Julia, die Rodel-Revolution

Die Erzgebirgerin Julia Taubitz erzählt vor der Weltmeisterschaft in Winterberg, warum sie in dieser Saison so richtig durchstartet

Chemnitz.

Aus dem großen Talent ist eine Weltklasse-Rodlerin geworden. In diesem Winter hat Julia Taubitz mit zwei Weltcupsiegen den großen Durchbruch geschafft und zählt so nun auch bei der Weltmeisterschaft in Winterberg zu den Favoriten. Thomas Scholze sprach mit der 22 Jahre alten Annabergerin, die inzwischen in Oberhof trainiert, aber nach wie vor für den WSC Erzgebirge Oberwiesenthal startet.

Freie Presse: Das einstige Küken fährt jetzt Siege ein. Hat sich Ihr Leben verändert?

Julia Taubitz: Es gibt ein bisschen mehr mediales Interesse an meiner Person, aber ich bin dieselbe wie zuvor. Die Wettkämpfe machen mehr Freude, wenn man ab und zu gewinnt.

Was an Ihnen oder an Ihrem Schlitten ist jetzt so viel besser als noch vor einem Jahr?

Ich habe mich eigentlich Jahr für Jahr gesteigert. Aber der Wechsel nach Oberhof zur Trainingsgruppe von Jan Eichhorn hat schon noch einmal neue Reize gesetzt. Es stimmt, dass es einem Sportler guttut, wenn er auch mal andere Trainingstechniken ausprobiert. Ich bin athletisch stärker geworden, kann so am Start besser mithalten. Und mein neuer Schlitten passt auch sehr gut.

Wo kommt der her?

Den hat Robert Eschrich in Zusammenarbeit mit der FES gebaut. Es ist der erste Schlitten, bei dem die Verkleidung genau an meinen Körper angepasst ist. Zuvor hatte ich eine Verkleidung von Sylke Otto.

Die verpasste Olympiaqualifikation konnten Sie im vergangenen Winter schnell abhaken?

Im ersten Moment war ich natürlich enttäuscht, aber ich konnte meine Chancen auch immer ganz realistisch einschätzen. Und die waren - wenn man mit Natalie Geisenberger, Tatjana Hüfner und Dajana Eitberger drei Topathletinnen vor der Nase hat - gering. Komisch waren die Olympiatage selbst. Ich war in Pyeongchang vor Ort, stand als Zuschauer neben der Bahn, während die anderen rodelten. Da hatte ich ein bisschen zu knabbern.

Waren Sie überrascht, dass die genannten drei nach Olympia alle weitergemacht haben?

Ja, bei Natalie und Tatjana durchaus. Dass beide ihrer Karriere fortsetzen, hat mich überrascht. Aber ich finde das stark.

Gehen die drei jetzt mit Ihnen als scharfer Konkurrentin anders am als mit dem Talent, dem man helfen und Tipps geben muss?

Nein. Wir haben alle untereinander ein gutes Verhältnis, ich kann nach wie vor von den dreien lernen und profitieren. Das ist in den letzten Jahren insgesamt lockerer geworden. Es gibt das eine oder andere kleine Geheimnis bezüglich des Materials; was aber die Tücken der einzelnen Bahnen oder die Fahrlinie betrifft, tauschen wir uns aus und geben uns Tipps.

War Ihr alter Trainer Torsten Görlitzer traurig oder verärgert, als Sie ihm die Entscheidung zum Wechsel nach Thüringen mitgeteilt haben?

Sauer war er nicht, aber schon traurig. Alles andere wäre nach den vielen guten gemeinsamen Jahren auch seltsam gewesen. Ich hatte vor dem Saisonstart ein bisschen Bammel, wie das Wiedersehen nach einem halben Jahr Funkstille wird. Ich bin froh, dass es sehr angenehm war, wir uns nach wie vor prima verstehen. Aber ich bin ja nicht wegen des Trainings aus Oberwiesenthal weg, sondern hauptsächlich wegen meines Freundes Toni Eggert, der mit Sascha Benecken im Doppel rodelt, nach Oberhof gegangen. Dass es sportlich so sensationell gut läuft, war nicht vorherzusehen.

Neben Ihnen ist auch Ralf Palik nach der vergangenen Saison von Oberwiesenthal nach Oberhof gewechselt, inzwischen hat er seine Karriere beendet.

Als Bundestrainer Norbert Loch nach den letzten Qualifikationsrennen in versammelter Runde erklärt hat, dass Ralf einen Platz im Weltcupteam um einen Punkt verpasst hat und nun im B-Team starten solle, wusste ich sofort: Das war's. Das tut er sich nicht mehr an. Ich kenne Ralf sehr lange, er ist nicht nur ein Trainingspartner gewesen, sondern auch ein guter Freund geworden. Er fehlt mir. Aber ich glaube auch, dass es für ihn die richtige Entscheidung war, er sich jetzt ohne den ganzen Druck befreit und besser fühlt.

Toni und Sie wohnen jetzt gemeinsam in Oberhof?

Wir haben als Sportsoldaten in der Kaserne zwei Zimmer nebeneinander und eine gemeinsame Wohnung in Tonis Heimatort Ilsenburg im Harz. Und ich versuche, wenigstens ein- oder zweimal im Monat am Wochenende daheim bei meinen Eltern in Annaberg zu sein. Ich pendle sozusagen im Dreieck.

Sie profitieren auch von Tonis Wissen und Erfahrung als Rodler?

Natürlich. Er hat sich in den letzten Jahren sehr viel um mich und auch um meinen Schlitten gekümmert. Das haben wir jetzt aber sehr zurückgeschraubt, damit Toni nicht mehr diese Doppelbelastung hat. Diese Aufgaben teilen sich nun Jan und Robert, das haben wir vor meinem Wechsel schon so vereinbart.

Ihrem ersten Weltcupsieg in Calgary folgte schnell der zweite in Königssee. War es für Sie immer nur eine Frage der Zeit, bis Sie ganz oben ankommen?

Dass es schon in dieser Saison so weit ist, damit habe ich nicht gerechnet. Auf Podiumsplätze habe ich gehofft; mit den Siegen habe ich mich selbst überrascht. Entsprechend laut war mein Jubelschrei in Calgary. Ich hatte zuvor zwar auch schon bei den Junioren Rennen gewonnen, aber das ist jetzt wirklich noch eine ganz andere Hausnummer.

Sie gelten als passable Starterin und erstklassige Fahrerin. Ihr Handicap - so hieß es immer - seien gegenüber der Konkurrenz fehlende 20 Kilogramm Körpergewicht. Nun werfen Sie alle Theorien über den Haufen.

Das scheint so zu sein. Ich bin mit 63 Kilo genauso schwer wie im letzten Winter. Nach meinen Erfolgen sind viele Trainer anderer Nationen, Kanadier und Italiener zum Beispiel, zu mir gekommen und haben mir auf die Schulter geklopft und sich gefreut, dass ich den Grundsatz "Man muss schwer sein, um zu gewinnen" widerlegt habe. Genau das habe ich mir immer gewünscht. Als junger Sportler kam man aufs Internat, wurde - egal wie man aussah - gemobbt. Da kommen die dicken Rodler, hieß es. Ich habe mir schon damals fest vorgenommen, dass ich schlank bleiben und trotzdem Erfolg haben will. Dass das geht, hat mir nur lange keiner geglaubt.

Also bleibt es bei 63 Kilo?

Ich werde versuchen, in den nächsten Jahren noch ein paar mehr Muskeln zu bekommen, bis auf 67 oder 69 Kilo. Das muss reichen, ich will mich weiter wohlfühlen.

Zur WM in Winterberg: Die Bahn gilt als relativ einfach, ein guter Start ist schon die halbe Miete.

Der Start ist wirklich sehr wichtig, auch weil man leicht anecken kann, womit das Rennen schon verdorben wäre. Aber man darf auch nicht unterschätzen, wie wichtig das fahrerische Können speziell im unteren Teil ist. Es ist eine Hochgeschwindigkeitsbahn, die kaum einen Fehler verzeiht.

Wie schnell werden Sie auf Ihrem Schlitten?

Bis zu 135 km/h.

Was sind Ihre Ziele für die WM?

Mit zwei guten Läufen kann ich in die Top fünf fahren. Wenn dabei eine Medaille herausspringt, wäre das super. Ich wäre aber nicht todtraurig, falls ich am Ende Vierte bin. Auf eine WM bereiten sich alle noch einmal besonders akribisch vor, da ist die Konkurrenz zumeist schon noch ein bisschen härter als in den Weltcups. Was ich auf jeden Fall wieder möchte, ist Gold in der U-23-Wertung.

Werden Sie während der WM-Tage ordentlich angefeuert?

Es kommen mindestens 20 Leute mit nach Winterberg, Familie, Freunde, Sponsoren. Zu erkennen werden sie an den weiß-grünen Mützen sein, wie auch ich eine trage. Cheforganisatorin des Ganzen ist meine Mutti Simone.

Wenn Sie am Freitag im Sprint und am Samstag im Einzel auf Ihrem Schlitten am Start sitzen - werden Sie dann nervös oder aufgeregt sein?

Ja, das bin ich vor jedem Rennen. Ich versuche, das Ganze wie einen normalen Weltcup anzugehen, der Ablauf ist ja der gleiche. Ich hoffe, dass mein Körper und mein Kopf das dann genauso sehen.

Susi Erdmanns Goldbahn

Winterberg ist zum dritten Mal nach 1989 und 1991 Schauplatz einer Rodel-WM. Bei den Herren gingen die Titel an Georg Hackl (1989) und den Italiener Arnold Huber, bei den Damen gewann in beiden Jahren Susi Erdmann (Foto). Die Harzerin holte nach Ende ihrer Rodelkarriere an gleicher Stelle 2003 auch noch ihren zweiten WM-Titel als Bobpilotin. Im Doppel war das Ilmenauer Duo Stefan Krauße/Jan Behrendt zweimal das Maß der Dinge. Die 1977 fertiggestellte Bahn ist inklusive Auslauf 1609 Meter lang, hat 15 Kurven.

Bundestrainer Norbert Loch hat für die WM die Damen Natalie Geisenberger, Tatjana Hüfner, Dajana Eitberger und Julia Taubitz, die Herren Felix Loch, Johannes Ludwig, Chris Eißler und Sebastian Bley sowie die Doppelsitzer Toni Eggert/Sascha Benecken, Tobias Wendl/Tobias Arlt und Robin Geueke/David Gamm nominiert.

WM-Zeitplan: Am Freitag werden die Sprintrennen (13.40 Uhr Doppel, 14.35 Uhr Damen, 15.30 Uhr Herren/ jeweils ein Lauf) ausgetragen. Am Samstag ermitteln Doppelsitzer (11.10 Uhr) und Damen (14.20 Uhr) in zwei Läufen ihre neuen Weltmeister, am Sonntag (11.05 Uhr) die Herren. Den Abschluss der Wettkämpfe bildet danach ab 15.50 Uhr die Teamstaffel.

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