Linke Klebe, große Schnauze

Graciano Rocchigiani ist mit 54 Jahren gestorben. Er wurde auf Sizilien von einem Auto überfahren. "Er war nicht immer einfach", sagte sein früherer Manager Sauerland über den Berliner, der nicht nur in der Boxwelt polarisierte.

Berlin/Rom.

Das Herz eines Boxers hatte Graciano Rocchigiani wie kaum ein anderer. Sogar das Talent, um eine Weltkarriere wie Max Schmeling zu starten, bescheinigten dem Berliner mit der großen Schnauze manche Experten. Doch Rocchigiani verlor auf oft unglückliche Weise zu viele Kämpfe, im und außerhalb der Ringseile. Sein Unfalltod auf einer Schnellstraße in Sizilien beendete das wechselvolle Leben des Ex-Weltmeisters. Und auf bittere Weise passte das Ende zu dem 54-Jährigen, der für alle anderen nur Rocky hieß - wie der unbeugsame Filmheld aus Philadelphia.

Warum und unter welchen Umständen er im kleinen Ort Belpasso bei Catania kurz vor Mitternacht am Montagabend auf der mehrspurigen Staatsstraße SS121 zu Fuß unterwegs war, ist von der italienischen Polizei noch nicht geklärt. Ein Smart, gesteuert von einem 29-jährigen Sizilianer, überfuhr Rocchigiani, der sofort tot war. Beim Fahrer sei alles ordnungsgemäß gewesen, kein Alkohol festgestellt worden, hieß es von der italienischen Polizei.

Vor seinem 50. Geburtstag hatte Rocchigiani Ende 2013 eine positive Bilanz gezogen. "Ich habe alles in allem ein schönes, erfolgreiches Leben. Ich bin ein Sonntagskind, habe 50 Jahre auf der Überholspur gelebt. Die 22 Monate im Knast habe ich vielleicht auch verdient", sagte er damals.

Rockys früherer Manager Wilfried Sauerland hatte seinen Schützling so charakterisiert: "Er war der talentierteste Boxer in den letzten 30 bis 40 Jahren in Deutschland, vom Talent höher einzuschätzen als Henry Maske." 1988/89 wurde Rocchigiani Weltmeister im Supermittelgewicht, von 1998 bis 2000 hielt er den Titel im Halbschwergewicht. In dieser Gewichtsklasse lieferte er sich unvergessene Duelle mit Henry Maske und Dariusz Michalczewski, in denen er sich angesichts der Niederlagen immer wieder verschaukelt fühlte und dies deutlich aussprach. "Allet Beschiss, allet Schweine", polterte er nach einem Kampf gegen Michalczewski, den er schon vorher beschimpft hatte.

Das Verhältnis zu Maske gestaltete sich über viele Jahre ähnlich. Nachdem beide lange Zeit privat nichts miteinander zu tun hatten, seien sie sich zuletzt ein Stück näher gekommen. "Besondere Erinnerungen habe ich an die Feier anlässlich meines 50. Geburtstages. Da er nur wenige Tage älter als ich ist, hatten wir beide einen Grund uns gegenseitig zu feiern, und das mit vielen gemeinsamen Freuden und Weggefährten. Auch er fühlte sich sichtlich wohl, was mich sehr freute. Wir waren auf Augenhöhe", sagte Maske. Der deutsche Berufsbox-Präsident Thomas Pütz nannte Rocchigiani "einen der ehrlichsten Menschen, die ich kannte".

Der gebürtige Rheinländer mit der linken Klebe bestritt als Profi 48 Kämpfe und gewann 41. Sechs verlor er - im Ring. Handfesten Streit hatte Rocchigiani auch immer mit der Justiz. 1997 wurde er zu acht Monaten Haft auf Bewährung wegen Beleidigung eines Polizisten, gefährlicher Körperverletzung und Widerstandes gegen die Staatsgewalt verurteilt. Er hatte einen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle leicht angefahren und als "Advokatenscheißer" beschimpft - der Ausdruck bekam danach Kultcharakter.

Sein Temperament war aber oft nicht nur Spaß. Rocchigiani fuhr betrunken Auto, verlor seinen Führerschein, verprügelte Taxifahrer, kam mit Drogen in Berührung. "Ick hab' nix Schlimmet jemacht. Det passiert nun mal Otto Normalverbraucher", sagte er trotz seiner Haftstrafen in schönstem Berlinerisch. Seine Mutter war Berlinerin, der Vater ein sardischer Eisenbieger - eines der am liebsten verwendeten Synonyme für Rocchigiani.

Seinen größten juristischen Sieg erstritt der Faustkämpfer im Jahr 2004 gegen den Box-Weltverband WBC. 4,5 Millionen Dollar Schadenersatz gab es für die nach Ansicht des Gerichts unrechtmäßige Aberkennung des Weltmeistertitels. Das Geld war schnell weg. Ein paar Jahre später hatte Rocchigani Hartz IV beantragt, lebte in einer Zimmer in einer Pension bei Berlin.

Danach ging es wieder aufwärts. Mit seinem Bruder Ralf baute er in Berlin einen eigenen Boxstall auf, neue Rockys sollten gefunden und ausgebildet werden. Das aktuelle Niveau des Profiboxens sah Rocchigiani überaus kritisch. Zuviel Durchschnittskost. In einem "Freie-Presse"-Interview wurde er 2015 besonders deutlich: "Es gibt eine Inflation an Titeln, jeder darf sich Irgendwas-Meister nennen. Es gibt Boxer, die tragen sechs Gürtel in den Ring, obwohl sie kaum einer kennt."

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller stellte fest. "Nicht alles glückte ihm - im Leben wie im Ring. Doch Berlin hat Rocky ins Herz geschlossen." (dpa/fp)


Reaktionen zum Tod von Graciano Rocchigiani

Ex-Boxer Henry Maske: "Wir hatten in unserer Karriere Momente, in denen man gemerkt hat, dass wir zwei grundverschieden waren. Auf der anderen Seite hatten wir aber eine Ebene, die uns verbunden hat. Wir sind uns gegenseitig immer mit Respekt und auch einer gewissen Freundschaft begegnet."


Manager Wilfried Sauerland: "Wir sind bestürzt und fassungslos. Wir trauern um Graciano und sind in Gedanken bei seiner Familie, seinen Kindern und seinen Freunden. Rocky hat unseren Boxstall geprägt, ein großes Publikum mit seinen Kämpfen begeistert. Es hat manches Mal gekracht, am Ende haben wir immer einen Konsens gefunden."


Ex-Boxer Dariusz Michalczewski: "Wir waren anders, aber in gewissen Dingen hatten wir eine gemeinsame Ebene, in gewissen Dingen waren wir uns sehr ähnlich. Wir standen 24 Runden gemeinsam im Ring, haben wirklich hart um den Sieg gekämpft. Das verbindet und so entwickelten wir viel Respekt füreinander."


Ex-Boxer Axel Schulz: "Ich kannte drei Seiten von ihm. Den Boxer, den Menschen und den Freund. Alle drei Seiten waren beeindruckend. Ich habe selten so eine ehrliche Haut wie ihn erlebt. Ein toller Typ. Das Schlimme ist, dass er gerade auf dem Weg der Besserung war. Er war wirklich dabei, sein Leben endlich in den Griff zu kriegen." (dpa)


Graciano Rocchigiani

geboren: 29. 12. 1963 in Rheinhausen, heute ein Stadtteil von Duisburg

erster Profikampf: 10. 9. 1983 in Köln - K.o.-Sieg gegen Esperno Postl (Österreich)

letzter Profikampf: 10. Mai 2003 in Stuttgart - Niederlage gegen Thomas Ulrich

größte Erfolge: 11. 3. 1988 in Düsseldorf - nach K.o.-Sieg gegen Vincent Boulware (USA) IBF-Weltmeister im Supermittelgewicht, drei erfolgreiche Titelverteidigungen; 21. 3. 1998 in Berlin - nach Punktsieg gegen Michael Nunn (USA) WBC-Weltmeister im Halbschwergewicht. (dpa)

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