Der Chemnitzer, der einen Olympiasieger trainierte

Siegfried Kühne betreute den Weltklasse-Weitspringer Lutz Dombrowski. Nun ist er 90 geworden und blickt auf ein Leben zurück, das eigentlich hätte anders verlaufen sollen.

Wenn er erzählt, denkt der Zuhörer - das alles ist erst gestern geschehen. Dabei liegt vieles über drei Jahrzehnte zurück. Doch Siegfried Kühne erinnert sich genau - kann deshalb stundenlang aus dem Nähkästchen plaudern. Kürzlich feierte er seinen 90. Geburtstag. Und viele seiner Schützlinge ließen es sich nicht nehmen, ihm zu gratulieren.

Kühne war 33 Jahre Leichtathletiktrainer bei der damaligen SG Dynamo Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitzer Polizeisportverein. "Ich trainierte vor allem den Nachwuchs und bin stolz darauf, dass viele junge Leute mit ihren Leistungen dazu beigetragen haben, dass sich der Verein über die Region hinaus einen Namen gemacht hatte", sagt er.

Dabei sei es nicht immer leicht gewesen, sich gegen die Sportler aus den Leistungsclubs durchzusetzen. "Umso stolzer waren wir, wenn ein Athlet von uns bei Wettkämpfen weit vorn landete", erzählt der ehemalige Coach. So lief Monika Falb 1966 bei den nationalen Dynamo-Meisterschaften DDR-Bestleistung über 600 Meter. Dietmar König sorgte für Aufsehen, als er 1963 bei den DDR-Juniorenmeisterschaften Silber über 3000 Meter erkämpfte.

Der 90-Jährige hat in seiner Trainerlaufbahn viele bekannte Sportler betreut, die später auch international erfolgreich waren. Dazu zählten Weitsprung-Olympiasieger Lutz Dombrowski, den er am Stützpunkt Zwickau trainierte, sowie die zweifache Junioren-Europameisterin über 400 Meter, Bettina Wolfrum. Beide waren damals schon bei Leistungsclubs. Während Dombrowski beim SC Karl-Marx-Stadt (SCK) trainierte, ging Wolfrum für den SC Dynamo Berlin an den Start. Er habe in seiner Laufbahn 15 Athleten nach Berlin und drei zum SCK geschickt, sagt Kühne. "Das ist eine beachtliche Zahl." Er habe gewusst, dass in der DDR viele Funktionäre auch beim Sport hineingeredet haben. "Aber an die Trainer und Sportler haben sie sich nicht rangetraut. Hätten sie das gemacht, hätten einige aufgehört. Das konnte man sich keineswegs leisten", meint er.

Die Trainerlaufbahn bezeichnet der heute 90-Jährige als seine schönste Zeit - obwohl er etwas ganz anderes werden wollte. "Durch den Krieg verschlug es mich 1939 von Chemnitz in die Nähe von Karlsbad. Dort begann ich 1944 eine Lehre als Verwaltungsangestellter", erklärt der Senior. Als er 1946 nach Chemnitz-Ebersdorf zurückkehrte, wollte er die Ausbildung fortsetzen. Doch daraus wurde nichts. "'Wir brauchen keine Schreiberlinge, sondern Handwerker', hatte mir man damals gesagt." Kühne absolvierte eine dreijährige Tischlerausbildung. Aber so richtig warm sei er mit dem Beruf nicht geworden. "Irgendwie hat mein Herz für den Sport geschlagen." Fußball und vor allem Leichtathletik hätten ihn interessiert. "Ich erreichte im Weitsprung immerhin eine Weite von 6,50 Meter", sagt er.

1950 wurde er Mitglied des Sportvereins Deutsche Volkspolizei (SVDVP) Dynamo Karl-Marx-Stadt. Dort erhielt er den Auftrag, als Sportlehrer den Dienstsport in der Bezirksbehörde der Volkspolizei einzuführen. Der Beruf als Leichtathletiktrainer nahm Konturen an. 1958 begann Kühne ein dreijähriges Studium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig. Bis nach der Wende formte er viele erfolgreiche Sportler.

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