen einen Haken am Torpfosten, wo früher noch die Netze aufgehängt waren. Danach rannte der total frustrierte Keeper mit dem kaputten Ball zum Schiedsrichter. Doch der dachte nicht daran, das Tor zu annullieren." "Matz" Vogel hat den ramponierten Ball noch heute in seinem Trophäenschrank, gleich neben der olympische Bronzemedaille von Tokio 1964.

 

Großes Lob für Kapitän Erler (1966): "Unser Spiel des Jahres", titelte das Fachblatt "Fußballwoche". Es war keine Qualifikationsbegegnung, sondern "nur" ein Freundschaftsspiel. Die DDR-Mannschaft, vom Ungarn Karoly Soos spielerisch sichtlich vorangebracht, war 1966 in bis dahin fünf Länderspielen ungeschlagen. Diese tolle Serie mit Erfolgen über Chile (5:2) und Schweden (4:1) sollte nun auch beim WM-Vierten Sowjetunion nicht reißen. Der überragende Dieter Erler und sein Team bestätigten schließlich auch beim 2:2 in Moskau die Superform von 1966. Auswahltrainer Soos lobte später vor allem seinen Kapitän: "Mitte der sechziger Jahre gab es nicht viele Spieler in Europa, die besser waren als Erler." Und die "Fußballwoche" schwärmte: "Erler war in seinem 40. Länderspiel der beste Mann auf dem Platz." Auch der sowjetische Kapitän, Torwartlegende Lew Jaschin, gratulierte dem Karl-Marx-Städter.

 

Croy lässt Blochin verzweifeln (1976): "Jürgen Croy würde sich in jeder Mannschaft der Welt behaupten", war sich Auswahltrainer Georg Buschner nicht erst mit dem Olympiaturnier von Montreal 1976 sicher. Einen weiteren Beweis dafür hatte der Zwickauer Weltklassekeeper im olympischen Halbfinale erbracht. Da galt es den sprintschnellen Superstar Oleg Blochin auszuschalten. Das gelang dem ebenfalls enorm schnellen Rostocker Gerd Kische ganz gut. Doch ganz ausbremsen konnte man einen Blochin nicht. "Jetzt mußte Croy seine Extraklasse beweisen", kommentierte die "Fußballwoche": "Ohne Croys glanzvolle Paraden hätten wir nicht solange das 0:0 halten können." Die späten Tore zum 1:0 und 2:0 durch Dörner und Kurbjuweit kamen zum richtigen Zeitpunkt. Mehr als den Anschluss durch Kolotow ließ das DDR-Team nicht zu. Wie beim 2:1- Halbfinalerfolg war Jürgen Croy auch beim 3:1-Finalsieg gegen Polen zu einer prägenden Figur auf dem Weg zu Gold geworden.

 

Steinmann & Co. schockieren den Großen Bruder (1989): Wenn die DDR-Mannschaft unter dem neuen Trainer-Duo Eduard Geyer/ Eberhard Vogel in der WM-Qualifikationsgruppe 3 aus eigener Kraft das WM-Ticket für Italien lösen wollte, dann musste in diesem stürmischen Herbst in Karl-Marx-Stadt gegen die Elf des Vizeeuropameisters Sowjetunion ein Sieg her. Die junge DDR-Mannschaft ließ sich auch durch das 0:1 nicht irritieren, sondern kippte das Match durch Treffer von Andreas Thom und Matthias Sammer binnen dreier Minuten. Der Jüngste in der Mannschaft, der 21-jährige Rico Steinmann vom FCK, gehörte zu den besten Akteuren. Das Medienlob war überragend: "Steinmann zeigte seine ganze Klasse, suchte erfolgreich den Doppelpass mit Sammer oder Kirsten". Der DDR-Mannschaft hätte im folgenden letzten Qualifikationsspiel im Wiener Prater damit schon ein Remis gereicht, um zur WM 1990 fahren zu dürfen. Doch ein Dreierpack von Toni Polster ließ den Traum von Bella Italia am 15. November 1989, nur sechs Tage nach dem Fall der Mauer, platzen.

 

Ballacks Moskauer Nächte (2009): Wer hat nicht noch das Bild in Erinnerung, als am 21. Mai 2008 kurz vor Mitternacht ein weinender Michael Ballack auf dem Rasen des Luschniki-Stadions zu Boden fiel. Der frühere Chemnitzer hatte mit seinem Verein FC Chelsea London das Champions-League-Finale gegen Manchester United verloren, weil Chelsea-Verteidiger John Terry im Elfmeterschießen bei seinem Versuch mit dem Standbein weggerutscht war. Über ein Jahr später, im Oktober 2009, kehrte Ballack nach Moskau zurück. Diesmal brachte die Nacht an der Moskwa für den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft einen Triumph: Der Schwarzschopf führte sein Team mit dem 1:0-Erfolg zur WM 2010 nach Südafrika. Ballacks persönliche Tragik: Im Vorfeld des Turniers verletzte er sich schwer. Moskau brachte dem Vizeweltmeister von 2002 also nur vorübergehend Glück.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...