Im Trubel geht der Matchwinner unter

Der 4:3-Sieg des FC Erzgebirge Aue gegen den 1. FC Nürnberg dürfte den Fans lange in Erinnerung bleiben. Dass die Partie gegen den Aufstiegskandidaten der 2. Bundesliga überhaupt turbulent wurde, war Jan Hochscheidt zu verdanken.

Aue.

Dieser nasskalte Freitagabend im Erzgebirgsstadion schrieb viele Geschichten. Da war zum Beispiel Martin Männel. Der Torhüter des FC Erzgebirge Aue rettete in der neunten Minute der Nachspielzeit mit einem parierten Elfmeter den 4:3-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg. Oder Florian Krüger: Der FCE-Stürmer hatte zuletzt meist auf der Bank gesessen, wurde gegen die Franken spät eingewechselt und erzielte den entscheidenden Treffer. Marko Mihojevic machte sein erstes Tor für die Erzgebirger. Außerdem gelang Dimitrij Nazarov mit seinem elften verwandelten Elfmeter ein neuer Bestwert in der Auer Zweitligageschichte.

Gesprächsthema Nummer eins war dennoch der Videobeweis. "Was da am Ende los war! Der Schiedsrichter stand mehr neben dem Platz als ein Auswechselspieler und hat sich die ganzen Szenen auf dem Fernseher angeguckt", sagte Nazarov. Ob am Ende alles richtig entschieden wurde, bezweifelten die unterlegenen Gäste. Sowohl bei Krügers als auch bei Mihojevics Treffer wähnten die Franken den Torschützen im Abseits, vertrauten offensichtlich nicht den kalibrierten Linien, die den Videoassistenten im Kölner Keller zur Verfügung stehen.

Dieser Trubel kostete dem eigentlichen Mann des Abends die Anerkennung, die er verdient gehabt hätte. Jan Hochscheidt war nüchtern betrachtet der maßgebliche Auer Matchwinner. Der 32-Jährige brachte die lange Zeit klar unterlegenen Veilchen erst richtig in die Partie, in dem er beim Stand von 0:1 mit einer überragenden Einzelaktion für einen Handelfmeter und den Platzverweis sorgte. Die Rote Karte für Nürnbergs Verteidiger Asgar Sörensen veränderte die Kräfteverhältnisse komplett. Außerdem schoss Hochscheidt das Tor zum zwischenzeitlichen 2:1 und bereitete das 3:2 vor.

"Du kommst aus der Länderspielpause, hast davor gut gepunktet. Wir wollten uns das nicht mit dem eigenen Hintern wieder alles einreißen. Wir wollten das Ding einfach nicht verlieren - speziell nicht an so einem Freitagabend vor so einer Kulisse", erklärte Hochscheidt. "Unsere Fans werden ein schönes Wochenende haben." 14.000 Zuschauer sahen die denkwürdige Partie im Erzgebirgsstadion, die selbst für einen Profi mit 249 Einsätzen in der ersten und zweiten Liga ein Novum war. "Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas schon einmal live miterlebt zu haben. Tolle Aufholjagden und Riesensiege waren bereits dabei - aber so etwas nicht", sagte Hochscheidt.

Für seinen Trainer allerdings war die Dramatik nicht ganz neu. "Ich erinnere mich an das Relegationsspiel mit Darmstadt gegen Arminia Bielefeld", meinte Dirk Schuster. "Da köpft Bielefeld in der Nachspielzeit an den Pfosten und ich hätte fast einen Kabelbrand im Herzschrittmacher bekommen. Das war so ähnlich wie heute. Für Neutrale schön anzuschauen - wenn man für eins der Teams ist, hat man in der letzten halbe Stunde viel gelitten."

Beide Herzschlag-Schlussphasen endeten für Schuster mit einem glücklichen Ende: vor fünfeinhalb Jahren mit dem Darmstädter Aufstieg in die 2. Bundesliga, am Freitag mit drei Punkten gegen einen Aufstiegsaspiranten. Dank des Erfolgs ist der FC Erzgebirge diese Saison zu Hause weiterhin ungeschlagen, ließ im Lößnitztal nur beim 1:1 gegen Stuttgart Punkte liegen. Insgesamt kommen die Auer auf 18 Zähler, sind Tabellenvierter.

Hochscheidt hat an dieser komfortablen Lage entscheidenden Anteil. Drei Tore erzielte der Blondschopf in zehn Punktspielen, bereitete zwei Treffer vor. In der ersten Runde des DFB-Pokal glänzte er mit einem Tor und einer Vorlage. Dass er nach dem Trainerwechsel die Position wechselte, tat seinem konstanten Leistungshoch keinen Abbruch. Setzte ihn Ex-Coach Daniel Meyer als klassischen Zehner im Zentrum des Mittelfelds ein, agiert er in Schusters 4-2-3-1-System auf dem linken Flügel. Der Routinier gehört nicht mehr zu den Schnellsten seiner Zunft, ist aber mit seiner Mischung aus Routine, Technik, Spielverständnis und Schlitzohrigkeit für die Erzgebirger unersetzlich. Das wurde am Freitagabend einmal mehr offensichtlich. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, brauchte es keinen Videobeweis.

Kommentar: Problemfall Videobeweis

Dirk Schuster wollte sich nach dem 4:3 mit zahlreichen Überprüfungen und Eingriffen der Videoassistenten nicht mehr zum Thema äußern. Bereits vor zwei Wochen in Sandhausen hatte der Auer Trainer erklärt: "Es macht im Moment keinen Spaß, als Trainer an der Linie oder als Fan im Block zu stehen und immer eine Ewigkeit warten zu müssen, was passiert." Dass das ein Coach sagt, dessen Team zuletzt mehrfach vom Videobeweis profitierte, der das Hilfsmittel nicht grundsätzlich ablehnt, spricht Bände. Dass die Fans im Stadion zudem mit Stichwörtern auf der Videoleinwand abgespeist werden, ist ein unhaltbarer Zustand. Am Freitag mussten die Zuschauer nach Abpfiff erst eine Zusammenfassung im Fernsehen sehen, um entscheidende Szenen ansatzweise nachvollziehen zu können.

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